An einem Spätsommerabend 2013 sitzt Muhlis Ari auf der Dachterrasse des besten Hotels der türkischen Industriestadt Cerkezköy. Die Fabriken, die sich bis zum Horizont erstrecken, leuchten in der Abendsonne. Außer Ari sind nur ein paar asiatische Geschäftsleute im Restaurant des Golden Palas. Er hat sich breitbeinig an den Rand der Terrasse gesetzt, als gehöre er mit seinen 29 Jahren, den Turnschuhen, dem Mir-kann-keiner-was-Blick genau hierher.

Seit acht Jahren hat Ari die Türkei nicht mehr verlassen, dabei ist er in München geboren. Den Großteil seines Lebens hat er dort verbracht. Ari darf nicht nach Deutschland einreisen, auch nicht in irgendein anderes Land der EU. Kehrte er nach München zurück, er würde am Flughafen verhaftet und für 18 Monate ins Gefängnis gesteckt. In seinem Leben ist unglaublich viel schiefgelaufen, und am größten Teil der Misere ist er selbst schuld. Er hätte Grund, bedrückt zu sein, wütend, verzweifelt – aber er guckt ins Abendrot und strahlt.

Bald wird er den Mann treffen, der einmal sein größter Feind gewesen ist. Vielleicht wird das Aris Revanche. Der Mann ist Günther Beckstein, der ehemalige bayerische Innenminister. In ein paar Tagen wird er nach Cerkezköy kommen, Beckstein und Ari sollen auf Initiative einer Boulevardzeitung ein Gespräch führen. Für Ari ist das ein Moment des Triumphs.

"Der Beckstein", sagt er, als spucke er aus. "Jetzt braucht er mich."

Den Deutschtürken Muhlis Ari und Günther Beckstein verbindet eine Geschichte, die 1998 Deutschland aufwühlte. Ari war damals ein Kind, das prügelte und stahl. 61-mal fiel er der Polizei auf und konnte doch nicht bestraft werden, weil Kinder nicht vor Gericht gestellt werden dürfen. Weder Eltern noch Jugendamt bekamen ihn in den Griff. Die Behörden nannten Ari Mehmet, unter dem Namen ist er bis heute so etwas wie eine Berühmtheit. Denn kurz nach seinem 14. Geburtstag wurde er dann doch noch verurteilt, wegen schwerer Körperverletzung – und Günther Beckstein sorgte mit dafür, dass Ari sofort in die Türkei abgeschoben wurde. Ari war dort ganz auf sich allein gestellt, er kannte das Land seiner Eltern kaum und sprach wenig Türkisch. Man konnte auch Mitleid mit ihm haben.

1998 war ein Jahr, in dem die Bayern ihren Landtag neu wählen sollten und darüber stritten, wie man mit jugendlichen Kriminellen umgeht. Mehmet geriet in die Mühlen dieses Streits. Es gab sogar Pläne, Ari mitsamt Familie abzuschieben; sein damaliger Anwalt verhinderte das. Bei der Wahl bekam Becksteins Partei, die regierende CSU, dann so viele Stimmen wie seit den siebziger Jahren nicht. Becksteins Taktik schien aufgegangen zu sein.

Günther Beckstein sagt heute, er habe "ein Exempel statuieren" wollen, um die Gewalt einzudämmen, und das habe in München auch geklappt: Dort habe es eine "Mehmet-Delle" in der Kriminalstatistik gegeben. Die Abschiebung ist später vom Bundesverwaltungsgericht für illegal erklärt worden, was Beckstein bis heute ärgert. Aris Geschichte hält noch ein paar verblüffende Wendungen bereit. Er ist dann sogar für einige Jahre nach Deutschland zurückgekehrt, aber im Gedächtnis geblieben ist er als der 14-Jährige, den man ins Flugzeug nach Istanbul steckte, um ihn loszuwerden.

"Ne voll krasse Story", sagt Ari, auf seinem schwarzen Hemd leuchtet der Name eines französischen Designers. Er ist sehr geschmeichelt davon, dass sich jemand für ihn interessiert.

Wie sieht er die Ereignisse vor 15 Jahren heute? Und was hat er aus ihnen gelernt?

Ari hat seine Geschichte aufgeschrieben: sein Leben als Immigrantenkind, die Abschiebung und alles was danach kam. Das Buch heißt Sie nannten mich Mehmet. Geschichte eines Ghettokindes, es erscheint in diesen Tagen. Zum ersten Mal meldet sich Mehmet selbst ausführlich zu Wort. Auch Günther Beckstein spielt darin eine Rolle. Ari macht ihm Vorwürfe, die Ausweisung sei Teil eines sorgfältig vorbereiteten Plans gewesen, um Wählerstimmen zu holen. Worüber will Ari mit Beckstein reden? Ist er noch wütend auf ihn?

"Ich werde auf jeden Fall nicht in Gefühle ausbrechen", sagt er. Den Rest müsse er noch mit seinem Anwalt besprechen.

Er hat sich die Sonnenbrille ins raspelkurze Haar geschoben, er sitzt auf der Terrasse wie der König von Cerkezköy.

Kaum zu glauben, dass er als 14-Jähriger so vielen Angst eingejagt hat. Aber ausgerechnet junge Männer wie er fielen seit Anfang der neunziger Jahre immer mehr durch Gewalt auf, Mehmet war dafür nur ein Symbol. In der Altersgruppe der 14- bis 21-Jährigen nahm die Gewaltkriminalität bis 2007 stark zu; erst danach ging sie etwas zurück. Heute ist sie ungefähr so ausgeprägt, wie sie es 1998 war. Seit Mehmet hat sich also nicht viel geändert. Wie hoch der Anteil von Migrantenkindern unter jungen Straftätern ist, erfasst die Statistik nicht. Zuletzt schockierten drei türkischstämmige Männer das Land, die 2012 auf dem Berliner Alexanderplatz einen Jugendlichen zu Tode prügelten, dem sie zufällig begegnet waren.