An jenem Wintertag vier Wochen vor seinem Tod, im Januar 1837, hat ihn zunächst nur eine üble Erkältung erwischt, er muss ins Bett. Am 20. Januar schreibt der 23-jährige Georg Büchner in seinem Zimmerchen in der Zürcher Steingasse, wo er seit ein paar Monaten neben anderen politischen Flüchtlingen aus Deutschland wohnt, an seine Geliebte nach Straßburg: "Man hört hier keine Stimme; das Volk singt nicht." Lieder braucht er aber, die sind seine Verbindung zur Welt und zur Schöpfung. Also fragt er besorgt in die Ferne: "Und gelt, du singst die Lieder?"

Das ließe sich heute leicht missverstehen, als Rührseligkeit, aber dieser Mann ist kein Sentimentaler, sondern einer, der Geist, Liebe und Schädelnerven gleichermaßen in ironischen Spiritus tränkt. Kurz zuvor hatte er der Geliebten geschrieben: "Ich sehe dich immer so halb durch zwischen Fischschwänzen, Froschzehen usw. Ist das nicht rührender als die Geschichte von Abälard, wie sich ihm Héloise immer zwischen die Lippen und das Gebet drängt? O, ich werde jeden Tag poetischer, alle meine Gedanken schwimmen in Spiritus." Tagsüber präpariert der Wissenschaftler Büchner, der erst vor ein paar Wochen seine Probevorlesung Über Schädelnerven gehalten hat, für sein Kolleg in der vergleichenden Anatomie lauter Fisch- und Amphibiennerven.

Wer war Georg Büchner? Man weiß nur Lückenhaftes über ihn. Ein Aktivist für Demokratie, Gerechtigkeit, Menschenrechte, steckbrieflich gesucht, ein begnadetes Multitalent, Dichter, Mediziner, Naturwissenschaftler, Briefschreiber, bibelfest. Zu viele Spuren des Rastlosen sind vernichtet, zensiert, verloren. In Darmstadt steht in einem Hinterhof an den Resten der Gartenmauer des längst verschwundenen Elternhauses zu lesen, hier habe 1835 eine Leiter gelehnt, um dem Dichter des Danton die Flucht zu ermöglichen. Man hat seither alle Spuren gesucht. Nach 30 Jahren wissenschaftlicher Kärrnerarbeit ist nun die Marburger Ausgabe abgeschlossen, die Büchners übersichtliches Werk in eine 18-bändige Foliantenausgabe mit Tausenden Seiten verwandelt hat, und in Darmstadt öffnet eine beachtliche Jubiläumsausstellung mit einem 600 Seiten dicken kunstvollen Katalog, beide stellen einen Büchner für alle Sinne dar: sehen, hören, spüren. Sie machen den kaum Auffindbaren mit aller denkbaren Sorgfalt in Gegenständen, Klängen, Bildern erkennbar. Ein bürgerlicher Familientisch, eine Guillotine, ein Seziertisch, das Straßburger Münster, ein Blutmessias, politische Karikaturen, eine Haarlocke, die echte, die einzige.

Büchner kannte das Gefühl gut, bei lebendigem Leibe gestorben zu sein

Und doch ist beim Lesen der Büchnerschen Texte der Klang des Werks am besten zu hören. Dieser Büchner, der so dringend Lieder brauchte, die das Verstummen der Welt übertönen, ist im Jahr 2013, im Herbst der erschöpften Spätmoderne, auf neue Weise der Erinnerung wert. Er antizipiert jene Gejagtheit, mit der viele in einer fast undurchdringlichen Wirklichkeit heute nach Handlungsmöglichkeiten, nach der Erfahrung von Selbstwirksamkeit, nach einem anerkennenden Echo auf ihre Existenz suchen. Dieser blutjunge Mann, der in nur vier Jahren, die ihm für sein Werk bis zu seinem Tod blieben, gegen die Starre seiner Epoche kämpfte, ist ein moderner Mensch, aber diese Moderne mit ihren präparierten Nerven in Ethanol singt ihm kaum Lieder.

Dass die äußere lebendige Welt mit ihren Klängen einen Menschen sogar aus einer totenähnlichen Starre befreien kann, wusste Georg Büchner gut, er hatte das als Medizinstudent im reaktionären Gießen im Frühling 1834 am eigenen Leibe durchexerziert. Da schrieb er derselben Liebe, der drei Jahre älteren Minna Jaegle: "Ein einzelner forthallender Ton aus Tausend Lerchenkehlen schlägt durch die brütende Sommerluft, ein schweres Gewölk wandert über die Erde, der tiefbrausende Wind klingt wie ein melodischer Schritt ... Die Frühlingsluft löste mich aus meinem Starrkrampf ... Das Gefühl des Gestorbenseins war immer über mir."

Diese Erfahrung der todesähnlichen Entfremdung vom eigenen Selbst und von der Welt war mehr als die Einsamkeit eines Verliebten und politisch verzweifelten Radikaldemokraten im engen hessischen Lahntal. Sie ist die Signatur des Büchnerschen Werks. Das Gefühl des Gestorbenseins teilte Büchner mit den Figuren, die er erfand, als seien sie alle vertraute Geschwister. Aus einer ähnlichen Starre hat ein Gesang menschlicher Stimmen den armen Dichter Lenz in Büchners gleichnamiger Novelle Lenz befreit, an der er 1835 arbeitete: "... die Menschenstimmen begegneten sich im reinen hellen Klang ... der Gesang verhallte ..., unter den Tönen hatte sein Starrkrampf sich ganz gelegt." Eine totenähnliche Stille hatte auch von Anbeginn im fragmentarischen Menschenversuchs-Drama Woyzeck, das 1836 entstand, den heillosen Ton angegeben: "Still, Alles still, als wär die Welt todt." Und dass Büchners Drama Dantons Tod auf der Bühne einen in Langeweile abgestorbenen Revolutionär Danton zeigt, wie tot, noch ehe sein Kopf unter der Guillotine fällt, passt trefflich zu Büchners Urteil über seine Epoche, das er 1836 notiert: Man müsse die "abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel gehen lassen ... Sie mag aussterben, das ist das einzig neue, was sie noch erleben kann." Abgelebt, aussterben: Dabei ist die Moderne mit ihrer Hoffnung, dass das Neue besser sei als das Alte, ganz jung! Ihre Enthusiasten laufen sich noch warm, während der Revolutionär Büchner polizeilich gesucht wird.