Niemand möchte die Katze im Sack kaufen. Und wer nicht blindlings den Empfehlungen von Literaturkritikern glaubt, der lässt sich vom Klappentext erzählen, was für ein tolles Buch ihn erwartet. Der Klappentext ist, so der Lektor und Literaturwissenschaftler Otto F. Best, eine "Rutschbahn für die Fantasie des potenziellen Käufers".

Beim klassischen Hardcover mit Schutzumschlag bezeichnet man streng genommen die Anpreisungen der vorderen und hinteren Umschlagseite als Klappentext, doch im allgemeinen Sprachgebrauch zählt man inzwischen auch die Coverrückseite – die U4 – dazu. Gerade bei noch eingeschweißten Büchern ist der U4-Text oft die einzige Information, die Rat suchende Interessenten erhalten. Die Verlage freilich scheint das nicht zu beeindrucken. U4-Texte sind oft von bestürzender Einfallslosigkeit und preisen Bücher so plump an, wie man es Tütensuppen- oder Tampon-Kampagnen nie durchgehen ließe. Klappentexte standen seit je im Konfliktfeld zwischen Kunst und Kommerz und dabei, wie der spätere vgs-Verleger Heinz Gollhardt schon 1965 in seiner Dissertation Studien zum Klappentext zitierte, im "Ruf der Lächerlichkeit". 2013 ist die Lage nicht besser geworden. Die U4-Lektüre verlangt starke Nerven. An peinlich-dämlichen Beispielen mangelt es nicht.

10 "London 2011: Nach dem Tod ihres langjährigen Geliebten Mark Winterbourne zieht sich Elizabeth voller Trauer in ein Cottage in ihrer Heimat Australien zurück. Dort stößt sie auf mysteriöse Hinweise über den Verbleib eines legendären Schmuckstücks, das angeblich beim Untergang eines Passagierschiffs verlorenging. Fasziniert entdeckt sie das Geheimnis der Familie Winterbourne."

Über Kimberley Wilkins’ "Das Haus am Leuchtturm" (Knaur)

Keine Ahnung, wer damit angefangen hat. Wahrscheinlich sind Jonathan Franzen, Julia Franck und alle die, die seither Mehr-Generationen-Epen schreiben, schuld. "Geheimnis" lautet das Schauderwort der Klappentextsaison 2013. Es scheint keine Familie mehr zu geben, deren Geschichte kein tiefgründiges Geheimnis aufweist. Ein gestörter Großvater, der nach Indien auswanderte, ein Mord an irgendwem, eine Amour fou – das lesen alle gern, die seit Jahr und Tag in einer Osnabrücker Dreizimmerwohnung leben, eine Familienhistorie ohne Abgründe haben und nicht einmal auf dem Dachboden einen mysteriösen Koffer finden.

9 "Katharina Hartwells magischer Roman erzählt von einer Rettung durch das Erzählen selbst, der Rettung einer Liebe und eines Lebens, er erzählt von allen Zeiten und allen möglichen Welten."

Über Katharina Hartwells "Das Fremde Meer" (Berlin Verlag)

Geht es eine Nummer kleiner? Gewiss, in den zehn Kapiteln des Hartwellschen Debüts passiert ziemlich viel, und es ist nicht leicht, dabei den Überblick zu behalten. Dreimal Rettung, das ginge zur Not noch, aber dass gleich "von allen Zeiten" und "allen möglichen Welten" erzählt werden soll, wirkt eine Spur übertrieben. Mir fielen ein paar Welten ein, die die Autorin nicht im Visier hat. Dieser U4-Text endet mit einem Lob des Hartwell-Kollegen Markus Orths, das die Sache nicht besser macht: "Ich habe diesen Roman verschlungen – und der Roman mich." Mahlzeit.

8 "Ungewöhnlich und präzise: Stephan Groetzners Version der Komödie der Paarwerdung."

Über Stephan Groetzners "So ist das" (Droschl)

Mehr steht da nicht. Ungewöhnlich und präzise? Für Groetzners Versroman mag das zutreffen, obwohl "präzise" selten eine gute Vokabel ist, um die Qualität von Literatur zu kennzeichnen. Man sollte sie der Arbeitsweise von Uhrwerken vorbehalten. Selbst die grassierende Angst vor dem Verlust des Genitivs führt nicht dazu, dass die lieblose Genitivhäufung diese extrem lieblos angefertigte U4 attraktiver macht.

7 "Dreimal im Leben erzählt eine Geschichte voller Sehnsucht und Eleganz. Durchweht von der Nostalgie nach einer Welt, deren Glanz verblasst und deren Melodie verklungen ist, beschwört der Roman den bittersüßen Zauber verstrichener Gelegenheiten – und die lebenslange Liebe zweier Menschen."

Über Arturo Pérez-Revertes "Dreimal im Leben" (Insel)

"Inhaltliche Rücksichten", schrieb Luchterhand-Cheflektor Klaus Siblewski vor ein paar Jahren, müsse der Klappentext nicht nehmen. Das hat man sich im Insel Verlag zu Herzen genommen und den Buchbetrachter davon befreit, über etwaige Inhalte dieses Pérez-Reverte-Romans nachdenken zu müssen. "Inhalte überwinden" hieß schließlich das Motto, mit dem "Die Partei" vor zwei Wochen bei der Bundestagswahl antrat. Warum auch content anbieten, wenn es genügt, emotionale Schlüsselreize – Sehnsucht, Eleganz, Nostalgie, Melodie, Zauber, Liebe – zu liefern, die den in Zeiten steigender Scheidungsquoten gern beschworenen Glauben an die "lebenslange Liebe" nähren sollen? "Marktgängige Edelsubstantive" hat Theodor W. Adorno dergleichen genannt. Der Bittersüß ist übrigens eine anmutige, zu den Nachtschattengewächsen zählende Pflanze. Aufgrund seiner Giftigkeit wird indes vor Selbstanwendung gewarnt.