Eine der wenigen Gewissheiten über die Verhandlungen zu einer Großen Koalition lautet: Will die SPD den Außenminister stellen, wäre Frank-Walter Steinmeier der natürliche Kandidat. Klugerweise hat sich die Partei auferlegt, erst einmal von Inhalten statt von Posten zu reden. Für den Fall des Falles jedoch gibt es bereits eine Art Manifest für Steinmeiers zweite Amtszeit. Es findet sich ein wenig versteckt in einem dicken Sammelband unter dem Titel Realismus und Prinzipientreue. Der Text ist ein Dokument der Wut und Verhärtung. Er lässt ahnen, wie viel fragiler eine Neuauflage der Großen Koalition wäre. Auf 17 Seiten attackiert Steinmeier Angela Merkels Anspruch einer "wertegebundenen Außenpolitik".

Steinmeier prangert eine Politik an, die sich in "Anklage und Dialogverweigerung" ergehe, "folgenlose Empörung" zelebriere und einen "Teufelskreis aus Belehrung und Isolation des Gegenübers" heraufbeschwöre. Von "moralischem Rigorismus" ist die Rede und selbstgenügsamer "Bekenntnishaftigkeit". Dagegen plädiert er dafür, auch mit schwierigsten Partnern, vor allem den "aufstrebenden Mächten im Osten" – lies: Russland und China –, Dialog zu führen, ohne sich von "Rückschlägen" bei Demokratie und Menschenrechten aufhalten zu lassen.

Ein merkwürdiger Gegensatz, den Steinmeier da zeichnet: Realist gegen Hypermoralistin. Angela Merkel ist in Wahrheit ziemlich pragmatisch. Sie geht geschmeidig mit Autokraten um, wenn deutsche Interessen es gebieten. Seit sie den Dalai Lama ins Kanzleramt einlud, hat sie über die Lage der Menschenrechte in China kaum mehr ein Wort verloren. Zu Russlands Herrscher Putin hält sie Distanz, kritisiert manchmal offen Fehlentwicklungen und trifft sich mit Dissidenten. "Wertegebundenheit" ist ein großes Wort dafür. Doch Steinmeier braucht die angebliche Merkelsche Moralpolitik, um seinen eigenen "realpolitischen" Ansatz davon abzusetzen.

Wie realistisch ist Steinmeiers Außenpolitik? Seine wichtigsten Initiativen als Außenminister galten Russland und Syrien. Moskau hat Steinmeier eine "Modernisierungspartnerschaft" angeboten. Zugleich betrieb er Entspannungspolitik gegenüber Damaskus. Bei einer Rückkehr ins Auswärtige Amt würde er beide Themen wieder vorfinden. Wie er sich von 2005 bis 2009 geschlagen hat, ist nicht nur von historischem Interesse.

Seine beiden Vorstöße sollten antiwestlich orientierte Mächte durch freundschaftliche Umarmung und stille Diplomatie zur Kooperation ermuntern. Aus "Störern" sollten "Gestaltungsmächte" werden. Steinmeiers Kalkül war, dass beide Regime sich auch innerlich öffnen würden, wenn man ihnen die Hand reichte.

Gleich im Sommer 2006 wollter er nach Syrien reisen. Assad jedoch brüskierte ihn durch eine wütende Anti-Israel-Rede. Steinmeier sagte ab, holte den Besuch aber nach einer Schamfrist bald nach. Präsident Assad, berichtete er, habe "deutlich gemacht, dass Syrien nicht länger Teil des Problems im Nahen Osten, sondern Teil der Lösung sein will". Das wurde Steinmeiers Leitmotiv: Anfang 2008 empfing er den syrischen Außenminister Muallim in Berlin. Das war die diplomatische Aufwertung eines Paria-Regimes ohne jede Gegenleistung. Angela Merkel war dagegen. Sie ließ ihn gewähren, distanzierte sich aber öffentlich. Beinahe kam es zur Koalitionskrise.

Die westliche Linie lautete, Assad müsse sich vom Terror Hamas’ und Hisbollahs lossagen, dann könne man reden. Steinmeier aber suchte das Gespräch ohne Vorbedingungen. Seine Appelle, Syrien solle eine "konstruktive Rolle" spielen, trafen auf taube Ohren. Die jahrelange Charmeoffensive brachte nichts außer Renommee für eine Diktatur, deren Brutalität schon damals kein Geheimnis war.