An einem sonnigen Tag im Mai will ein junger Musiker ein Versprechen einlösen. Es begleitet ihn nun schon fünf Jahre und lautet: Dieser Junge wird einmal einer der größten Pianisten des Jahrhunderts werden! Der künftige Jahrhundertkünstler sitzt also an einem Flügel in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem. Die Akustik ist eine Wonne, die Tradition der Vorgänger nicht nur Lust, auch Last. Karajan hat hier mit den Berliner Philharmonikern viele Schallplatten aufgenommen, Musiker wie Anne-Sophie Mutter oder der Pianist Swjatoslaw Richter spielten hier. Und jetzt er, Kit Armstrong, 21.

Sonnenstrahlen fallen durch die Glasfenster und tupfen buntes Licht ins schlichte Kirchenschiff. Kit Armstrong wirkt schmächtig am großen Flügel, immer noch mehr Jüngling als Mann. Er löst die Hände von den Tasten, legt sie auf die Knie und richtet Fußspitzen und Knie parallel zueinander aus. Aufgeräumt. "Die zweite Hälfte noch einmal!", ruft er in die Mikrofone, die im Raum hängen. Der Tonmeister nebenan hat den Regler noch nicht hochgeschoben, da legt er wieder los. Rasant, aber präzise. Mühelos, aber mit Tiefe. Ein Choralvorspiel von Bach, er hat es selbst für Klavier bearbeitet.

Es ist eine geradezu vibrierende Intensität, die dieser junge Pianist bei der Aufnahme verbreitet – mit Werken von Bach, Ligeti und ihm selbst. Eine Fantasie über B-A-C-H. Wer einen solchen Titel wählt, ist nicht von Selbstzweifeln geplagt. Aber das Erstaunlichste an dieser CD-Einspielung ist etwas anderes: Es ist seine erste. Eine Debüt-CD fünf Jahre nach der großen Ankündigung – das widerspricht so ziemlich allem, was in der Klassikwelt üblich ist.

Wovor es anderen graust, das treibt er zur Entspannung: Mathematik

Das Versprechen, das Armstrong einlösen will, hat seinerzeit der Meisterpianist Alfred Brendel gegeben, als er sich von der Konzertbühne verabschiedete. Das war vor fünf Jahren. Er stellte der Welt den damals 16-Jährigen mit einem gewichtigen Wort vor. Wunderkind, sagte er, obwohl er, ein Mann der leisen Töne, natürlich weiß, was das anrichten kann.

Nach den Regeln des Musikbetriebs hätte Kit Armstrong gleich danach zum Star werden können. Denn mit dem Wort Wunderkind springt normalerweise die große Marketingmaschine an, die Zeit der Agenten, Labels und Konzertveranstalter. Musiker und Maschine machen einen Deal: Das Label zahlt für Tonstudio, Vertrieb und Werbung und schiebt die Karriere an. Im Gegenzug lässt der Musiker sich Programme aufdrücken, erledigt Interviewtermine und Fotosessions. Er tritt mit so vielen namhaften Kollegen auf, wie er nur kann, um ebenfalls ein großer Name zu werden. Erfolgreich zu sein bedeutet, bekannt zu sein.

Dann wäre es Kit Armstrong vielleicht so ergangen wie Yuja Wang, seiner chinesischen Kollegin, einer quirligen und eigentlich fröhlich wirkenden jungen Frau, die spielen kann wie der Teufel. Die beiden kennen sich vom Curtis Institute of Music in Philadelphia. Während Armstrong danach ein Mathematikstudium abschloss, komponierte, Kammermusik machte und hier und da einen Klavierabend gab, spielte Yuja Wang in vier Jahren vier CDs ein und jettete von Konzerthaus zu Konzerthaus.

Es ist sicher nicht so, dass ein junger Künstler das nicht genießen könnte, die Nachfrage, den Beifall, die Reisen. Am Anfang sei ihr das alles vorgekommen wie Ferien. "Aber irgendwann konnte ich nicht mehr", sagt Yuja Wang in einem seltenen Moment der Stille. Das war in einer Hotellobby in Berlin im vergangenen Herbst, Wang im plastikblauen Kleidchen, die Absätze wie immer hoch. Es sind nur noch ein paar Stunden bis zum nächsten Auftritt. Während sie am grünen Tee nippt, erzählt sie vom langsamen Ausbrennen.