Es geht im tiefen Osten los, auf der Karl-Marx-Allee, zwischen Plattenbauten und den Stalin-Arbeiterpalästen von 1953: Nieselregen. Der Sänger der deutschen Band Rammstein, der gerade im zehnten Stock eines der Türme am Frankfurter Tor seinen Gedichtband In stillen Nächten vorgestellt hat, versucht, ein Taxi von der Straße herbeizuwinken. Wir stellen uns im Wartehäuschen des Nachtlinienbusses unter, und Till Lindemann, bekannt dafür, bei Interviews ein wortkarger und schlecht gelaunter Mensch zu sein, erzählt, dass es heute vergleichsweise gut gelaufen sei: "Wir hatten ausgemacht, dass keine Fragen zu Rammstein kommen, nur zum Gedichtband. Das war gut." Jetzt, nach den Interviews, soll es für Till in den angenehmen Teil des Abends übergehen, also gerne Fragen stellen, aber bitte nicht so anstrengende Fragen. Später möchte er noch auf ein Abendessen ins Steakhaus Grill Royal, dann zu einer Ausstellungseröffnung. Angesichts der Tatsache, dass es regnet und wegen des bisschen Regens kein Taxi kommt, sagt Till den ernsten, dabei ziemlich lustigen Satz: "Irgendwie bin ich nicht zufrieden."

Unvermittelte Frage an den Rocksänger, der die letzten vier Jahre fast durchgehend auf Welttournee verbracht hat und dessen Liedtexte in amerikanischen Stadien von 30.000 Menschen mitgebrüllt werden: Ist er ein Ostmensch? "Durch und durch." Und der Ostmensch erklärt: "Wenn ich in den Apple-Laden auf dem Ku’damm muss, dann sage ich: Ich fahre mal in den Westen." Till Lindemann zeigt auf das blau leuchtende Schild vom Frankfurter Tor: "Komm, lass uns die U-Bahn nehmen." Echt? Das geht? Mit dem Sänger der Band Rammstein kann man in Berlin so einfach U-Bahn fahren? Wir laufen schon in den Schacht hinunter, und er lächelt, weil er natürlich weiß, dass er dem Reporter hier eine dolle Geschichte bietet: Der Rockstar besteht darauf, dass wir ohne Fahrschein fahren.

Oben, in der Interview-Lounge des zehnten Stocks, war es noch ziemlich verklemmt losgegangen: wunderbar weite Blicke auf Plattenbauten. Wie spricht man über einen Gedichtband, der 2013 erscheint? Wann war das zuletzt so, dass Gedichte in Deutschland Bedeutung und eine breite Leserschaft hatten? Bei Bertolt Brecht? Ach so, bei Enzensberger und Robert Gernhardt?

Der Körper sendet ja, unabhängig davon, was gesprochen wird, immer seinen ganz eigenen Text, und über den kann man bei Till Lindemann, 50 Jahre alt, schon erschrecken: eine sehr kräftige, gewaltig breite Erscheinung. Er sieht wie ein Rockstar aus, der mit Hinkelsteinen werfen kann. Weiß gefärbte Haare, Augenbrauen-Piercings. Schon auf den zweiten Blick geht vom Körper des Till Lindemann dann aber eine vertrauenerweckende Balu-der-Bär-Freundlichkeit aus. Und jetzt setzt der Stimmschock ein: Er spricht nicht im gepresst düsteren Ton, den die Fans von der Bühne kennen, sondern mit ungemein sanfter, offener Stimme. Die böseste Stimme im Rock ’n’ Roll könnte in Wahrheit gut Kinderhörspiele einlesen. Ist ihm das klar, dass ihm da zwei vollkommen verschiedene Stimmen zur Verfügung stehen? Geduldiger Interviewpartner Till Lindemann: "Es gibt den Berufsbass. Und das hier ist mein normaler Lebensbariton."

Interview mit Till Lindemann. Warum ist es eine eher unentspannte Sache, diesen Rockstar zu sprechen? Die naheliegende Erklärung: Die Band Rammstein hat in den vergangenen zwanzig Jahren so grandios erfolgreich und effizient eine künstliche Bühnenshow erschaffen – da ist es schlicht nicht einfach, hinter dem ganzen Pomp aus Feuer und Rauch und den wummernden Gitarrenwänden den Menschen Till Lindemann zu entdecken. Er ist der Rockstar mit dem rollenden R. Er ist der Rockstar mit den brennenden Engelsflügeln. Er ist der Rockstar, der eine antike Arena in Südfrankreich im Stechschritt, mit Kniebundhosen und zurückgegelten Haaren betritt. Das Travestie-Theater der Band Rammstein – für Bürgerkinder, die in westdeutschen Großstädten aufwuchsen, bleibt es die maximale ästhetische Herausforderung. Der ganze Düster-Grufti-Gothic-Brennende-Kreuze-SM-Lack-und-Leder-Scheiß, auf den sie in Moskau, in Tokio und Buenos Aires so abstürzen – du liebes bisschen. Der fahrlässige Vorwurf, bei Rammstein handele es sich vielleicht doch um eine rechtsradikale Band, er hat sich in den letzten Jahren erübrigt: Nazis mögen keine Rockstars, die rosafarbene Fellwesten tragen (Zitat des Philosophen Slavoj Žižek: "Rammstein sabotieren auf obszöne Weise die faschistische Utopie").

Darf ich hier kurz erzählen, wie ich die Musik von Rammstein kennenlernte? Es war 1997 in Santa Barbara, einem Reichenghetto bei Los Angeles, wo ich das damals sehr berühmte Fotomodel Guinevere Van Seenus interviewte. Das Model war auf Spritztour in einem Ford Mustang, als es den Song Rammstein, der gerade auf dem Soundtrack von David Lynchs Lost Highway erschienen war, in den Kassettenrekorder schob. "Was? Das kennst du nicht?", fragte das Model. "Das ist Rammstein – großer, großer Rock aus Deutschland." Model, Ford Mustang, Kalifornien, Rockmusik aus Ostdeutschland: kann ja so schlecht alles nicht sein.