Zuerst sieht man nur seinen Gehstock, damit schlägt er auf den Boden. Tack, tack, tack. Es klingt hart und kraftvoll für einen Neunzigjährigen. Schon die Anfangsszene des Films Global Player zeigt an, wer die Hauptfigur sein, wer ihn dominieren wird. Selbst wenn der alte Herr nicht im Bild ist, beherrscht er jede Sequenz. Es ist Walter Schultheiß’ erste große Kinohauptrolle, er musste sein ganzes Leben auf sie warten.

Wer Schultheiß besuchen will, muss den Stau rund um Stuttgart hinter sich lassen. Einige der größten Unternehmen Deutschlands sitzen dort – Daimler, Bosch, Porsche. Das ökonomische Herz der Bundesrepublik. Fährt man weiter, führt die Straße in ein schwarzes Loch, den Eingang des Schwarzwaldes, wo die Bäume dicht und finster stehen. Walter Schultheiß lebt in Wildberg, einer kleinen Stadt im Nagoldtal. Er öffnet die Tür, trägt Jeans, ein blaues Hemd, sein Gesicht wirkt kantig, fast viereckig, zwei vertikale Falten zerfurchen seine Wangen. Es ist das Gesicht eines Mannes, der schon in jungen Jahren alt wirkte. Mit 22 hat er das erste Mal einen Großvater gemimt. Neben Schultheiß steht seine Frau Trudel Wulle, die beiden sind seit 63 Jahren verheiratet, sie ist Schauspielerin wie er, manchmal treten sie noch gemeinsam auf.

Schultheiß beginnt sogleich, den Dialekt des Gastes zu sprechen. Er ist ein Meister der Imitation. Einer, der sich auf sein Gegenüber einstellt, indem er sich dessen Sprache zu eigen macht. Schultheiß führt in die erste Etage, das Paar wohnt seit Jahrzehnten in diesem Haus. Es wirkt wie ein alter Freund, mit dem sie eine lange Vergangenheit verbindet, vollgestellt mit Dingen, die sich im Laufe ihres Lebens angesammelt haben: antike Möbel, Asiatika hinter Glas, Porzellan in Vitrinen, Kristall im Fenster, viele Bücher und selbst gemalte Bilder.

Schultheiß und seine Frau setzen sich an den Tisch, es gibt Maultaschen, natürlich. "Ich bin geborener Monarch", sagt er. "Ich kam mit Kaiserschnitt zur Welt." Verbringt man mehrere Stunden mit Walter Schultheiß, dann hört man viele Zweizeiler dieser Art. Sie klingen witzig, heiter, unbeschwert. Erst nach und nach wird klar, sie sind Teil eines Konzepts, seine Technik, um über schwierige und schmerzhafte Dinge hinwegzugehen. Schultheiß nennt sich selbst einen "Volksschauspieler", einen der im Dialekt spielt. Schwäbisch. In diese Rolle ist er nach dem Krieg gedrängt worden: "Mein Publikum will mich ausschließlich in schwäbischen Rollen sehen." Es klingt enttäuscht und erfreut zugleich.

Er hat Theater gespielt, sehr viel Fernsehen: Köberle kommt, Oh Gott, Herr Pfarrer, Der König von Bärenbach, Der Eugen und war über mehrere Jahre hinweg der Vermieter von Bienzle im Tatort aus Stuttgart. Zwei Jahrzehnte lang trat er jeden Samstag im Rundfunk mit seinem Kollegen Werner Veidt als Die Straßenkehrer auf. Die beiden waren Kult, verkörperten die schwäbische Seele. Die Mundart legt ihn aber auch fest. "Ich war weg vom Fenster für alles andere." Schultheiß wird in Schwaben wie ein Held verehrt, ist ein Rundfunk- und TV-Urgestein. Aber nie bekam er die großen, die tragischen, die bedeutsamen Rollen. Auch wenn Schultheiß das nicht so sagen würde. "Es gibt keine großen und kleinen Rollen, sondern nur gute und schlechte." Der Autor Felix Huby, der mit Schultheiß befreundet ist und die meisten Serien schrieb, in denen dieser spielte, sagt: "Er ist immer unterschätzt worden." Nun, mit 89 Jahren ist Schultheiß der Star, die eigentliche Entdeckung des Films Global Player, der jetzt ins Kino kommt. Auch wenn er wieder einen Schwaben spielt.


Schultheiß setzt sich in den Sessel am Fenster, es reicht bis zum Boden, er schaut in den Garten, es wirkt, als sitze er mitten im Wald. Seine Frau behält ihn von gegenüber im Blick. "Vielleicht bekomme ich den Preis für den besten Nachwuchsschauspieler", witzelt er. In Global Player gibt er den schwäbischen Textilunternehmer Paul Bogenschütz, dessen Firma dem Konkurrenzdruck aus Asien nicht mehr standhält und dessen Kinder die Firma deshalb an Chinesen verkaufen wollen. Er ist der Patriarch der Familie, der Firma, der es gewohnt ist, dass alle seinen Worten folgen.

Ein wenig steht er damit auch für diese Generation – in den zwanziger Jahren geboren, durch Krieg, Flucht und deutsche Teilung geprägt. Eine Generation, die wie keine zweite Deutschland geprägt hat, an der sich ihre Kinder und Enkel reiben und neben der sie immer verblassen. Es ist auch Schultheiß’ Generation. Eine Generation, die nun stirbt.

Als Hannes Stöhr, der Regisseur von Global Player, Walter Schultheiß in seinem Haus besuchte, wartete Schultheiß in der Einfahrt. Mit herrischen Worten wies er ihn beim Einparken ein. "Rumziehen", rief er und schlug dabei aufs Wagendach des Regisseurs. "Er war schon in der Rolle", sagt Stöhr. "Schultheiß war alternativlos." Es ist schwer, heute einen 90-Jährigen zu besetzen: "Alle fürchten, er könnte das Ende der Dreharbeiten nicht mehr erleben. Deshalb ist es schwierig, eine solche Produktion zu versichern." Der Drehplan wurde auf Schultheiß’ Biorhythmus abgestimmt. Stöhr, halb so alt wie Schultheiß, nahm am Drehort in Berlin ein Hotelzimmer neben ihm. Jeden Abend sprachen sie über den nächsten Tag. Schultheiß kannte schon bei den Proben seinen Text und auch die Dialoge der anderen Schauspieler auswendig.