Im Supermarkt wurde mir bewusst, dass ich womöglich ein ambivalentes Verhältnis zur Leibeigenschaft habe. Am Wurstregal stehend, fiel mir nämlich auf, dass ich den Ausdruck "nach Gutsherrenart" im Zusammenhang mit Leberwurst als Auszeichnung, bezogen auf Regierungshandeln jedoch als Missbilligung betrachte.

Was nun?, fragte ich mich. Wie sollte ich mich im Angesicht der Gutsherrenleberwurst verhalten? Einerseits war die Zeit ja recht angenehm, als die Gutsherren auf ihren Landgütern noch das Sagen hatten. Sie konnten ihre Knechte herumkommandieren und sie die schwere Arbeit verrichten lassen. In der Küche ließen sie die Wurst so kräftig würzen, wie es ihnen beliebte. Eine feine Sache, vorausgesetzt natürlich, man war der Gutsherr und nicht etwa einer der Knechte. Letztere hatten gewiss einen anderen Blick auf die Thematik, und noch heute wirft man Politikern und Unternehmern gerne vor, "nach Gutsherrenart" zu regieren. Also nach eigenem Gutdünken. Ich begann zu grübeln, denn ich stand ja noch am Wurstregal.

Da erinnerte ich mich plötzlich, warum Führungsverhalten und Fleischverarbeitung doch kein Widerspruch sein müssen. Wie schon oft in der Zeitung zu lesen war, handeln Wurstproduzenten bisweilen ja auch nach eigenem Gutdünken, und zwar sowohl bei der Rezeptur (nicht deklariertes Pferdefleisch!) als auch beim Umgang mit den Mitarbeitern der in ihren Fabriken tätigen Subunternehmen, denen es ähnlich ergeht wie früher den Knechten. Wie hatte ich das übersehen können? Lag in dieser Wurst eine tiefere Wahrheit?

Ich habe sie übrigens nicht gekauft. Wegen meiner politischen Einstellung. Und weil man wissen muss, dass Kalbsleberwurst zwar Leber vom Kalb enthält, Gutsherrenleberwurst aber ausschließlich solche vom Schwein.