Was will Hannelore Kraft? Den Wahlkampf bestritt die beliebteste SPD-Politikerin als eine Art Schatten-Kanzlerkandidatin, als sozialdemokratische Sehnsuchtsfigur eines verpatzten Gestern und eines besseren Morgen. Bezog Peer Steinbrück in den Medien Prügel, hieß es unter Genossen: "Ach, hätten wir doch nur die Hannelore ..." Sank die Partei in Umfragen, trösteten sie sich: "Beim nächsten Mal kommt Hannelore ..."

Mit dem Wahlabend ist Kraft in die Rolle der Schatten-Parteivorsitzenden gewechselt: Ob die SPD in eine Große Koalition geht oder in die Opposition, ob sie versucht, der CDU eine Minderheitsregierung und Neuwahlen aufzuzwingen – all das hängt nicht allein von Sigmar Gabriel ab, sondern mindestens genauso sehr von Hannelore Kraft. Die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen zieht nicht länger nur Sehnsüchte auf sich, sie handelt.

Niemand aus der engeren Führungsriege hat sich die abgrundtiefe Skepsis der Basis gegen eine Große Koalition so zu eigen gemacht wie sie, niemand hat sie so mit seiner Hausmacht verbunden. Damit ist sie gleich in einen doppelten Wettstreit eingetreten: einen mit SPD-Chef Sigmar Gabriel über die Frage, wer in der SPD den Ton angibt. Wer versteht die einfachen Parteimitglieder besser, wer verkörpert die SPD: der Instinktpolitiker aus Goslar oder die Tochter eines Straßenbahner-Ehepaares von der Ruhr? Und einen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, die es mit einer Herausforderin zu tun hat, die nicht offen als solche auftritt, der manche alles zutrauen und manche nichts – und die darin viele schon an Merkel selbst in ihren Anfängen erinnert.

Kraft ist in den Tagen nach der Wahl von der Düsseldorfer Peripherie ins politische Zentrum der Republik gerückt. Ein SPD-Konvent, ein kleiner Parteitag, wird nach den Sondierungsgesprächen an diesem Freitag entscheiden, ob die Sozialdemokraten in offizielle Koalitionsverhandlungen eintreten. Ein Viertel der 200 Delegierten hört auf Kraft. Sie ist damit die sozialdemokratische Schlüsselfigur bei dem komplizierten Unterfangen, das Wahlergebnis vom 22. September in eine Bundesregierung zu verwandeln. Gegen ihren Willen geschieht gar nichts. Was also will sie?

Zwischen der holländischen Grenze und dem Nordostzipfel kurz vor Niedersachsen liegen 290 Kilometer Nordrhein-Westfalen. Unter geografisch gebildeten Spitzengenossen gilt die Strecke derzeit als Referenzwert, um die strategischen Fähigkeiten ihrer stellvertretenden Vorsitzenden zu vermessen: "Hannelore Kraft denkt nur von Aachen bis Porta Westfalica."

Mit ihren Interessen als Ministerpräsidentin begründen sie Krafts Widerstand gegen eine Große Koalition. Im Mai nächsten Jahres sind Kommunalwahlen, auch in NRW. Kraft befürchte, für die Juniorpartnerschaft der SPD in einer schwarz-roten Bundesregierung abgestraft zu werden. Ihre Kritiker sehen die gebürtige Mühlheimerin als Gefangene ihres geistigen Ruhrpotts, als Ministerpräsidentin, die nach der Prämisse handelt: erst das Bundesland, dann die Partei.