DIE ZEIT: Professor Khorchide, essen Sie ab und zu Gummibärchen?

Mouhanad Khorchide: Gerne und mit gutem Gewissen. Sie fragen wegen der Gelatine, in der Reste vom Knochenmark von Schweinen verarbeitet sind?

ZEIT: Viele Muslime halten den Verzehr von Gelatine deshalb für eine Sünde.

Khorchide: Es gilt hier die islamische Formel: Wenn sich die Eigenschaften eines Stoffes so verändern, dass er nicht mehr zu erkennen ist, ist es nicht mehr derselbe Stoff. Das Problem vieler Muslime ist, dass sie schlecht über die islamische Lehre informiert sind. Abgesehen davon, reduzieren viele den Islam auf rechtliche Regelungen, anstatt sich auf zentrale Dinge wie Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit zu konzentrieren.

ZEIT: Islamische Rechtsgelehrte scheinen Ihnen ein Dorn im Auge zu sein, in Ihrem neuen Buch über die Scharia bezeichnen Sie sie als Götter, die es nicht geben dürfte.

Khorchide: Ich habe nichts gegen die Rechtsgelehrten. Ich habe etwas dagegen, dass wir Muslime ihre Aussagen unhinterfragt als göttliche Wahrheit für alle Zeiten übernehmen. Dabei haben auch sie nur den Koran interpretiert. Wir haben aus ihnen Götter gemacht.

ZEIT: Warum ist es so gekommen?

Khorchide: In der muslimischen Welt herrscht seit dem 9. Jahrhundert ein restriktiver Geist. Wir hinterfragen kaum. Wir vertrauen der Vernunft nicht mehr als normgebender Quelle, und wenn heute ein Muslim dies tut, wird er schnell zum Häretiker erklärt. Die politischen Herrscher haben seit den Anfängen des Islams das Bild eines Gottes konstruiert, dem Gehorsam über alles geht, um einen Geist der Unterwerfung zu etablieren.

ZEIT: Sie sagen, die Scharia stehe im Widerspruch zum Islam. Ist sie nicht wesentlicher Teil des Islams und regelt das Leben der Muslime bis ins Detail?

Khorchide: Ich will mit diesem Klischee aufräumen. Nur wenn man die Scharia als juristisches Werk versteht, steht sie im Widerspruch zum Islam, denn dann schiebt sich der Rechtsgelehrte mit seinen Interpretationen des Korans zwischen Gott und den Menschen und verhindert die direkte, persönliche Beziehung zu Gott. Der Prophet Mohammed sagte: "Frag dein Herz, egal, was sie dir an religiösen Rechtsgutachten geben."

ZEIT: Und wie verstehen Sie die Scharia?

Khorchide: Scharia bedeutet: der Weg zu Gott. Das ist der Weg des Herzens. Es geht um Prinzipien wie Gerechtigkeit, es geht um innere Läuterung, nicht um einzelne Gesetze, kleinliche Vorschriften. Gott darf nicht auf einen Richtergott reduziert werden.

ZEIT: Was sagen Ihre Studenten zu dieser Lesart?

Khorchide: Die junge Generation von Muslimen nimmt ihre Religion ernster als die Elterngeneration. Sie wollen verstehen. Sie hinterfragen. Daher bekomme ich viel Zustimmung. Dieses Jahr haben sich bei uns an der Uni Münster schon über 700 Studenten auf die 150 Studienplätze beworben, und die Anmeldefrist ist noch nicht einmal um.

ZEIT: Ist Ihre Sicht manchen nicht zu weit entfernt von dem, was sie bisher kannten?

Khorchide: Es sind nur wenige, die auf dem Vorhandenen beharren. Die meisten begreifen, dass ich den Islam weiterentwickeln will.

ZEIT: Sie würden den Islam gerne befreien von dem herkömmlichen Scharia-Verständnis?

Khorchide: Man muss sich lösen von dem Gedanken, der islamische Gott sei ein angstmachender Gott, der nur dann zufrieden ist, wenn ich Gesetze den Buchstaben nach erfülle; es geht ihm um die Absicht dahinter. Gerade 80 von den 6236 Versen im Koran sprechen juristische Belange bezüglich der Gesellschaftsordnung an. Der Islam ist keine Gesetzesreligion.

ZEIT: Was ist mit dem Strafrecht, Erbrecht?

Khorchide: Was wir heute als islamisches Recht bezeichnen, ist nicht göttlich, das ist von damaligen Rechtsgelehrten entwickelt, die im Geist ihrer Zeit gedacht haben. Auch im Koran vorkommende juristische Aussagen, dass Dieben die Hand abzuhacken sei oder dass Frauen nur halb so viel erbten wie ein Mann, müssen in ihrem historischen Kontext gelesen werden. Nicht solche juristischen Maßnahmen machen die Scharia aus, sondern die Prinzipien dahinter wie Gerechtigkeit. Versteht man sie so, wäre es auch kein Problem, die Scharia mit unseren Menschenrechten zu vereinbaren.