Ambivalent fängt es an, dieses Künstlerleben zwischen Europa und der Emilia-Romagna, zwischen der Oper als idealistischer Anstalt und dem Lob und der Lust des Landlebens, zwischen politischen Revolutionen und persönlichen Katastrophen, Wachteljagden und Welterfolgen: Bis heute rätselt die Forschung, ob Giuseppe Fortunino Francesco Verdi ein Samstags- oder ein Sonntagskind war. Wurde er am 9. oder am 10. Oktober 1813 im Dörfchen Le Roncole in der Nähe von Busseto geboren?

Seine Taufe, so viel ist gewiss, erfolgte am Montag, die hohe Kindersterblichkeit der Zeit legte dies nahe, und da im italienischen Königreich bis 1814 das verhasste Französisch Amtssprache war, wird das künftige Genie im Geburtenregister als Joseph Fortunin François geführt. Auch das kommt einem Orakel gleich. Rechnet man alles zusammen, verbringt Verdi insgesamt sieben Jahre seines langen, arbeitssamen Lebens in Paris, der damaligen Opernhauptstadt, gegen deren Boulevards er zwar "eine tödliche Antipathie" hegt, in der er sich andererseits aber so frei fühlt wie in der "Wüste" und nirgends sonst. Was für eine Dialektik.

Wer ist Verdi? Bis heute, neben seinem Dauer-Antipoden Richard Wagner, der bedeutendste Opernkomponist des 19. Jahrhunderts. Va, pensiero, der Gefangenenchor aus Nabucco,  La donna è mobile aus Rigoletto, der Triumphmarsch aus Aida (mit und ohne echte Elefanten) und ein halbes oder ganzes Dutzend Ohrwürmer mehr gehen auf sein Konto, zum Mitsingen, für jede Caféhaus-Kapelle geeignet. Doch genau diese Zugänglichkeit und Popularität ist sein Fluch. Man nimmt Verdis Kunstwillen nicht ernst, man sieht und hört nicht, lange nicht, welche vulkanischen, subversiven Kräfte jenseits des Theatralischen darin stecken. Auch weil er, anders als Wagner, so gar nicht zum Theoretisieren über die Musik und sich selbst neigt. Er ist kein Mann der vielen Worte, vor allem im Alltag nicht (was seine zweite Frau, die Primadonna Giuseppina Strepponi, mit der er zunächst in wilder Ehe lebt, etwas grämlich berichtet).

Der Gefangenenchor hat auch etwas Ikarushaftes

"Leierkastenmusiker" schimpfen ihn die Zeitgenossen nördlich der Alpen, des Hm-ta-tas wegen, jener so sehr ins Ostinato verliebten und oft etwas fahrlässig instrumentierten Begleitung seiner Melodien. Zu Hause in Italien triezt ihn derweil die Zensur, außerdem reibt man ihm die Belcantisten unter die Nase: Rossini! Donizetti! Bellini! Cherubini! Die schrieben wahre italienische Musik und nichts Vulgäres! Verdi ächzt unter diesem Zweifrontenkrieg, der in Wahrheit ein Dreifrontenkrieg ist und sich gegen Ende seines Lebens zum Vierfrontenkrieg auswachsen soll: Die dritte Front heißt Giacomo Meyerbeer und feiert in Paris astronomische Erfolge. Und ist es, vierte Front, nicht eine Schande, wie die Jungen, die Boitos und Puccinis, sein Erbe Ende des Jahrhunderts mit Füßen treten?

Am schlimmsten aber fühlt sich für ihn il wagnerismo an, jene Bewegung, nein: jene Erhebung nach der triumphalen italienischen Erstaufführung des Lohengrin 1871 in Bologna. Verdi ist Zeuge der Aufführung und findet Wagners Musik "laut, unverständlich, schön, doch schwer erträglich wegen der ständigen hohen Noten der Violinen, ohne Poesie und Feinheit". Die Bologneser aber sind wie von Sinnen, backen Lohengrin-Kuchen und Gralsbrote, schlagen sich um limitierte Parfümflacons mit Schwan, und der letzte Schrei sind Hüte, die statt einer Feder Lohengrins Horn tragen. Verdi kann diesen Wankelmut nicht fassen: Stets hatte es unter Italienern doch geheißen, Wagners Musik sei böse und mache krank, verursache Pocken, Gelbsucht und andere Leiden. Wo ist der Stolz geblieben?, fragt sich der Maestro zehn Jahre nach der so heiß erkämpften italienischen Einheit. Va, pensiero, der Chor der Juden in babylonischer Gefangenschaft, galt noch als heimliche italienische Nationalhymne, und bei der Uraufführung des Maskenballs 1859 in Rom skandierte das Publikum so lange "Viva Verdi!", bis sein Name emphatisch und für alle Zeiten mit V.E.R.D.I. verschmolz, dem Kürzel für Vittorio Emanuele Re d’Italia, den ersten König aller Italiener. Die Oper im 19. Jahrhundert ist eben immer auch eine nationale Angelegenheit, das gibt den ästhetischen Empfindlichkeiten ihre Würze.