Archivbild eines Tornados © STR/AFP/Getty Images

Wer sich für Amerikas kulturelle Exportgüter interessiert, kommt in diesem Jahr nicht am Film Sharknado vorbei. Der Titel ist haarsträubend: "Sharknado" steht für einen Haifisch-Wirbelsturm (shark + tornado). Noch lächerlicher ist die Handlung: Ein Tornado peitscht Tausende von Haien aus dem Meer und lässt sie auf Los Angeles regnen. Das Ganze ist niveaulose Unterhaltung, taugt aber für Gedankenspiele. Man stelle sich vor, man wacht in L.A. auf und schaltet den Fernseher an: In den Nachrichten wird vor einem herannahenden Sharknado gewarnt. Zwei Experten diskutieren, ob Sharknados gut oder schlecht für die Menschheit, die Wirtschaft und unsere Gehirne sind. Einer fürchtet um unsere Kultur, der andere erwidert, dass Sharknados die ohnehin sterbenden Industrien hinwegfegen und Raum für neue Ideen schaffen könnten. Dann klopft es an der Tür. Ein gut gekleideter Mann steht draußen und behauptet, er arbeite für die "Sharknado Evakuierungs-GmbH", ein Start up-Unternehmen, das einen für wenig Geld in Sicherheit bringt. Entscheiden müsse man sich allerdings sofort. Verwirrt bezahlt man ihn.

Willkommen in der Internet-Debatte. Intellektuelle können darin zwischen zwei Rollen wählen: die des Fernsehexperten und die des Vertreters. Als Experten applaudieren sie entweder jeder neuen Entwicklung, oder sie verurteilen alles, was nach Elektrizität riecht. Oder: Morgens machen sie eine Prophezeiung, nachmittags beraten sie uns, und abends verwirren sie uns per Twitter. Für viele erschöpft sich darin das Potenzial des Internet-Intellektuellen.

Kürzlich erschien im Democracy Journal ein Essay über den traurigen Zustand dieser Intellektuellen in Amerika. Dort heißt es: "Die Aufgabe eines Intellektuellen ist es, der Öffentlichkeit Ideen und Argumente zu erklären." Nach dieser Lesart sollen Intellektuelle erst erklären und später hinterfragen.

Natürlich können Internet-Intellektuelle ihre Weisheiten leicht verdaulich aufbereiten. Das tun sie zum Beispiel bei TED, der Online-Konferenz, die ganz in der Tradition der für jeden verständlichen Wissenschaft steht. Große Naturwissenschaftler wie Stephen Hawking oder Neil deGrasse Tyson machen Laien auf diese Weise ihr Wissen zugänglich. Viele Internet-Intellektuelle wollen genau das erreichen. Sie versuchen, bestimmte Aspekte "des" Internets zu erklären, etwa die Funktion kostenloser Software oder von Wikipedia oder den Sturz eines Diktators mithilfe Sozialer Netzwerke. Wer Geschäftssinn besitzt, wird diese Erklärungen später in lukrative Beratungsdienste verwandeln.

Ich glaube, dass Internet-Intellektuelle mehr können. Ob man meine Argumentation überzeugend findet, hängt allerdings davon ab, ob man "das" Internet für einen Asteroiden hält, den ein Astrophysiker erklärt, oder für einen Sharknado, also einen Gegenstand, den man zwar erklären kann, aber nur zu dem Preis, dass man ihn dadurch glaubhafter macht, als er sein sollte.

Was das Democracy Journal ignoriert, ist die Geschichte des öffentlichen Intellektuellen. Diese Geschichte braucht hier nicht wiederholt zu werden, sie beginnt mit der Dreyfus-Affäre in Frankreich und mit der Einmischung des Schriftstellers Émile Zola. Wichtig ist dabei, dass Zolas berühmtes J’accuse kein Tweet und keine PowerPoint-Folie bei der TED-Konferenz war. Zola hatte keine "Ideen und Argumente erklärt", sondern das Urteil eines Militärgerichts hinterfragt.

Später schlugen Noam Chomsky und Michel Foucault zwei weitere Modelle politischer Einmischung vor. Nach Chomsky müssen Intellektuelle den Mächtigen die Wahrheit sagen. Nach Foucault müssen sie Wahrheit als Macht entlarven. Chomsky warf in seinem Essay Die Verantwortung der Intellektuellen von 1967 zeitgenössischen Denkern vor, die Regierung während des Vietnamkrieges zu beraten und die Öffentlichkeit zu belügen, statt "den Mächtigen die Meinung zu sagen und ihre Lügen aufzudecken". Foucault hingegen unterschied zwischen "universellen Intellektuellen" wie Jean-Paul Sartre und einer neuen Gattung von "spezifischen Intellektuellen", deren Expertise sich auf Spezialbereiche wie Physik oder Biologie bezog. Robert Oppenheimer, meinte Foucault, sei "nicht mehr Sänger der Ewigkeit, sondern Stratege des Lebens und des Todes".