Sir Karl Popper schaute weniger auf den Inhalt als auf die Gestalt. Für alle, die ihn nicht kennen: Popper war kein Designer, sondern Philosoph. Aber er dachte über das Design von Wissenschaft nach, über Forschungsfragen und Erkenntnisgewinn. Und damit sind wir beim Klimawandel.

Popper hat das wichtigste Kriterium für die empirische Naturwissenschaft formuliert, Falsifizierbarkeit: "Eine wissenschaftliche Hypothese (lässt sich) zwar niemals erweisen, wohl aber, wenn sie falsch ist, widerlegen" – nur was so formuliert wird, dass es als falsch entlarvt werden kann, ist wissenschaftlich von Wert.

Für Forscher bedeutet das: Sie müssen stets danach streben, vorherige Ergebnisse zu widerlegen, also zu falsifizieren. Für uns alle heißt es: Auch wenn eine Hypothese nie bewiesen werden kann, nie als letztendlich wahr gelten wird, kann man sich ihrer doch unsicherer oder sicherer sein. Umso mehr, je hartnäckiger sie Falsifikationsversuchen trotzt. Und damit sind wir beim jüngsten Bericht des Weltklimarats.

Der enthält bei allen neuen Details keine grundlegenden Veränderungen im Vergleich zu seinem sechs Jahre alten Vorläufer (welcher wiederum auf drei noch älteren Fassungen fußt).

Nachrichtentechnisch mag das eine Enttäuschung gewesen sein. Wissenschaftstheoretisch betrachtet, ist es ein gutes Zeichen.

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Und was ist mit jenen Aussagen, die sich im Detail verändert haben? Etwa der Prognose für den Meeresspiegelanstieg, die nach oben, oder dem Korridor für die Klimasensitivität, der nach unten korrigiert wurde? Sie erinnern uns daran, dass der Erkenntnisgewinn keinen Endpunkt hat. Weder im praktischen noch im popperschen Sinne.

Wenn nun selbst in der – verdichteten und vereinfachten – Zusammenfassung des Berichts keine Gewissheiten verkündet werden, sondern stattdessen da steht: "Es ist extrem wahrscheinlich, dass menschlicher Einfluss der dominante Grund für die im 20. Jahrhundert beobachtete Erwärmung ist", ist das eine Referenz an die grundsätzliche Möglichkeit, dass es sich noch als anders herausstellen könnte.

Aber ist das auch eine Ausrede für das Kernpublikum des Klimaberichts, also für die Regierungen der Welt?

Politische Entscheidungen fallen in einer anderen Sphäre. Politik basiert selten auf Gewissheit, dafür häufig auf Überzeugung. Kriege wurden schon auf Basis handfester Lügen (Irak-Invasion) begonnen, staatliche Fürsorgeprogramme wider jedes bessere Wissen (Betreuungsgeld) eingerichtet.

In diesem Fall aber sind die Gründe gut. Beim Stand des Wissens über die drastischen Eingriffe, die wir ins Erdklimasystem vornehmen, kann es politisch nur eine Konsequenz geben: handeln. Durch Klimaschutz und Vorbereitung auf die wohl nicht mehr abwendbaren Folgen des Treibhauseffekts. Wer vorher alle zugrunde liegenden Hypothesen bewiesen haben wollte, hätte die Unmöglichkeit nicht verstanden – und erst recht nicht die Dringlichkeit.