Nolde Superstar: Nimmt man die Preisrekorde auf dem internationalen Kunstmarkt als Maßstab, die Besucherzahlen der Ausstellungen (gerade wieder in Baden-Baden: über hunderttausend) und die immensen Auflagehöhen all der Bildbände, Postkarten, Kalender und Poster mit Reproduktionen seiner Werke, dann ist Emil Nolde mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod einer der Größten der Kunstwelt. Wie zu Claude Monet nach Giverny, so pilgern jedes Jahr im Sommer Tausende Verehrer zum Nolde-Haus im nordfriesischen Seebüll, wo der Maler von 1930 bis zu seinem Tod 1956 gelebt hat. Am Gendarmenmarkt, im Herzen Berlins, gibt es seit sechs Jahren eine Museums-Dependance.

Noldes leuchtende Marsch- und Meerlandschaften unter dräuendem Sturmhimmel, seine biblischen Szenen und selbst die abwechslungsarmen Blumenaquarelle sind wahre Publikumslieblinge. Man schätzt seine Kunst als Avantgarde ihrer Epoche und zugleich als zeitlos farbenfroh und vital. Als unpolitisch überdies – obwohl man die Künstler des Expressionismus im Zweifelsfall "links" verortet. Schließlich gehörten viele von ihnen zu den Verfolgten des NS-Regimes. Auch Noldes Bilder waren damals als "entartet" verfemt.

Und doch hatte sich der Maler, ein überzeugter Antisemit, schon früh aus ganzem Herzen zum "Dritten Reich" bekannt. 1934 trat der 67-Jährige der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig bei. Dies alles begann er nach Kriegsende zu vertuschen: Nolde schrieb seine Autobiografie in wesentlichen Passagen um. Schon 1967 warnte der Philologe Walter Jens in einer Rede zum 100. Geburtstag Noldes, dass man dessen Selbstzeugnissen nicht trauen dürfe.

Den Kollegen Max Pechstein denunziert er bei Goebbels als "Juden"

Im Jahr darauf erschien dann allerdings der schnell populäre Roman Deutschstunde, in dem der Hamburger Erfolgsschriftsteller Siegfried Lenz Noldes Alter Ego Max Ludwig Nansen als Widerständler darstellt. Auch später wurde Noldes Verhalten immer wieder kleingeredet – gerade erst im Frühjahr auf einer Tagung in Halle: Wer so schön gemalt habe, hieß es dort im Publikum, könne doch kein schlechter Mensch gewesen sein! Selbst in der aktuellen Schau in Baden-Baden folgte man noch dieser Sicht.

Dass er es war, belegt jetzt erneut ein bislang unbekanntes Dokument, das sich in Schweizer Privatbesitz befand und hier erstmals zitiert wird. Es ist ein sechsseitiges Typoskript. Der sauber getippte Text, den sein Verfasser an einigen Stellen handschriftlich ergänzt hat, trägt keine Anrede, bloß ein Datum: "6 Dez 1938". Seine Absicht ist überdeutlich. Schon der erste Satz lässt keinen Zweifel: "Wenn ich im Leben, so lange ich Künstler bin, gegen Ueberfremdung der deutschen Kunst, gegen den unsauberen Kunsthandel und gegen die übergrosse jüdische Vorherrschaft in allem Künstlerischen in offenem Kampf gestanden bin und nun seit Jahren von der Seite, für die ich mit und vorgekämpft habe, angegriffen und verfolgt werde – dann müssen Missverständnisse vorliegen, die eine [sic] Klärung bedürfen." Was folgt, sind glühende Bekenntnisse zu "Führer", Volk und Vaterland.

Fast sechs Jahre nach Beginn der NS-Herrschaft und wenige Monate nachdem die Nazis 1052 seiner Werke aus deutschen Museen entfernt und 48 davon in der Schmähausstellung Entartete Kunst der Lächerlichkeit preisgegeben haben, fühlt sich der eigenem Selbstverständnis nach urdeutsche Maler immer noch missverstanden und ungerecht behandelt. Von keinem seiner Kollegen wurden so viele Werke beschlagnahmt wie von Nolde – und das, obwohl er an seiner Regimetreue nie einen Zweifel ließ.