Als der damalige Feuilleton-Chef Rudolf Walter Leonhardt im April 1969 in drei Folgen Auszüge aus seinem Buch Wer wirft den ersten Stein? Minoritäten in einer züchtigen Gesellschaft veröffentlichte, war ich stellvertretender Chefredakteur. Ich kann mich jedoch nicht entsinnen, dass es in der ZEIT-Redaktion eine Diskussion über die heutzutage als Libertinage-lastigen, ja als empörend empfundenen Kapitel seines Buches gegeben hätte. Streit gab es damals – und später immer wieder – vor allem über das Kapitel Haschisch, Himmel und Hölle. Daran hatten die seriöseren Gemüter im Hause schwer zu schlucken; die Chefredakteurin Marion Dönhoff litt darunter nach eigenem Bekunden jahrelang "wie ein Hund".

Warum uns die abgedruckten Folgen über die Sexualität im Lande nicht weiter aufgeregt haben? Ich weiß es nicht mehr. Zwei Gründe kann ich mir im Nachhinein jedoch vorstellen.

Zum Ersten kannten wir unseren "Leo". Er riskierte gern Widerspruch und Empörung und genoss es, Außenseiter zu sein und zuweilen auch Einzelgänger. So war der Porsche-Fahrer und Whiskykenner ebenso gegen Geschwindigkeitsbegrenzungen wie gegen die radikale Verfolgung von Alkoholsündern am Steuer. Die Anschnallpflicht lehnte er als Beschränkung unserer Freiheit ab. Die Frage, ob Volksschullehrer studiert haben sollten, war ihm allemal eine Kontroverse wert. Anfangs trat er aus Daffke sogar für den Kaufhausbrandstifter Baader ein. So war er: Mit Verve stürzte er sich in jedes Schlachtengetümmel der Meinungen und vertrat gern auch einmal unhaltbare Ansichten.

Zum Zweiten galten damals auf dem Felde der sexuellen Beziehungen noch vielerlei repressive Verbotsparagrafen, für deren Aufhebung wir eintraten und die inzwischen ja auch längst aufgehoben worden sind – Paragrafen, die noch vor einer Generation Homosexualität, Ehebruch, Kuppelei und Abtreibung unter Strafe stellten. Womöglich waren wir blind, aber keiner von uns las Leos Text als Aufruf zur Freigabe der Pädophilie. Eher hörten wir einen klagenden Unterton heraus, dass verführerische Lolitas arglose Männer ins Unglück stürzten. So beteuerte der Autor ausdrücklich: "Kinder müssen geschützt werden – aber Erwachsene auch."

Feinfühlig, wie wir spätestens seit den Missbrauchsskandalen in der Odenwaldschule und der katholischen Kirche, seit den Enthüllungen auch über Trittins oder Cohn-Bendits frühere Einstellungen geworden sind, kommen uns heute viele Formulierungen Leonhardts, kommt uns überhaupt seine ganze Grundhaltung unmoralisch vor und verwerflich.

Wäre ich damals Chefredakteur gewesen und hätte ich seinen Text gelesen, ehe er in Satz ging (was die damals letztverantwortliche Gräfin Dönhoff schwerlich getan hat) – ich möchte hoffen, dass ich Leo den Abdruck mit dem Argument ausgeredet und notfalls untersagt hätte, ich dürfe nicht riskieren, dass seine maßlos überzogene Ansicht als Meinung der ZEIT missverstanden würde.

Was uns damals in die Irre führte, war die Idiosynkrasie eines einzelnen, allerdings leitenden und daher prominenten Redakteurs. Sein Buch schrieb er 1968; die Jahreszahl besagt vieles. Dass in einem Seismografen wie der ZEIT auch die Irrungen und Wirrungen einer sich wandelnden Gesellschaft ihre Spuren hinterlassen, ist wohl unvermeidlich. Da hätten wir schärfer hinschauen müssen. Da haben wir 1969 nicht aufgepasst. Doch niemals ist die ZEIT als Blatt für Pädophilie eingetreten.