Erntedank inklusive: Die Komiker Pippa Evans und Sanderson Jones hatten die Idee zur »Sunday Assembly«. Inzwischen findet sie regelmäßig in der Conway Hall statt, dem Sitz eines traditionsreichen Atheisten-Clubs in London-Holborn

Der Anfang muss knallen, das hat sich Sanderson Jones vorgenommen, und deswegen klatscht er jetzt, so laut er kann, in seine Hände. Mit einem Fuß stampft er auf den Boden und nimmt den Takt der Band auf, die hinter ihm den Refrain anstimmt: "Celebrate good times, come on!" Der Disco-Hit aus den achtziger Jahren hat auch die Besucher von ihren Stühlen gerissen. Jetzt singen sie fast alle mit und eröffnen gemeinsam mit Jones diesen Gottesdienst für Atheisten.

"Sunday Assembly" heißt die Veranstaltung, wie sie Jones zusammen mit seiner Kollegin Pippa Evans seit Anfang des Jahres in London organisiert. Und offenbar haben die beiden damit einen Nerv getroffen: Schon an den ersten Sonntagen kamen Hunderte Menschen. Übers Internet wanderte die Begeisterung in andere Städte, in denen sich eigene Sunday Assemblies gründeten. "Im Januar hatten wir eine einzige Kirchengemeinde, Ende des Jahres werden es schon 30 sein", verkündete Jones kürzlich und fügte mit der ihm eigenen Mischung aus Sendungsbewusstsein und Ironie hinzu: "Wir wachsen um 3.000 Prozent und damit schneller als jede Kirche der Welt."

Wenn man beginnt, den Hintergrund dieser Messen zu beleuchten, dann stößt man auf bekehrte Atheisten und zweifelnde Priester, auf euphorische Wanderarbeiter und verärgerte Millionäre. Vor allem aber lernt man, dass der Atheismus in England eine Bewegung mit einer langen Tradition ist – und gerade in jüngster Zeit neue Schubkraft bekommen hat.

Wir besuchen einen Mann, dessen Beruf auf Atheismus beruht: Sid Rodrigues. Als Kind hieß er Simon, doch der christliche Vorname lag ihm nicht, sodass er ihn ändern ließ. Sein Arbeitgeber ist die Conway Hall Ethical Society. Die Organisation wurde vor 220 Jahren gegründet und ist die älteste unter mehreren traditionsreichen Vereinigungen, die sich für freiheitliches Denken und gegen Dogmatik einsetzen. Ihr Sitz ist – wie ihr Name sagt – die Conway Hall im Londoner Stadtteil Holborn, und die Conway Hall ist auch Schauplatz der Sunday Assemblies. "Es gab in Großbritannien immer wieder Versuche, regelmäßige Treffen für Atheisten zu gründen", erklärt er. Doch in Abgrenzung gegen die Kirchen seien das meist nüchterne Debattierclubs gewesen, die vor allem ältere Herren anzogen.

Deswegen organisiert er die Abende "Sceptics in the Pub", die ein jüngeres Publikum zum Philosophieren in Kneipen locken sollen. "Zurzeit wachsen wir ziemlich schnell", sagt auch er. Vor zwei Jahren gab es in London nur ein monatliches Treffen, inzwischen sind es fünf in verschiedenen Pubs und im ganzen Land etwa vierzig. "Dieses wachsende Interesse hilft auch den Leuten von der Sunday Assembly", sagt Rodrigues, "aber die gehen noch weiter von den Diskussionsrunden weg und ziehen ein richtiges Spektakel ab."

Tatsächlich hört Sanderson Jones nach dem Willkommenslied Celebration kaum auf zu klatschen. Mit seinem Oberkörper wippt er weiter hin und her, sodass die goldene Krawatte vor seinem lila Hemd umhertanzt. "Hey, Pippa, was ist besser als ein Song zum Auftakt?", ruft er seiner Mitstreiterin zu, die als Leadsängerin die Band anführt. "Zwei Songs zum Auftakt", jubelt sie zurück und spielt mit ihrer Gitarre gleich das nächste Stück an: Superstition von Stevie Wonder, ein Funk-Hit mit Warnungen vor Aberglaube, der gleich zeigt: Hier passiert alles mit einem Augenzwinkern.

Ähnlich geht es weiter, als Jones zu seiner ersten Ansprache ansetzt und seine Komiker-Qualitäten zum Einsatz bringt. Das Thema für diese Herbst-Assembly ist Erntedank, und so erzählt er, wie er bei seiner Google-Suche zu diesem heiteren Anlass in einer düsteren Ecke des Internets landete: auf der Homepage eines Death-Metal-Musikfestivals in Deutschland.

"Die Bands waren Furcht einflößend", raunt Sanderson jetzt im Tonfall eines heiseren Rockstars. Nacheinander stellt er die Gruppen vor und zeigt mit einem Projektor Bilder von langhaarigen Milchgesichtern, die er alle kommentiert. Bei jedem Foto brüllen die Besucher ein bisschen mehr. "Aber jetzt sollten alle Kinder wegschauen", warnt Sanderson, "denn hier kommt das Härteste zum Deathcore-Erntedank." An der Wand erscheint das Albumcover einer Gruppe namens We Butter the Bread with Butter. "Ja, liebe Ladys, keine Margarine", imitiert Jones einen grunzenden deutschen Metaller, "auf euer Brot schmieren wir richtige Butter!" Der Saal johlt.

Für Sid Rodrigues ist diese Heiterkeit der Hauptgrund, warum sich die Sunday Assemblies so schnell verbreiten. Und doch hätten andere den fruchtbaren Boden bereitet, auf den die Idee gefallen sei, meint er. Er führt in den ersten Stock der Conway Hall, in die alte Bibliothek. Dort stehen Lexika mit schweren Einbänden, die einen Duft von Leder verbreiten. Doch Rodrigues holt ein neues Taschenbuch hervor: Das Ende des Glaubens des amerikanischen Philosophen Sam Harris, erschienen 2004. "Nach dem 11. September und Bushs christlicher Propaganda wollte Harris mit Islam und Christentum abrechnen", erklärt Rodrigues. Bald darauf erschien ein weiteres Buch: Der Gotteswahn, in dem der Oxforder Biologe Richard Dawkins Glaube als Illusion brandmarkt. Die Autoren wurden so bekannt, dass sie eine eigene Bezeichnung erhielten: "Neue Atheisten".

Neu an ihnen und ihren Mitkämpfern waren drei Dinge: Noch nie hatten Kritiker so naturwissenschaftlich und so aggressiv Gott angegriffen; noch nie standen hinter diesen Attacken so bekannte intellektuelle Stars mit so einer Marketing-Unterstützung von mächtigen Verlagen. Und noch nie waren sie dabei so erfolgreich: Allein Dawkins’ Buch verkaufte sich auf Englisch mehr als zwei Millionen Mal.

Doch das reichte den Bestsellerautoren noch nicht. 2008 unterstützte Dawkins eine Poster-Kampagne auf Londons Bussen: "Es gibt wahrscheinlich keinen Gott", stand dort in riesigen pinkfarbenen Lettern.