Was für ein gewaltiger, die Augen bezaubernder, zu Herzen gehender Film, was für eine große, einfache Geschichte von einem jungen Menschen, der ausziehen will, das Leben zu lernen, den die Sehnsucht in die Ferne treibt, die Liebe berührt, die Pflicht plagt, der rebelliert und resigniert und dennoch seine Würde nicht verliert, selbst wenn sein Krähwinkel an ihm hängt wie Blei. Was für eine selbstbewusste, unzeitgemäße Kino-Suche nach der Ernst Blochschen Heimat: "was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war" – und wohin in Wirklichkeit niemand je gelangen wird. Was für ein künstlerischer Gipfel der Schabbach-Mythologie dieses Regisseurs, der noch einmal tief hinabsteigt in die Vergangenheit des fiktiven Welt-Dorfes im Hunsrück, den Grund nachlegt für seine filmepische Trilogie Heimat. Und es ist keine Geschichte von Auszug und Rückkehr, die er erzählt, sondern eine des Dableibens und der Sehnsucht.

In drei zwischen 1982 und 2003 entstandenen Staffeln hatte Edgar Reitz das späte 19. und 20. Jahrhundert bis zum Fall der Mauer sondiert. Mit mehr als 50 Stunden Film ist seine Heimat ein gewaltiges Epos und ein nicht minder gewaltiges Projekt subjektiver Geschichtsschreibung. Nun kehrte er nach Schabbach zurück, vielleicht ein letztes Mal, nach Schabbach um die Mitte des 19. Jahrhunderts, zu Zeiten der Hungersnöte und der großen Auswanderungsbewegungen. Arm ist der Schmied Simon, arm wie alle in der Gegend, und sein jüngerer Sohn Jakob, der im Zentrum der Geschichte steht, ist ein Nichtsnutz, weil er Bücher liest. Von Brasilien träumt Jakob (Jan Dieter Schneider), sogar von den Urwaldindianern. Ihre Sprache hat er sich selbst beigebracht aus den Schwarten, die sein Onkel für ihn vorm zürnenden Vater versteckt. Da ist ein fruchtloser Funken Geist, Fantasie, Persönlichkeit, etwas Verdächtiges, was vom Überlebenskampf ablenkt. Jakob kassiert Prügel. Trotzdem scheint da einer schlafwandlerisch durchs Leben zu gleiten. Er lernt sein Jettchen (Antonia Bill) kennen, die Tochter eines Steinschleifers, es wird die Liebe seines Lebens bleiben, aber das Leben hat nicht dieses Glück für Jakob vorgesehen.

Jettchen nämlich begeht auf einer Kirmes einen Fehltritt, nur so. Das Weitere regelt das Dorf: Sie heiratet erwartungsgemäß Jakobs Bruder Gustav (Maximilian Scheidt). Schon schwanger, zieht sie in den kargen Haushalts der Simons, und es ist nicht die reine Freude. Werber ziehen durchs Land, die Brasilien als das neue Paradies anpreisen. Ihre Lockungen bleiben in diesem verlorenen Teil Preußens nicht ungehört. Nur Jakob, ein geduldeter Störenfried, vor Aufbruchsdrang berstend, kommt nicht fort. Mal ist es Freundschaft, mal die kranke Mutter, mal die reine Not: Immer gibt es einen Grund zu bleiben. Als dann das Kind stirbt, entschließen sich Jettchen und Gustav zum Auswandern. Da begreift auch Jakob, dass er bei den Eltern bleiben muss. Die Hoffnung stirbt, und die Sehnsucht überlebt sie noch lange.

Es ist nicht die Geschichte, also die Handlung als solche, die den Film so besonders macht. Die Handlung ist vielschichtig und mäandernd wie das Leben selbst, ein klassischer Plot wird jedenfalls nicht daraus. Reitz hat auch keine historisch korrekte Kulisse errichtet, um darin ein zeittypisches Drama ablaufen zu lassen. Dennoch haben sein Team und er große Sorgfalt darauf verwendet, Stimmigkeit herzustellen, mit Gerätschaften, Materialien, Gesten, Kostümen, Gesichtern, Proportionen.

Sehr genau ist diese Welt gearbeitet, aber der erste Eindruck ist doch eine Verfremdung: Das Hunsrücker Platt quält, die Armut fällt gar nicht pittoresk aus, die Debütanten und Laienschauspieler, die Reitz engagierte, überspielen gelegentlich, und eine weltanschauliche Tröstung hält der Film auch nicht parat. Das Ganze rückt fern. Manchen wird das verunsichern. Der Zuschauer muss selbst dafür sorgen, dass es wieder herankommt, vielleicht tätiger hinsehen als in anderen Filmen.

Dann jedoch wird er möglicherweise auf ein Geheimnis stoßen. Wie es diesem Regisseur gelingt, die Dinge und die Menschen und die Zeit – sowohl die vier Stunden des Films als auch die erzählte Zeit von Jakob Simons Jugend – miteinander in Beziehung zu setzen. Daraus wird ein sinnlich wahrnehmbarer Kosmos, eine echte Eigenwelt. Nichts drängt sich in den Vordergrund, nicht der Protagonist, nicht die Requisiten, auch nicht die Schauspieler, denn hier gibt es keine Stars zu bewundern, die in künstlich schlichten Rollen brillieren. Vielmehr Gesichter, oft in Großaufnahmen, in denen sich Überwältigung, Angst, Zuversicht oder Trauer spiegeln, Menschen mit einem Schicksal. Das ist die Gemütserregungskunst des Kinos, die gute, alte, ursprüngliche, der atemlose Augenblick, wenn der Saal sich verdunkelt und die Bilder sich zu bewegen beginnen.

Der über leere Felder pfeifende Wind spielt eine Rolle, eine gehetzte Wolke über der Eifel, die dürren Rippen einer alten Mähre oder das Quietschen des Webstuhls. Reitz verzaubert diese Welt, aber nicht im Sinne eines idealisierten Zurück. Jakobs Dasein ist kein Idyll und wird kein solches. Natur- oder Sozialromantik fallen aus. Auch die andere Heimat ist ein Konstrukt, vermutlich ein noch stärker künstlerisch durchgebildetes, noch skrupulöseres als alle vorausgehenden Heimaten von Edgar Reitz.