Es ist ein ziemlich weiter Weg vom Strausberger Platz in Berlin bis ins Silicon Valley. Es sei denn, man nimmt die Abkürzung durch das Internet. So wie Gregor Hochmuth.

2012 ging die Meldung um die Welt: Facebook kauft den Fotodienst Instagram für eine Milliarde Dollar. Und in Deutschland freuten sie sich. "Ostberliner wird in vier Monaten zum Millionär", stand in den Zeitungen. Dieser Ostberliner, das ist Hochmuth. Bei Facebook nennen sie ihn Grex. Von Gregor zu Grex, das steht auch für eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte. Aber daran gewöhnt hat sich Hochmuth noch immer nicht.

Es gibt nur ein Kinderbild von ihm im Netz, aber man erkennt ihn sofort, als er in San Francisco die Hotellobby betritt. Dunkelbraune Haare, lange Mädchenwimpern, verträumter Blick. "In Chinatown kenne ich mich nicht aus", gesteht er. Also in die Kneipe nebenan. Er zögert beim Bestellen, dann nimmt er doch einen kleinen Salat. "Bei Facebook wird man den ganzen Tag gefüttert." Das Soziale Netzwerk geht überfürsorglich mit seinem teuer eingekauften Personal um, es spinnt seine Akteure in einen Kokon freiwilliger Sozialleistungen in Form von Fitnessangeboten, Zweiradservice und Obsttellern ein. Schöne neue digitale Welt: Ihre Bürger sind immer satt, haben es warm und werden gut unterhalten. Der ganze lästige Reibungswiderstand, den die physische Natur dem Normalmenschen mit überfüllten Bussen, nervendem Papierkram und schlechtem Kantinenessen entgegenbringt, ist auf dem Planeten Facebook quasi aufgehoben.

Das Silicon Valley ist nur eine Idee, eine Schimäre, die ständig verschwimmt

Der Shuttledienst hat Hochmuth an diesem Abend von Silicon Valley herübergebracht. Ein Exklusivservice für Facebook-Mitarbeiter. Dass der Internetkonzern seine digitale Elite in Kleinbussen mit neutraler Farbe und ohne Aufschrift hin und her transportieren lässt, hat etwas Suggestives. Fast so, als wären sie alle in geheimer Mission unterwegs.

Es ist ziemlich dunkel in der Bar, und beim Sprechen muss sich Hochmuth anstrengen, die Musik zu übertönen. Aber sein Problem ist trotzdem gut zu verstehen. In seinem neuen Leben hat er nicht einfach nur den Ort, sondern auch die Seite gewechselt. Ist zusammen mit Instagram von den Kleinen zum Großkapital übergelaufen.

Solange Instagram noch ein Start-up war, saß die Firma in South Market, dem angesagtesten Distrikt von San Francisco. Genauer gesagt: im Urbüro der Twitter-Gründer Jack Dorsey und Biz Stone. Hier brüteten sie die Idee aus, die ihre App zu einer Erfolgsmarke machen sollte: Sie glänzt durch die technische Perfektion, mit der schlecht belichtete Handyfotos unter Zuhilfenahme von Filtern zu ansehnlichen Bildern getunt und blitzschnell in die Sozialen Netze hochgeladen werden können. Instagram ist nicht der Geniestreich eines einzelnen Gründers, sondern das Gemeinschaftswerk von 13 Gesellschaftern. "Das Team ist ein ganz besonderes Team", sagt Hochmuth. "Bestandteil des Kaufvertrags war, dass alle zusammenbleiben können." Im November sind sie in das neue Facebook-Haus in Menlo Park südlich von San Francisco umgezogen, dort teilen sie sich als unabhängige Einheit heute ein Großraumbüro.

Die Nonkonformistenuniform der Techies ist gleich geblieben. Keine Tasche, nur ein Smartphone in der Rechten, wirkt Hochmuth an diesem Abend so unbeschwert, als könnte er jederzeit wieder in der virtuellen Gegenwelt verschwinden. Auch in der gegenständlichen hat er das Privileg, in Freizeitkleidung zur Arbeit gehen zu können: Sneakers und Kapuzenshirt beweisen die Belanglosigkeit äußerer Dinge wie Statussymbole.

Paolo Alto und Menlo Park mögen 60 Kilometer Luftlinie von der City entfernt sein. Aber das Silicon Valley ist anderswo. Es ist eine in jeder Hinsicht viel längere und schwierigere Reise dorthin, als sich viele Bewohner der analogen Welt vorstellen können. Denn das Ziel ist nur eine Schimäre. Es entzieht sich, verschwimmt, verändert sich ständig. Silicon Valley ist im Grunde nur eine Idee. Die Idee von Erfolg und Innovation. Und somit das Amerikanischste, was man sich zurzeit vorstellen kann.

Hochmuth weiß den Weg und wie viel Mut man braucht, ihn zu gehen. Denn er ist ein Junge vom Strausberger Platz in Berlin, er ist dort aufgewachsen, wo sich die Karl-Marx-Allee und die Lichtenberger Straße kreuzen und achtstöckige Häuser die sechsspurigen Trassen säumen. Dort, wo das Kino Kosmos und das Café Moskau hieß, mit Original-Sputnik auf dem Dach. Er war gerade einmal fünf Jahre alt bei der Wiedervereinigung. Mit zwölf brachte er sich selbst das Programmieren bei. Er war 13 und hatte bereits eine Schülerzeitung am Französischen Gymnasium gegründet, als seine Eltern mit ihm nach Kalifornien umzogen. Der Vater ist Filmemacher, die Mutter, eine gebürtige Russin, Spezialistin für Eisenstein-Filme, nahm eine Gastprofessur erst in Stanford, dann in Berkeley an. Mit 17 machte Hochmuth das amerikanische Abitur. Mit 28 war er Millionär.

So etwas kann man sich nicht vornehmen, es passiert einfach. Womit er sich aber auseinandersetzen muss, sind die Fragen vieler: Wo war dabei seine persönliche Leistung? War er vielleicht nur im richtigen Moment an der richtigen Stelle?