Rücksichtslos setzt der russische Monopolist Gazprom seine Preise durch. Abhängigen Staaten wird im Konfliktfall der Hahn zugedreht – wie 2009 der Ukraine. Zu Recht gilt das Geschäft mit dem Gas als politische Waffe des Kremls. Dass Deutschland ein Drittel seines Erdgases aus Russland bezieht, ist daher vielen kaum verständlich und unheimlich.

Vor 40 Jahren hingegen bot sich ein anderes Bild: Im Oktober 1973 erreichte das erste sowjetische Gas per Pipeline die Bundesrepublik. Konflikte fürchtete man nicht. Im Gegenteil, man hoffte, sie zu überwinden: Die Pipelines zwischen Ost und West verbanden zwei einstige Todfeinde und förderten den Handel in Zeiten des Kalten Krieges. Dabei ersetzte die Energie-Diplomatie immer wieder die politische, unterstützte sie oder ging ihr gar voraus – und festigte so dauerhaft die deutsch-russischen Beziehungen.

Bereits Ende der fünfziger Jahre verhandelten Unternehmen wie der Essener Krupp-Konzern unter seinem Chefmanager Berthold Beitz mit Moskau über den Verkauf von Röhren. Lediglich ein Nato-Embargo, das die USA 1962 durchsetzten, verhinderte den Ausbau dieser Geschäfte. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre bot die Sowjetunion dann Österreich, Italien, Frankreich und schließlich auch der Bundesrepublik große Energielieferungen an. Beide Seiten profitierten: Sowjetisches Öl und Gas waren für den Westen billig. Moskau bekam im Gegenzug dringend benötigte Devisen.

Willy Brandt (SPD), seit 1966 Außenminister, waren diese privatwirtschaftlichen Verträge nur willkommen. Er sah in ihnen gar eine Basis für deutsch-sowjetische Abkommen: Eine gewisse Abhängigkeit von sowjetischem Gas galt als Vertrauensbeweis. Das Auswärtige Amt hielt bereits 1969 einen Anteil von 20 Prozent sowjetischen Gases für vertretbar.

Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) hingegen blieb skeptisch – was die CSU nicht hinderte, ihrerseits mit den Sowjets anzubandeln. Bayern lag fern von Ölhäfen und Kohlegruben. Gas erschien hier als die Energie der Zukunft. Bayerns langjähriger Wirtschaftsminister Otto Schedl begann schon Ende der sechziger Jahre Gespräche mit Moskau, um über die Tschechoslowakei Gas für Bayern zu bekommen. Damit stützte er indirekt Brandts Ostpolitik.

Als Brandt 1969 Bundeskanzler wurde, gewann die Verständigung an Fahrt. Bereits Anfang 1970 wurde, für einen Zeitraum von 20 Jahren, die Lieferung von jährlich drei Milliarden Kubikmeter Erdgas an die Essener Ruhrgas AG vereinbart. Zudem einigte man sich darauf, dass die Düsseldorfer Stahlkonzerne Mannesmann und Thyssen Röhren im Wert von 1,2 Milliarden Mark liefern, um 2000 Kilometer Pipeline zu bauen. Vorbild war Österreich: Dessen konservative Regierung hatte bereits 1968, nur wenige Tage nach dem sowjetischen Einmarsch in Prag, als erstes westliches Land eine sowjetische Gasleitung eröffnet.

Fünf Jahre später war es auch in der Bundesrepublik so weit. Die Russen sind da, betitelte im Oktober 1973 die ZEIT einen Bericht über die ersten Gaslieferungen. Kremlchef Leonid Breschnew sah in der deutsch-sowjetischen Pipeline den Garanten für eine langfristige Zusammenarbeit – für 30, ja für 50 Jahre. Dass sie sogar das Ende der Sowjetunion überdauern würde, ahnte er nicht.

Die Zusammenarbeit beschränkte sich dabei nicht aufs Gas: 1974 bot die Sowjetunion sogar an, vier Kernkraftwerke zu bauen, die Strom nach West-Berlin und in die Bundesrepublik liefern sollten. Das Projekt scheiterte. Aber das Erdgas-Röhrengeschäft wuchs mit weiteren Verträgen, die Öllieferungen verdreifachten sich bis 1973, und auch der Import von angereichertem Uran aus dem Osten stieg. Zeitgleich bezogen andere EG-Mitglieder wie Frankreich und Italien ebenfalls sowjetisches Gas.