Dezember 2012 in Almere bei Amsterdam: Eine Gruppe jugendlicher Fußballer prügelt und tritt nach einem Regionalspiel brutal auf den 41-jährigen Linienrichter Richard Nieuwenhuizen ein, der am nächsten Tag an den Folgen stirbt. Niederländische Medien berichten sofort, dass es sich bei den drei Jugendlichen um Marokkaner handelt. In Deutschland erfährt man dies erst einige Tage später aus rechten Blogs. Warum haben seriöse deutsche Medien die Herkunft der Totschläger verschwiegen? Und haben sie damit korrekt gehandelt? Das sind Fragen, die an das grundlegende Verständnis von Journalismus rühren. Und, um es vorwegzunehmen: Mit meinem Verständnis von Journalismus ist eine derartige Selbstzensur nicht zu vereinbaren. Journalisten sollten nicht die Erzieher der Nation sein.

So, wie wir uns darauf verlassen möchten, dass Ärzte unser Leben erhalten wollen, möchten wir uns darauf verlassen können, dass Journalisten unerschrocken, fair und umfassend über die komplizierte Welt berichten, in der wir leben. Richtig ist natürlich, dass Journalisten dabei mit berechtigten Interessen wie dem Schutz von Privatheit oder religiösem Empfinden in Konflikt geraten. Sie können in ähnliche Dilemmata geraten wie Ärzte, Anwälte oder Pfarrer, deren Standesethik es verbietet, gewisse Informationen preiszugeben – selbst wenn diese Informationen womöglich helfen könnten, größeren Schaden zu verhindern.

Deshalb gibt es seit 1956 in Deutschland den Presserat, bei dem sich jeder über Verstöße gegen journalistische Grundregeln beschweren kann. Die Verleger und Journalisten des Rates entscheiden, ob solche Beschwerden begründet sind. Sie greifen dabei auf einen Pressekodex zurück, der vorschreibt, was Journalisten erlaubt ist und was nicht. Im schlimmsten Fall reagiert der Presserat mit einer öffentlichen Rüge der betreffenden Zeitung oder Zeitschrift.

Die Richtlinie 12.1 des Pressekodex soll Journalisten davon abhalten, Minderheiten zu diskriminieren. Dort heißt es:

"In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte."

Nimmt diese Regel die Aufgabe des Journalisten ernst? Ist sie vereinbar mit dem Anspruch, unerschrocken, fair und umfassend zu berichten? Ich glaube, sie ist das nicht.

Die Richtlinie 12.1 geht zurück auf eine Anregung des Verbands der Deutsch-Amerikanischen Clubs von 1971. Den Jahrbüchern des Presserats aus dieser Zeit ist zu entnehmen, dass es Ziel der Regelung war, "bei der Berichterstattung über Zwischenfälle mit US-Soldaten darauf zu verzichten, die Rassenzugehörigkeit der Beteiligten ohne zwingend sachbezogenen Anlass zu erwähnen."

Nachdem die Richtlinie zunächst nur untersagte, die Minderheitenzugehörigkeit zu erwähnen, wenn diese für das Verständnis des betreffenden Vorgangs ohne "Bedeutung" ist, wurde die bis heute maßgebliche Formulierung 1993 auf Empfehlung des früheren Verfassungsrichters Helmut Simon beschlossen. Sie ist strenger, denn sie fordert das Vorliegen eines "begründbaren Sachbezugs".

Simon hatte im Auftrag des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma ein entsprechendes Gutachten verfasst und sich darin fast nur auf Artikel 3 des Grundgesetzes bezogen, der den Gleichheitsgrundsatz und das Diskriminierungsverbot festschreibt, kaum aber auf den konkurrierenden Artikel 5, der die Presse- und Meinungsfreiheit garantiert. Seitdem hat der Zentralrat der Sinti und Roma den Presserat jedes Jahr mit Serienbeschwerden auf der Grundlage der Richtlinie 12.1 überschüttet, in deren vorgefertigte Formulare nur das Datum des beanstandeten Presseartikel und der Name der Zeitung eingetragen wurden.  

Eine ältere Fassung der Richtlinie ging noch weiter. Dort war nicht nur von "Minderheiten" die Rede, sondern fürsorglich von "schutzbedürftigen Gruppen". Aber sind die 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, die heute in Deutschland leben, tatsächlich schutzbedürftig? Als der Presserat das Wort 2007 strich, hatte er offenbar bemerkt, dass das nicht (mehr) der Fall ist.

Über die Wortkosmetik hinaus sollte er die ganze Richtlinie streichen, hinter der sich eine pädagogische und paternalistische Auffassung verbirgt.

Die Richtlinie 12.1 gründet auf historischen Umständen, die sich geändert haben. Sie ist ein konkretes Formulierungsverbot und gehört abgeschafft. Bei der Zugehörigkeit eines Täters oder Verdächtigen zu einer bestimmten, als "Minderheit" definierten Gruppe geht es schließlich nicht um die Persönlichkeitsrechte des Täters, denn er wird durch deren Nennung ja nicht identifizierbar.

Ist es etwa diskriminierend für Fußballspieler, wenn man die Totschläger von Almere als Fußballspieler bezeichnet? Ist es diskriminierend für alle Menschen unter zwanzig, wenn sie in den Medien als Jugendliche beschrieben werden? Soll auch auf diese Benennungen verzichtet werden? Das wäre doch wohl absurd. Im Übrigen entlastet das starre Formulierungsverbot Journalisten vom Nachdenken über mögliche Problemursachen, die mit der Gruppenzugehörigkeit eines Täters zu tun haben könnten.

Wer möchte, dass Journalisten verantwortlich handeln, sollte ihnen die Freiheit zu eigenem Abwägen zugestehen, denn sonst können sie Verantwortung weder empfinden noch wahrnehmen. Hinzu kommt, dass die Richtlinie das Publikum für dümmer hält, als es ist. Untersuchungen zeigen, dass Leser es merken, wenn die Nationalität eines Täters gezielt weggelassen wird. Die führt zu einem Vertrauensverlust, der sich von jenen ausschlachten lässt, die tatsächlich diskriminieren. Die rechten Blogs konnten im Falle des zu Tode geprügelten niederländischen Linienrichters hämisch bemerken, dass "die deutsche Qualitätspresse die Herkunft der mohammedanischen Edelmigranten verschweigt". Und Roland Koch hat 2008 seinen Wahlkampf in Hessen auch mit dem Argument geführt, die deutsche Presse würde nicht offen über Ausländerkriminalität berichten. Ohne die Richtlinie 12.1 hätten solche Behauptungen keine faktische Stütze.

Der Presserat sollte deshalb die allgemein gehaltene Ziffer 12 seines Kodex beibehalten, die den Journalisten – anders als Richtlinie 12.1 – die volle Freiheit, aber auch die volle Verantwortung für ihr Handeln lässt. Sie lautet:

"Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden." Dieser Satz, den das Grundgesetz ähnlich formuliert, sollte eigentlich reichen. Die bisherige Richtlinie geht von einem Publikum aus, das Vorurteile hat und verführbar ist. Journalisten müssen aber für ein mündiges Publikum schreiben, dem sie auf Augenhöhe begegnen, sonst bringt ihre Arbeit die Gesellschaft nicht voran. "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar", hat Ingeborg Bachmann gesagt, die auch als Journalistin gearbeitet hat.