In seinem Ministerbüro in Belgrad wirkt Lazar Krstić noch wie sein eigener Gast. Bei der Begrüßung stößt er aus Versehen gegen eine Kommode, deren Tür daraufhin aufgeht. Er entschuldigt sich und lacht, weil nichts drin ist, auch die Bücherschränke sind leer. Ihm würde es wahrscheinlich reichen, wenn er mit Laptop und Telefon in einem schlichten Raum sein Lager aufschlagen könnte, ganz ohne Ministermöbel.

Mehr als drei Koffer brauchte der 29-Jährige nicht, um von New York nach Belgrad zu ziehen. Sein Leben sah bisher so aus, wie man es sich bei jungen Unternehmensberatern vorstellt. Er reiste von Projekt zu Projekt, in New York teilte er sich eine fertig eingerichtete Wohnung mit einem Mitbewohner, der in der Finanzbranche arbeitet. Ein Leben ohne jeden Ballast. Lazar Krstić war für McKinsey vor allem in Europa unterwegs, beriet Ölfirmen und Banken. Auch in Serbien, seiner Heimat, war er schon als "Mecki", also für McKinsey. Das erste Mal während eines Praktikums, da war er 23 Jahre alt. Ein paar Wochen ist sein Umzug nun her, diesmal soll er Serbien vor dem Bankrott retten, als jüngster Finanzminister aller Zeiten.

Sein Alter, darüber reden alle. Was ist in eine Regierung gefahren, so einen jungen Mann in einer schweren Krise zum Finanzminister zu machen, ihm das mächtigste Amt im Kabinett zu geben? Die Serben hörten seinen Namen vor gut einem Monat zum ersten Mal, sprechen ihn aber schon ziemlich respektvoll aus. Denn in den Medien wird die Geschichte eines Wunderkindes verbreitet, eines Mathegenies, eines Talents, das in Amerika ausgebildet wurde und nun zurückkehrt, um das Land zu retten. Auch Krstić erzählt es gerne so. Er, das Einzelkind aus einfachen Verhältnissen, gewann erst in seiner Heimatstadt Nis, später landesweit alle Wettbewerbe in Mathematik. "Klar, ich war als Schüler ziemlich introvertiert", sagt er. Nach seiner Schulzeit bewarb er sich in den USA, wurde an der berühmten Yale University mit einem Stipendium genommen und war auch dort Jahrgangsbester, studierte neben Mathematik noch Politik und Ökonomie in einem Begabtenprogramm. "In Yale habe ich gelernt, mich zu öffnen, denn in den USA war ich fremd. Für so jemanden wie mich war das eine ziemliche Herausforderung." Mit 23 fing er bei McKinsey an. Für Krstić ging es immer schnell bergauf. "Ich war an vielen Stellen der Jüngste und habe bisher immer zugesagt, wenn es weiterging. Bisher hat es funktioniert." Warum jetzt nicht Minister?

Der Blick von außen ist das, was Unternehmensberater ausmacht. Sie haben keine Verantwortung, müssen keine Interessen bedienen. Sie machen Vorschläge für eine Sanierung und verschwinden dann wieder. Serbien ist gerade ein echter Sanierungsfall, denn das Land steht kurz vor der Pleite. Doch Krstić sagt: "Ich bin hier nicht als Berater!" Die Unterscheidung ist ihm sehr wichtig. "Es ist keine Beratung, sondern eine echte Aufgabe. Der Unterschied zur Beratung ist: Hier trage ich die volle Verantwortung für meine Entscheidungen und muss sie danach vertreten können."

Krstić ist eine taktische Wahl, ein Scoop in mehrfacher Hinsicht

Doch dass er von außen kommt und keine Erfahrung in der serbischen Politik hat, ist sein großer Vorteil, sagen selbst Kritiker. Denn es gibt in Serbien keinen Politiker, der nicht in irgendetwas verstrickt ist, korrupt oder von mächtigen Interessen abhängig. Krstić kann frei von Bindungen handeln, er ist hier ein unbeschriebenes Blatt. Das macht es für Interessenvertreter schwer, ihn einzuschätzen.

Dass er nun eine öffentliche Person ist, "das passt eigentlich nicht unbedingt zu mir", sagt er. Schon jetzt ist er mit seinem gestutzten Vollbart auf allen großen Zeitungen und Magazinen zu sehen. Er sieht wirklich noch ziemlich jung aus. Mit dem Bart macht er sich etwas älter, um reifer zu wirken. Eigentlich hatte er mal überlegt, nach ein paar Jahren bei McKinsey in den USA zu promovieren, theoretische Mathematik und Politik, eine akademische Karriere, so was. Dann kam der Anruf, der ihn doch ziemlich überrascht hat. Als sich das Büro des stellvertretenden Ministerpräsidenten auf seinem amerikanischen Handy meldete, war er gerade für ein Projekt in Europa. Ob er denn eine Idee hätte, wie man die Finanz- probleme Serbiens lösen könne, wurde er gefragt. Am Ende des Gesprächs bot man ihm den Posten des Finanzministers an.