Ein paar Stunden nach der Schießerei am 28. Mai 2013 stand Hüseyin Taskin vor der Terminusklause und rauchte im späten Sonnenschein seine Davidoff Gold. Er blickte die Moselstraße hinunter, die hinten, jenseits der Kaiserstraße, für Autos noch immer gesperrt war. Es waren noch ein paar Polizeiautos da, die Zeugenbefragungen waren noch im Gange, nur der Helikopter, der für eine Weile über dem Bahnhofsviertel gekreist hatte, war inzwischen wieder verschwunden. Hüseyin hatte an diesem Tag zum ersten Mal die Tische draußen aufgestellt, auf den beiden Parkplätzen, die er vor ein paar Jahren vor der Kneipe gemietet hatte, damit seine Kunden draußen sitzen können, wenn es warm ist.

"Schießerei heute?", fragte ein Gast. Hüseyin nickte und sagte: "Manche glauben, Albaner gegen Rumänen, andere sagen, ein Sozialarbeiter wurde angeschossen." Der Gast zuckte mit den Schultern, und Hüseyin zuckte mit den Schultern. Dann ging Hüseyin in die Klause und holte das Bier.

Hüseyin Taskin hatte die Terminusklause im Frankfurter Bahnhofsviertel 1994 übernommen. Er ist Kurde, aus Tunceli in Ostanatolien. Einmal, zweimal im Jahr, je nachdem, wie die Geschäfte stehen, fährt er noch hin, um Urlaub zu machen. Sonst ist er in der Terminusklause, jeden Tag, Montag bis Sonntag. Um elf Uhr kommt er und bleibt so lange, wie die Kunden trinken wollen, manchmal bis sechs Uhr früh. Nach Ladenschluss wird eine Stunde geputzt, dann, um elf, wird wieder aufgemacht. Hüseyin hat drei Töchter, die jüngste studiert noch, die anderen beiden sind fertig und arbeiten in den Banken. Er hat einen Enkel, ist geschieden und wohnt über seiner Kneipe.

In der Terminusklause kann man essen – Pommes zum Beispiel oder Spiegeleier mit Spinat –, aber die meisten Kunden kommen, um Bier zu trinken. Wenn noch zwei Schluck im Glas sind, legt Hüseyin dem Gast die Hand auf den Rücken und fragt: "Noch eins?" Die Gläser sind nie leer. Hüseyin und sein Kollege Mehmet machen Striche auf die Bierdeckel für ein Kleines, Kreuze für ein Großes. Es wird unglaublich viel geraucht. Spät abends bringt Hüseyin oft eine Runde Arak an die Tische, aufs Haus.

Es gibt in der Terminusklause auch immer Salzstangen. Die Salzstangen wohnen in einem neonbeleuchteten Glaskasten unter der Bar. Neben dem Eingang blubbern zwei Spielautomaten. Die Wände sind mit dunkelbraunem Furnier bezogen, an eine Wand hat jemand ein bukolisches anatolisches Idyll gemalt, vergilbt mittlerweile vom Rauch. Vor den Fenstern stehen Pflanzen, die den Qualm aushalten, und ein immenser Kürbis, den Mehmet von seiner Farm in Bulgarien mitgebracht hat. Dann hängen an den Wänden noch komische Stöcke und Trommeln, alte Geldscheine und hinter der Bar ein paar Fotos. Es gibt nur ein einziges Poster, gelb, es kündigt eine Kunstausstellung an, die längst stattgefunden hat.

An einem Nachmittag vor etwa vier Jahren kamen zwei Kunststudenten in die Kneipe. Ein Schwede und ein Ire aus Galway. Die Studenten waren neu in der Stadt, sie waren gerade von der Städelschule in Sachsenhausen, der Kunsthochschule auf der anderen Seite des Mains, über den Holbeinsteg gelaufen, der in die Moselstraße im Bahnhofsviertel mündet. Die beiden hatten Durst, und die Terminusklause war die erste Kneipe in der Moselstraße, an der sie vorbeikamen, also gingen sie hinein. Nach diesem ersten Besuch waren die beiden Studenten häufiger da, und sie erinnern sich heute daran, dass die Terminusklause damals immer ziemlich leer war, nur die paar Männer standen am Tresen, die tagsüber immer noch kommen und Sachen zueinander sagen wie: "Der Automat mag mich nicht" oder "Wo lebst du Mann? Musst Deutsch lernen. Bisschen. Bisschen lernen. Du bist in Deutschland. Nicht immer nur Polnisch" oder "Wenn du noch ein Bier trinkst, musst du auch eine Runde ausgeben".

Nicht nur die Terminusklause verändert sich. Die ganze Gegend verändert sich. Man kann ihr dabei zusehen

Die beiden Kunststudenten mochten die Terminusklause. Sie brachten Freunde mit. Immer häufiger kamen nun ganz junge Leute zu Hüseyin. Für eine Weile konnte man sich als Kunststudent einfach in die Terminusklause setzen und musste nicht lange warten, dann kam schon ein bekanntes Gesicht herein. Ein, zwei Jahre lang war die Terminusklause die schönste Kneipe von Frankfurt, die Biere glänzten golden wie in einem Film von Fassbinder, und wenn es zu heiß und verqualmt wurde, sprang knatternd ein Lüfter an der Decke an, sodass man "Mehr Siebziger. Mehr Achtziger. Hessens meiste Musik" auf Harmony FM nicht mehr so gut mithören konnte. Ein Bierdeckel voller Striche und Kreuze kostete nicht viel.

Dann irgendwann kamen neue Gäste. Auf der Herrentoilette der Terminusklause standen auf einmal Banker an den Pissoirs, und der eine Banker sagte zum anderen: "Habe ich dir nicht gesagt, dass es super ist hier?" Und der andere Banker sagte: "Ja, und das Bier ist voll billig." Und der erste Banker sagte: "Ja, und weißt du, das sind alles Kunststudenten." Freitagabends war die Terminusklause immer häufiger richtig voll, mit einem komischen Mix von Leuten – Philosophiestudenten, Yuppies, Hipster, Banker, Journalisten, Schauspieler vom Theater. In der Kneipe war manchmal gar kein Platz mehr, und Hüseyins Kollege Mehmet lief an solchen Abenden mit strengem Gesicht umher und kam gar nicht hinterher mit den Bestellungen. Manche fanden, man könne nicht mehr in die Terminusklause gehen, es sei nicht mehr so nett wie früher. Dabei war es ja nicht bloß die Klause, die sich verändert hatte. Die ganze Gegend veränderte sich, man konnte ihr dabei zusehen.

Das Bahnhofsviertel hat einen seltsamen Ruf. Niemand kann so richtig sagen, was das eigentlich für eine Gegend ist. Das liegt auch an der Vergangenheit, vor allem an den achtziger und neunziger Jahren, als das Viertel schwierige Zeiten durchmachte. In Feuerteich, einem Bildband von 1985, sieht man auf den Fotos verfallene Straßenzüge, alles ist grau, schmutzig, kaputt. Die Menschen auf den Bildern sind die damaligen Bewohner des Bahnhofsviertels: Junkies, Prostituierte, Zuhälter, Dealer, Säufer, Bettler, Verrückte.