Anette Brechtels Tonlage klingt nach Notfall. Sie spricht in ihr Telefon, während sie über die breiten Treppen des lichtdurchfluteten Atriums läuft, den Kopf geneigt, sodass ihre Stimme nicht durch den Raum hallt. Ein Arzt aus der Chirurgie ist am Ende der Leitung, er erzählt von einer Patientin mit Bauchspeicheldrüsenkrebs: "Glaubst Du, es ist wichtig, dass eine Frau mit ihr spricht? Hat sie Kinder?", fragt Brechtel ins Telefon. Es ist Montagmorgen, gleich wird sie mit ihrem Team die Woche und die Patiententermine planen.

Brechtel, 49 Jahre, eine zarte Frau mit kurzen Haaren und grünen Augen, leitet die Psychoonkologische Ambulanz im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) an der Uni-Klinik in Heidelberg. Sie begleitet und berät Krebspatienten.

Das NCT ist kein typisches Krankenhaus. Es hat verglaste Fassaden, dazu holzgetäfelte Wände und Eichenparkett, eine moderne Espressobar und loungeartige Therapiebereiche. Die Bestrahlungseinrichtung ist fast so groß wie ein Fußballfeld. Rund 4.100 Krebspatienten werden hier pro Jahr bestrahlt, 10.000 erhalten jährlich ihre Neudiagnose und werden am NCT behandelt. Nach Heidelberg kommen auch die Hoffnungslosen, die Rezidivfälle, so nennen Mediziner Patienten, bei denen der Krebs zurückgekehrt ist, oder Patienten mit seltenen, metastasierenden und präfinalen Tumoren. Hier arbeitet eine riesige Anti-Krebs-Maschine.

Während Onkologen den Patienten Chemotherapien und Bestrahlungen verordnen, kümmert sich Brechtel um ihre Psyche. Jedes Jahr erkranken etwa 490.000 Menschen neu an Krebs, 221.000 sterben daran. Und die Erkrankung befällt auch die Seele.

In dem Besprechungsraum warten vier Psychoonkologen und eine Therapeutin in Ausbildung auf Brechtel. Auf dem Tisch liegt ein Stapel mit Dokumentationsmappen. Oben links steht jeweils der Name des Patienten. Rechts die Krankheit: Metastasiertes Darmkarzinom. Eierstockkarzinom. Harnblasenkarzinom mit Metastasen in der Lunge. Das Team berät über den aktuellen Krankheitsstand der Patienten: OP, Chemo, Strahlentherapie. Sie sprechen über die Schwere der Schmerzen und die psychische Belastung oder über familiäre Krisen.

Die Auszubildende ist erst eine Woche da, sie soll ihre Erfahrungen bilanzieren: "Das ist ganz schön heftig. Man steigt gleich in die harten Themen ein – ohne Kennenlernphase."

"Wenn dich ein Fall länger beschäftigt, melde dich", sagt Brechtel. Über den Rand ihrer Lesebrille schaut sie in die Runde. Sie kennt Kollegen, die haben den Beruf gewechselt.

"Ich habe mich gefragt", sagt die Auszubildende, "was kann ich den Menschen eigentlich geben?"

"Das Elementarste, den Krebs, können wir nicht wegmachen", antwortet Brechtel. "Vielleicht erscheint es erst mal lapidar, was wir in diesem Kontext anbieten können."

Anette Brechtel arbeitet seit gut zehn Jahren in Heidelberg. Sie hat erst spät zu ihrem heutigen Beruf gefunden. Die Entscheidung hatte auch etwas mit dem Tod ihres Vaters zu tun. Brechtel war schon 32 Jahre alt, als sie das Studium der Psychologie aufnahm und dafür ihren lukrativen Job als Coach und Fremdsprachenkorrespondentin hinschmiss. In ihrem ersten Semester diagnostizierten die Ärzte dem Vater ein "Nierenzellkarzinom mit Knochenmetastasen". Es war schnell klar, dass er nicht überleben würde. Er, der Fernkraftfahrer, Jahrgang 1930, haderte mit der Krankheit, sprach aber nicht viel über Gefühle, meinte: "Ich hab Krebs, ich hab’s nicht an der Birne." Brechtel kennt diese Haltung heute vor allem von älteren Patienten. Damals stellte sie sich ganz banal die Frage: "Wie kann man gut mit Krebs umgehen?"

Wenn die Unsterblichkeitsblase platzt

Die Diagnose Krebs, das ist wie in einem Computerspiel, wenn der Spielfigur plötzlich die Unsterblichkeitsblase platzt und alles in dem Spiel zu einer Gefahr wird und man weiß, lange geht das nicht mehr gut. "Ich empfinde es nicht als Manko, nicht an dem Rädchen fürs Überleben drehen zu können", sagt Brechtel. "Es reicht, wenn sich das Befinden meiner Patienten verbessert, sie wieder Lebensmut haben, nicht depressiv sind und wieder in der Familie reden."

Viele verbergen die Trauer, um Eltern, Partner oder Kinder zu schützen. "Solche Gefühle können sie mit noch so guter Schauspielerei nicht verbergen. Dann kommt es zu emotionalen Schieflagen und fehlgeleiteter Kommunikation." Gerade Kinder von Krebspatienten, weiß die Medizin heute, sind hoch belastet, viele leiden im Erwachsenenalter unter physischen und psychischen Krankheiten. Und Eltern können es oft nicht verkraften, wenn die angenommene Rangfolge kippt; ihre Kinder vor ihnen sterben. Zusehen, wie sich der Sinn des Lebens auflöst, das ist für viele Patienten und ihre Angehörigen unerträglich.

Die ersten Fragen, die Brechtel von ihren Patienten zu hören bekommt, sind: Warum ich? Warum jetzt? Bin ich selber schuld? Habe ich mein Leben nicht richtig geführt? Ein Tumor lässt sich meist mit bildgebenden Verfahren sichtbar machen, die Gedanken und Gefühle eines Krebspatienten hingegen nicht. Wie sich diese im Verlauf der Erkrankung verändern, können Außenstehende nicht immer nachempfinden. Brechtel kann das. Sie kennt die Angst vorm Siechtum, davor, Zeuge des eigenen Verfalls zu werden.