Sieht Pornographie als Performance mit philosophischem Überbau: Sasha Grey © Vittorio Zunino Celotto/Getty Images

Philosophie und Pornografie geben gemeinhin kein gutes Pärchen ab. Philosophie als Liebe zur Weisheit predigt, sich zu bescheiden, Umwege einzuschlagen, Ziele hinauszuschieben, bis sie unerreichbar, absolut, allgemein werden. Der Porno hingegen will etwas ganz Bestimmtes: Zur Sache kommen – und zwar pronto. Da ist es verwirrend, jemandem wie der 25-jährigen Sasha Grey gegenüberzusitzen: Sie spricht von der Aktualität C. G. Jungs, soll zu Hause Nietzsche und Brecht im Bücherregal stehen haben und zieht aus Sartres Analyse des Blicks den Schluss, sich gegen Stereotype, Klischees oder Missverständnisse wehren zu müssen, da sie andernfalls weitgehend bestimmen könnten, was wir sind.

Passend dazu, durchkreuzt die Makellosigkeit ihres Gesichts vorgefertigte Ansichten: nirgends ein Riss, nirgends eine Schramme, eine Schwellung oder auch nur ein Fältchen in ihrer matt schimmernden Haut. Nirgends eine Trübung, eine Rötung, graue Schleier – bloß strahlende Helle rings um ihre dunkelbraun blitzenden Augenpunkte: nichts, was davon kündete, welcher Härten sie sich ausgesetzt hat in einem Leben, zu dessen Alltag es gehörte, "härter", "fester", "stärker" zu rufen, während sie sich von einem Mann oder gleich mehreren auf die denkbar unappetitlichsten Arten beackern ließ. Nirgends ein Anzeichen, jenem Pornosternchen gegenüberzusitzen, das der amerikanische Rolling Stone einmal als "dirtiest girl in town" bezeichnete.

Für viele wirken Hardcore-Praktiken abstoßend, andere finden sie anziehend. "Die einen mögen Whiskey, die anderen lieber Bier", wie Grey es sagt. Aber damit hat es sich noch nicht. Denn Greys Auftritte in Filmen, die Namen tragen wie Slam it in a Young Whore, House of Ass, Filth and Fury oder Gangbang my Face wollten mehr als bloß auf Geschmacksurteile abheben. Sie wollten Kunst sein. Bitte? Ja, Kunst, sagt Grey, "was ich da mache, ist Performance-Kunst, indem ich meinen Körper und meine Stimme ins Spiel bringe".

Irgendwie hat man Sasha Grey das abgenommen. Sonst hätte nicht der gefeierte Regisseur Steven Soderberg ihr die Hauptrolle seines Film Girlfriend Experience anvertraut. Sonst wäre sie vor zwei Jahren nicht im Frankfurter Mousonturm aufgekreuzt, mit ihrem essayistischen Fotobuch Neü Sex im Gepäck. Sonst hätte ich sie dort nicht in einem Konferenzraum getroffen, als jenes Unikum, das aus dem Porno kam und im Pop gelandet ist. Sonst hätte wohl auch kaum ein Verlag ihren Roman Die Juliette Society publiziert.

Der Roman lässt sich als Gegenstück zu E. L. James’ Fifty Shades of Grey-Trilogie lesen. Deren Welterfolg beruhte auf dem Trick, sadomasochistische Geschlechtspraktiken in eine Fabel über ein ahnungsloses Mädchen und einen Prinzen zu verpacken. In Sasha Greys Die Juliette Society ist dagegen die Welt so abgefuckt wie der Sex schmutzig. Catherine, die Protagonistin des Buches, ist eine Filmstudentin, die sich von ihrem Freund sexuell vernachlässigt fühlt. Anfangs flüchtet sie sich noch in erotische Fantasien – bis sie über ihre Freundin Anna nach und nach in Kreise gerät, in denen alles sexuell Erdenkliche handfest umgesetzt wird.

Dieser Plot ließe sich auf drei Weisen erzählen. Nach dem Muster von Fifty Shades of Grey etwa so: Die in die Realität überführten Sexualfantasien machen rundum glücklich. Die zweite Version erzählt Elfriede Jelinek in ihrem Roman Die Klavierspielerin. Dessen Protagonistin zerbricht, als eintritt, wonach sie sich in ihren perversen Vorstellungen sehnt. Sasha Grey wählt die dritte, verworrene Variante. Catherine macht mit dem entfesselten Sex einige beglückende Erfahrungen, kann aber auch von Glück reden, dass sie am Ende mit halbwegs heiler Haut davonkommt.

Genau zwischen Fifty Shades of Grey und der Klavierspielerin ließe sich auch die Qualität von Greys Roman ansiedeln. Die Juliette Society ist weder literarischer Schund noch hohe Sprachartistik. Der Roman schwelgt ebenso in reißerischen Sexszenen wie in Referenzen auf die Filmgeschichte, auf Buñuel, Welles und Cassavetes. Greys Sprachmittel sind stellenweise arg beschränkt ("Es fühlt sich so gut an" als mantrahaft wiederkehrende Beschreibung von Ekstase), aber in ihrer Knappheit gelegentlich angemessen hart und treffend. Nicht alle Charaktere des Romans haben Charakter. Catherines große Liebe, der stets über seine Arbeit gebeugte Jack, ist so platt gezeichnet, dass man sich wundert, warum sie sich überhaupt von ihm flachlegen lassen will. Versponnen, verdreht und auf vergnügliche Weise abgründig sind hingegen ein paar Wendungen des Plots. Mit einem (zugegeben albernen) Wort: Greys Roman ist Punst, halb porn, halb Kunst.

An diesem Punkt war man freilich schon mal, als in den siebziger Jahren der Porno aus seiner angestammten Schmuddelecke heraus ans Licht der Öffentlichkeit trat. Filme wie Deep Throat wurden in den Kinos zum Kassenschlager und wurden in den Zeitungen ausgiebig besprochen. Porno war plötzlich Pädagogik, Wegbereiter einer freien Sexualmoral. Aber auch ein künstlerisch ambitioniertes Unterfangen: In dem Klassiker Behind the Green Door etwa fliegt in einer siebenminütigen Sequenz psychedelisch leuchtendes Sperma durch die Luft – Sex als Vorwand für eine Farb- statt einer Körperstudie. Die New York Times brachte 1973 das Phänomen als "Porno-Chic" auf den Begriff. Und Enthusiasten sahen schon eine Zukunft voraus, in der das Genre der Pornografie vor lauter Zuspruch verschwunden wäre – einverleibt vom Mainstream-Film, in dem Stars wie Faye Dunaway und Robert Redford es dann richtig krachen lassen würden.