Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Das war einmal Helmut Kohls Devise. Agrarpolitiker wenden den Satz gern ironisch auf eine geruchsintensive Begleiterscheinung der Viehzucht an: die Gülle. Entscheidend bei ihr ist vor allem, wie viel wo hinkommt. Denn ihre Nährstoffe werden zum Umweltfluch, wenn sie, wie in Teilen Deutschlands, zu großzügig aufs Feld gekippt werden.

Davor warnen in diesen Tagen gleich zwei wissenschaftliche Beratergremien der Bundesregierung. "Zentrale Umweltziele im Agrarbereich werden in Deutschland nach wie vor nicht erreicht", rufen der Sachverständigenrat für Umweltfragen und ein Beratungsstab des Landwirtschaftsministeriums in einer gemeinsamen Stellungnahme in die Koalitionsverhandlungen hinein.

Das Problem: Aus dem Stickstoffdünger Gülle entsteht Nitrat, das die Gesundheit schädigen kann. Wenn von diesen Salpetersalzen zu viel ausgebracht wird, dann landen sie im Oberflächen- und im Grundwasser. Und das ist nicht die einzige ökologisch bedrohliche Nebenwirkung, die von der Gülleprasserei ausgehen kann. Über Flüsse gelangen die Nitrate auch ins Meer und fördern dort das Algenwachstum. Die Ostsee droht auf diese Weise zu ersticken. Überdies entwichen klimaschädliche Gase in die Atmosphäre, und auf den Äckern schwinde die Vielfalt der Arten, warnen die Regierungsberater.

Das alles ist nicht neu. Deshalb hatte sich die Bundesregierung in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie darauf verpflichtet, die Stickstoffüberschüsse von 2010 an auf 80 Kilo pro Hektar und bis 2020 noch weiter zu senken. Doch die Realität sieht anders aus: Noch immer landen pro Hektar 97 Kilo Stickstoff zu viel auf den Äckern; dank der wachsenden Fleischproduktion steigen die Werte in vielen Regionen sogar noch an. Im Gleichklang mit der EU-Kommission fordern die Experten deshalb wirksame gesetzliche Beschränkungen.

Und zwar "dringend": Weil einige Vorschriften für die Bauern in der Düngemittelverordnung schon bis Ende des Jahres auslaufen und Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner das Thema vor sich her geschoben hat, muss die neue Bundesregierung, gleich welcher Farbkombination, sofort aktiv werden. Im Ministerium werden bereits Vorschläge erarbeitet, die Gutachter wollen dafür Anstöße geben. Sie fordern längere Sperrfristen, während derer die Bauern keine Gülle ausbringen dürfen, außerdem bessere Kontrollen, schärfere Sanktionen, ehrliche Nährstoffbilanzen jedes Hofs. Darüber hinaus müsse der Verbrauch des wertvollen, aber immer knapperen Phosphats künftig stärker eingeschränkt werden.

Damit die Bauern das alles schnell anwenden, plädieren die Berater überdies für eine zentrale Weichenstellung bei der anstehenden Umsetzung der Brüsseler Agrarreform. "In vollem Umfang" solle Deutschland von dem vorgesehenen Recht Gebrauch machen, einen Teil der direkten Subventionen für Landwirte in den Topf für regionale und ökologische Fördermaßnahmen zu verschieben. Diese Umverteilung ist zwischen Bund und Ländern heiß umstritten.

Bauernverbände verweisen darauf, dass heute schon weniger Gülle als vor Jahrzehnten eingesetzt werde, und befürchten noch mehr Bürokratie. Der Kieler Agrarwissenschaftler Friedhelm Taube hingegen will sogar noch stärker eingreifen. Die strengeren Gesetze und Kontrollen würden jedem Bauern deutlich machen, dass er überschüssige Gülle womöglich mit hohen Kosten exportieren müsse, glaubt der Berater des Agrarministeriums. Dies könne den weiteren Konzentrationsprozess in der Tierhaltung bremsen.

Der Grund: Shit happens vor allem in den norddeutschen "Hotspots" der Massentierhaltung. Dort sind die Umweltprobleme am stärksten ausgeprägt, können die Landwirte die anfallenden Güllemengen oft schon jetzt nicht mehr verwerten. Folglich lassen sie, so Taube, "viel Wasser und wenig Nährstoffe" für viel Geld per Lkw aus den Küstenregionen bis in die Börde oder ins Sauerland karren. In einer aktuellen Studie rechnet der Kieler Experte vor, dass sich die Menge solcher Transporte künftig allein in Schleswig-Holstein bis auf eine Million Tonnen pro Jahr erhöhen könnte. Das sei "ökologischer Wahnsinn" und "volkswirtschaftlich mittelmäßig bizarr".

Statt weiter den Neubau von Ställen für den Fleischexport zu fördern, solle eine neue Regierung Anreize schaffen, die Tierzucht wieder in Wirtschaftskreisläufe mit dem Ackerbau zusammenzuführen. Eine neue Düngegesetzgebung sei nur ein erster Schritt.