Ein Festival, ein Wolkenbruch, mitten in der Nacht. Es prasselt. Er hatte einen Schirm, und sie stand drunter. Die Liebe von Lea und Noam begann ganz einfach, so wie Liebesgeschichten eben manchmal beginnen.

"Du hast mich geküsst, damit hatte ich gar nicht gerechnet", sagt sie. Lea und Noam, beide Mitte 30, schauen sich an. Sie haben sich bereit erklärt, ihre ganz intime Geschichte zu erzählen, deshalb wollen sie nicht mit ihrem echten Namen in der Zeitung stehen. Wir treffen uns in einem kleinen Café in Berlin. Unter Leas Augen haben verfeierte Nächte Spuren gezeichnet. Noam dreht sich eine Zigarette.

Einen ganzen Sommer lang waren die beiden fürchterlich verliebt. Dann der Moment im Auto, als sie den Kopf zu ihm wandte und sagte: Das könnte was Ernstes sein. Nach neun Monaten sprach er zum ersten Mal die Worte: Ich liebe dich.

Noam und Lea, Lea und Noam. Anfangs war nicht daran zu denken, dass da jemand anders eine Rolle spielen könnte. So ging das. Erst ein Jahr und dann noch eins. Aus Aufregung wurde Vertrauen, aus Gemeinsamkeiten Liebe, aus Abenteuer Alltag, ein schöner Alltag. Und dann wieder so ein Moment, eines Tages, sie sagte: Das kann doch noch nicht alles gewesen sein.

Alles – das soll die Liebe sein? Ein Mensch für den Rest des Lebens, durch dick und dünn, in guten wie in schlechten Zeiten, blindes Verstehen, Seelenverwandtschaft, keine Zweifel. Und noch mehr: Romantik, Sehnsucht, Verzehren, Aufregung, Erotik, Abenteuer. Sex. Ein Mensch, der uns ein Leben lang begleitet und nach dem wir uns trotzdem jede Sekunde verzehren. Soul mate und sex bomb, Sicherheit und Abenteuer. Das kann eigentlich nicht funktionieren.

Keiner hat diesen Widerspruch bislang so gut analysiert wie die israelische Soziologin Eva Illouz in ihrem viel besprochenen Buch Warum Liebe weh tut. Dieser Widerspruch ist die Quelle eines riesigen, universellen Liebesfrusts, der seinen Niederschlag in durchheulten Nächten und leer gekratzten Schokoeispackungen, massenweise Ratgeberliteratur und unzähligen Therapiesitzungen findet. Gibt es einen Ausweg? Erst ein radikales Umdenken, eine neue Definition von Erotik und romantischen Sehnsüchten, könnte uns helfen, so schreibt jedenfalls Illouz. Aber wie sieht das in der Wirklichkeit aus? Wie geht es Menschen, die versuchen, in der Liebe umzudenken.

In den sechziger und siebziger Jahren wurde schon einmal versucht, den Widerspruch zwischen der Vorstellung von Liebe und der Realität zu überwinden. Langhans, Obermaier, Kommune I, freie Liebe und Feminismus stellten alte Denkmuster auf den Kopf. Doch trotz aller Versuche, Liebe anders zu leben, trifft man auch heute samstags beim Ausgehen immer wieder alkoholisierte Menschen in T-Shirts, auf denen steht: "Ich bin ein Junggeselle. Holt mich hier raus!" Weise Voraussicht? Denn weder Alkohol noch Junggesellenabschiede schützen die meisten Paare vor dem Gedanken: Das kann doch nicht alles gewesen sein.

Bei den Um-die-30-Jährigen gibt es einige, die versuchen, die Widersprüche der Liebe anders zu lösen. Sie sind meist unabhängig, gut ausgebildet und bereit, die Werte einer Gesellschaft, die ihnen eine Krise nach der anderen beschert, infrage zu stellen. Weit entfernt von den Klischees schmuddeliger Swingerclubs, erkunden sie neue Formen der Liebe, auf der Suche nach einer Brücke zwischen Vertrautheit und Aufregung, Verbindlichkeit und Freiheit. Etwa in sogenannten polyamoren Beziehungen – in denen die Liebe mit mehreren Partnern versucht wird. Offen und im gegenseitigen Einverständnis "die Liebe größer werden lassen" – so beschreibt der Psychologe Silvio Wirth auf seiner Homepage polyamorie.de diesen Weg, den er viele Jahre lang selbst gegangen ist.

Eine weitere Möglichkeit, offener zu werden, sind immer öfter stattfindende Partys, auf denen fast alles erlaubt ist. Sie sind nicht kommerziell und finden an privaten Orten statt. Man muss sie suchen, findet sie durch Mundpropaganda oder in den Chatforen Sozialer Netzwerke. Wer mitmachen will, muss sich vorstellen oder ein "Freundesfreund" sein, denn Voyeurismus und Anonymität sind nicht erwünscht. Dafür sind die Partys für jeden zugänglich, der sich und seine Sexualität neu entdecken oder anders ausleben will, egal, ob als Pärchen, als Single, als Homo, Hetero oder Transgender.

Max, 28, ist Single und eine Art Lebenskünstler, auch er will nicht, dass sein wirklicher Name öffentlich wird. Max organisiert alternative Sexpartys. Wir sitzen am Küchentisch in seiner WG, und er erzählt, dass das alles ganz zufällig begonnen habe. Mit seinen Mitbewohnern und ein paar Freunden hatte er alte Sofas in den Hof gestellt und sie haben es sich gemütlich gemacht. "Draußen die letzten Sonnenstrahlen, der Dunst von aufgeheizten Straßen. Ein perfekter Abend, allen ging es gut. Irgendwann fingen ein paar an, sich zu küssen." Max macht eine Pause und schenkt noch Tee nach aus der roten Blechkanne. Dann erzählt er weiter: "Der Abend ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen und die Frage: Wie wäre das erst, wenn wir eine Orgie machen?"

Was wäre, wenn?

Bei Lea und Noam fing es ganz anders an als bei Max, weniger spontan, überlegter. Bei ihnen begann die Suche nach einer anderen Form zu lieben mit vielen Gesprächen und vielen Zweifeln. Leas Hang zum Extremen und Noams Sicherheitsbedürfnis, in den ersten zwei Jahren war das ein wunderbares Gleichgewicht. Aber Gleichgewicht ohne Abenteuer, das ist auf die Dauer für viele langweilig. Da saß dann Noam mit niedergeschlagenem Blick, Lea mit schuldigen Tränen. Im Bett unglücklich zu sein ist das eine, die Entscheidung, sich zu trennen, das andere. Denn sie liebten sich, daran zweifelten sie nicht. "Unglücklich bleiben ist Stillstand", sagt Lea. "Eine Trennung ist Schmerz", sagt Noam. Eine Veränderung ist Glatteis.

Sie fingen an zu reden. Beim Spazierengehen, am Telefon, auf dem Bett, den Ellbogen in das Daunenkissen gepresst. Ohne Ziel. Wie war diese Zeit des Aufbruchs, des Suchens nach Alternativen für sie? "Schneesturm", sagt Lea. "Jammertal", sagt Noam. Aber sie hörten nicht auf zu reden. Zwischendurch gingen sie feiern und versuchten, das Thema zu vergessen.