Was wurde verschwiegen, geduldet, hingenommen, übersehen? In der Debatte um den öffentlichen Umgang mit Pädophilie und Päderastie, dem sexuellen Interesse Erwachsener an Kindern beziehungsweise (prä)pubertären Jugendlichen, muss auch die ZEIT ihre Veröffentlichungen früherer Jahrzehnte kritisch beleuchten. Seit Ende der sechziger Jahre publizierte sie mehrere Artikel, in denen die Autoren die Strafbarkeit sexueller Handlungen mit Kindern und Jugendlichen infrage stellten. Nach allem, was im Archiv bislang auffindbar ist, wird klar, dass sich die Redaktion in der Ära der sexuellen Befreiung nicht rigoros genug dagegen wehrte, wenn einzelne Autoren dieses Tabu brachen.

Rudolf Walter Leonhardt, von 1957 bis 1973 Feuilletonchef, danach bis 1986 stellvertretender Chefredakteur, veröffentlichte im April und Mai 1969 unter dem Titel Unfug mit Unschuld und Unzucht eine dreiteilige Serie. Leonhardt kritisiert darin die Tabuisierung der Pädophilie beziehungsweise Päderastie. Er bezieht sich auf das "kuriose" Sexualstrafrecht in den USA und fragt: "Woher kommt sie, diese oft romantische, oft sentimentale Verklärung kindlicher Unschuld im Allgemeinen und erotischer Unschuld im Besonderen, die es mit sich bringt, dass Verführung von Kindern mit Strafen bedroht wird, wie sie sonst nur gegen Mörder verhängt werden?"

Leonhardt relativiert den sexuellen Umgang mit Minderjährigen insofern, als er zahlreiche Beispiele aus Geschichte und Literatur anführt, in denen Mädchen mit Männern verkehrten, "von Helena bis Lolita". "Kurz: alle großen Liebenden der Weltliteratur kämen heute (...) in Fürsorgeerziehung." In der Gegenwart konstatiert er "sonderbar verquollene Vorstellungen von der ›Unschuld des Kindes‹" und zieht als Kronzeugen unter anderem den Philosophen Theodor W. Adorno heran, den er mit den Sätzen zitiert: "Das stärkste Tabu von allen ist im Augenblick jenes, dessen Stichwort ›minderjährig‹ lautet und das schon sich austobte, als Freud die infantile Sexualität entdeckte. (...) Altbekannt, dass Tabus umso stärker werden, je mehr der ihnen Hörige selber begehrt, worauf die Strafe gesetzt ist." Leonhardt selbst schreibt: "Dabei ist der Nachweis nicht erbracht, dass Kinderseelen unheilbaren Schaden nähmen vom Schock der ersten Begegnung mit einer Manifestation des Sexuellen, also etwa dem vielzitierten guten Onkel, der mit Schokolade lockt und dann: ja, was eigentlich macht?"

Auch der damals populäre Sexualforscher Alfred Charles Kinsey kommt in Leonhardts Artikel zu Wort: "Es ist schwer einzusehen, warum ein Kind, wenn es anders erzogen worden wäre, verstört werden sollte, wenn seine Genitalien berührt werden." Die emotionale Reaktion mancher Eltern, Polizeibeamten und anderer Erwachsener auf derlei Vorkommnisse könne "eine ernstere Verstörung des Kindes zur Folge (haben) als die sexuellen Kontakte selber".

Und unter dem Titel Wenn Lolita Rache nimmt ... Liebe mit Abhängigen – mit wem denn sonst? schreibt Leonhardt im letzten Teil seiner Serie: "Mädchen, auch Jungen, sollen gegen jede Art von Vergewaltigung geschützt werden." Aber dass es "unerheblich" sein solle, "ob die geschützte Person selbst die Tat veranlasst oder in sie einwilligt" – diesen Umstand findet Leonhardt "grotesk" und "weltfremd". Das klingt, als würde er in manchen Fällen den Mädchen und Jungen die Verantwortung zuschieben. Stets zeigt er Verständnis für die Männer – nie nimmt er die Perspektive der Minderjährigen ein.