Während über Brüssel die Sommersonne scheint, hängt Jan Philipp Albrecht müde auf dem Sofa in der Ecke seines Büros im achten Stock des Europaparlaments. Vor ihm liegt sein Gesetz, zerteilt in viele Stapel Papier. Es ist eines der wichtigsten politischen Vorhaben der Europäischen Union. Und jetzt, Anfang Juni 2013, fürchtet Jan Philipp Albrecht, es könnte scheitern.

Seit anderthalb Jahren arbeitet der Grünen-Abgeordnete an dem Gesetz, das im juristischen Sinne eine Verordnung ist, die Europäische Datenschutzverordnung. Das Parlament hatte ihn beauftragt, den Text dafür mit allen Fraktionen auszuhandeln, Wort für Wort. Eine einflussreiche Position, theoretisch.

Albrecht wollte verhindern, dass Algorithmen die Macht über unser Leben erlangen. Er wollte das beste Datenschutzgesetz der Welt schreiben. Aber jetzt beugt er sich über die Papierstapel und schimpft über "Scheißformulierungen", die er in den Text schreiben muss. Diese ganzen Kompromisse werden sein Gesetz verwässern.

Albrecht ist in einem Zwiespalt: Er muss über die Parteigrenzen hinweg möglichst viele Abgeordnete des Europaparlaments überzeugen, für die Verordnung zu stimmen. Doch das schafft er nur, wenn er ihre Änderungswünsche berücksichtigt. Sie haben sehr viele Wünsche.

Vor allem einen Abschnitt soll er umschreiben: Artikel 17, das "Recht auf Vergessenwerden". Es geht um die Frage, ob jeder Bürger selbst entscheiden kann, was im Internet über ihn gespeichert ist. Albrecht will das Recht der Europäer stärken, Daten, die Unternehmen von ihnen gesammelt haben, löschen zu lassen: Adressen, Telefonnummern, Informationen darüber, was jemand in eine Suchmaschine getippt oder bei einem Onlinehändler gekauft hat, wie er kommuniziert, reist – lebt. Jeder Mensch soll selbst über seine virtuelle Existenz bestimmen, nicht eine fremde Firma. Das ist Albrechts Ziel.

Abgeordnete aller Parteien haben den Artikel 17 jedoch mit mehr als hundert Änderungswünschen bedacht.

Der 30-jährige Albrecht ist der jüngste deutsche Europaabgeordnete, ein schmaler Mann mit Fusselbart. Er steht im Zentrum eines Machtkampfes, wie es ihn in dieser Härte in der Europäischen Union selten gegeben hat.

Seit dem Frühjahr verbringt Albrecht viel Zeit mit seinen Kollegen im Innenausschuss des Parlaments. Er muss mit einer britischen Liberalen, einem griechischen Sozialisten, einem britischen und einem deutschen Konservativen sowie einer deutschen Linkspolitikerin aushandeln, welche der Änderungswünsche sich am Ende in dem Text wiederfinden werden. Mehr als vierzig Treffen hatten sie bisher, aber sie haben sich noch immer nicht geeinigt.

Schon zweimal sollte das Europäische Parlament über einen Entwurf des neuen Regelwerks abstimmen. Zweimal musste der Termin verschoben werden. Wenn es nicht bald einen neuen gibt, wird es eng bis zur Europawahl im Mai 2014. Denn nachdem sich das Parlament auf einen Text festgelegt hat, muss es sich auch noch mit dem Ministerrat einigen, in dem die einzelnen Staaten vertreten sind. Erst dann kann die neue Verordnung in Kraft treten. Albrecht läuft die Zeit davon.

Internetkonzerne dringen immer tiefer in die Privatsphäre der Menschen ein. Sie beuten einen Rohstoff aus, mit dem sich Milliarden verdienen lassen: Daten. Wer im Netz unterwegs ist, hinterlässt digitale Spuren, egal, ob er mit seiner Kreditkarte einen Flug bucht, sich in einem Sozialen Netzwerk über Kindererziehung austauscht oder nach Informationen zum Thema Homöopathie sucht.