Nichts ist, wie es vorher war. Als die Moderatorin Gillian aufwacht, ist ihr Mann tot und ihr Gesicht ein Schlachtfeld: Ihr Ohr ist zertrümmert, und dort, wo die Nase war, klafft ein Loch. Das Paar hat sich gestritten, bevor es zum Autounfall kam. Matthias hatte Aktfotos gefunden, die Gillian von sich hat machen lassen, und die ohnehin schon von lähmender Routine geprägte Beziehung, die man ab und an in "Wellness-Hotels" und mit "Übernachtungen in speziell hergerichteten Zimmern für verliebte Paare" auffrischte, erschöpft sich in Eifersuchtsszenen.

Als man, aufgrund des Fotofundes gereizt, eine Nacht auf einer Party verbringt, und Matthias, der "Kulturredakteur einer Illustrierten, in der kaum über Kultur berichtet wurde", sich für die Rückfahrt betrunken ans Steuer setzt, da seine Frau, gegen die gemeinsame Absprache, auch zu viel getrunken hat und nicht fahren will, rammt er auf einer Landstraße ein Reh.

Wer nun meint, dass mit der monströsen Wendung von Gillians Leben Entsetzen, Trauer und Schuld einsetzen müssten, täuscht sich. Es folgt, während die Nase in mehreren Operationen von Ärzten halbwegs rekonstruiert wird, eher eine nüchterne Bestandsaufnahme: "Ihr Leben vor dem Unfall war eine einzige Inszenierung gewesen. Ihr Job, das Fernsehstudio, die schönen Kleider, die Städtereisen, die Essen in guten Restaurants, die Besuche bei ihren Eltern und bei der Mutter von Matthias. Es musste falsch gewesen sein, wenn es so leicht zu zerstören war, durch eine Unachtsamkeit, eine falsche Bewegung."

Letztlich entfaltet der Schweizer Peter Stamm in seinem im gewohnt kühlen Duktus abgefassten Roman Nacht ist der Tag die Frage nach der Möglichkeit, sich zu verändern. Sind wir fähig dazu, alles auf den Kopf zu stellen? Nach einem Schicksalsschlag ein neues Leben zu beginnen? Gillian versucht es, notgedrungen. Die Gesichtszerstörung lässt ihre Tätigkeit als Moderatorin zunächst nicht mehr zu, und sie entschließt sich, in einem Berghotel mit gehobenem Anspruch für das Kulturprogramm verantwortlich zu sein, wo alle sich als eine große Familie zu fühlen haben und sich beharrlich duzen.

Dass die Vergangenheit Jahre später wieder in ihr Leben tritt, erfolgt auf ihren Entschluss hin. Sie lässt ins Hotel ausgerechnet jenen Künstler zur Erstellung einer Ausstellung einladen, der einst die Aktfotos von ihr gemacht hatte: Hubert, der zeitweise eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte, weil er fremde, völlig gewöhnliche Frauen auf der Straße angesprochen hat, um sie nackt zu fotografieren. Er hatte in Gillians Sendung gesessen, eine Affäre, obgleich Gillian sie anstrebte, hatte sich nicht ergeben, aber ebenjene Fotografien, die mittelbar zum tödlichen Verkehrsunfall führten.

Das Leben als Gefängnis

Gillian, Matthias und Hubert sind die gewöhnlichsten Menschen, die sich denken lassen: halbwegs erfolgreich, ein bisschen unglücklich, ein wenig traurig, manchmal ein bisschen heiter, etwas intelligent. Die Krisen des Lebens sind schlimm, aber sie sind hinzunehmen. Es gibt in dieser Welt weder unbändiges Glück noch Entsetzen, dafür eine gute Portion Schweizer Wohlstandsmelancholie. Und letztlich die Erkenntnis, dass man den einmal beschrittenen Lebensweg nur mit Mühe verlassen kann.

Peter Stamm ist ohne Zweifel ein Meister darin, ohne auch nur den Anflug von Pathos die Prosa der Verhältnisse (Hegel) einzufangen, das allzu Gewöhnliche, Alltägliche und Mittelmäßige. Nicht wenige dürften sich darin wiederfinden. Das Leben ist in Stamms Romanen ein Gefängnis, das den Protagonisten wenig Freigänge lässt, dafür aber ist es so anständig und, allen Schicksalsschlägen zum Trotz, aufgeräumt eingerichtet, dass sich zu klagen auch wieder nicht lohnt.

Es steckt eine gute Portion Menschenfreundlichkeit darin, nicht herablassend über das Sicheinrichten im gediegen Bürgerlichen zu berichten. Und doch sehnt man sich nach der Lektüre wieder dringend nach einer Geschichte mit abenteuerlichen Herzen, mit kuriosen Hochstaplern oder abgestürzten Ganoven, nach Romanen, die einen wegführen vom Durchschnittsleben, in dem sich Durchschnittsleser spiegeln. Stamm entfaltet in präzisen Detailbeschreibungen unsere so unwilde Existenz. Der Möglichkeitssinn ist unterentwickelt, und noch die schlimmsten Erlebnisse werden sauber und leise in den Alltag integriert.