Auf seiner Website gibt Harper Reed schon ziemlich viel von sich preis: wie viele Schritte er pro Tag geht (am Tag des Interviews waren es 17819 – 178 Prozent seines Tagesziels), wie viel er wiegt (79,1 Kilogramm – abgenommen), bei welchem Wert sein Body-Mass-Index liegt (23,5 – ideal). Er ist 35,41 Jahre alt und verheiratet. An diesem Septembertag hat er vier Tweets geschrieben (unterdurchschnittlich), zuletzt Felix Mendelssohn gehört und den Science-Fiction-Roman "Helper 12" gelesen. Jetzt sitzt er in einem Hamburger Hotel vor einer Cola (vermeidet er eigentlich, weil ungesund) und empfängt zum Gespräch.

DIE ZEIT: Guten Tag, Harper Reed, ich schalte jetzt das Aufnahmegerät ein.

Harper Reed: Ist das denn legal in Deutschland?

ZEIT: Wenn ich Sie darüber informiere, klar. Und ich hoffe, Sie stimmen zu!

Reed: Natürlich stimme ich zu! Aber jetzt wurde meine Zustimmung aufgezeichnet, und dazu habe ich meine Zustimmung nicht gegeben. Das ist sehr verwirrend. (lacht)

ZEIT: Ja, ja, schon verstanden, Sie halten uns Europäer alle für etwas überspannt, wenn es um den Datenschutz geht.

Reed: Vielleicht habe ich einfach mehr Zuversicht. Daten sind meine Welt, darin gehe ich auf. Man kann so viele coole Sachen mit Daten machen.

ZEIT: Für Barack Obama haben Sie im Wahlkampf 2012 eine Datenanalyse-Infrastruktur aufgebaut, mit der Obama genauer als je zuvor über seine potenziellen Wähler Bescheid wusste. Sie haben die noch unentschiedenen Wähler identifiziert und genügend über sie in Erfahrung gebracht, um sie mit einer auf sie zugeschnittenen Botschaft Obamas anzusprechen. Einen Gewerkschafter und Abtreibungsgegner aus Ohio hätten Sie nicht mit Obamas Bekenntnis zur Abtreibung verschreckt. Welche Daten haben Sie dazu verwendet?

Reed: Zuerst muss ich sagen: Wir haben exakt das gemacht, was Unternehmen schon seit Jahren machen – Marketing. Wir hatten ein Produkt, den Präsidenten, und dieses Produkt haben wir verkauft. Die Daten, mit denen wir potenzielle Kunden für unser Produkt identifiziert haben, kamen hauptsächlich aus der Wählerdatenbank, die allen Kandidaten zur Verfügung steht.

ZEIT: Darin sind Name, Adresse, Alter, Wahlverhalten oder Parteizugehörigkeit festgehalten, manchmal auch Informationen über Beruf oder Immobilienbesitz.

Reed: In Deutschland gibt es so etwas ja nicht. Deshalb kann hier auch einiges im Wahlkampf nicht erreicht werden. Ihr habt diese ganzen verrückten Gesetze, die alles so langweilig machen.

ZEIT: Wir hatten ja gerade eine Wahl. Hätten Sie genügend Daten sammeln können, um, sagen wir, der FDP zu einem besseren Ergebnis verhelfen zu können?

Reed: Natürlich hätten wir was machen können. Daten machen den Wahlkampf effizienter. Wir hatten zum Beispiel den Media-Optimizer: einen Algorithmus, dessen Ziel es war, weniger Geld für unsere TV-Werbung auszugeben und gleichzeitig bessere Ergebnisse zu erzielen. Genial, oder? Wenn wir also Latino-Frauen zwischen 30 und 40 in einer bestimmten Gegend gezielt erreichen wollten, haben wir Zuschauerdaten von TV-Sendern gekauft, um Shows zu finden, die vorrangig von dieser Zielgruppe gesehen werden. Der Algorithmus konnte errechnen, welche Show in der für uns interessanten Gegend am häufigsten geguckt wurde, er konnte sogar sagen, um welche Uhrzeit die Frauen die Show guckten. Genau zu der Zeit haben wir dann unsere spanischsprachige Wahlwerbung platziert – statt sie auf allen Kanälen zu senden. So haben wir 50, vielleicht 100 Millionen Dollar gespart. In England und Australien machen sie es im Wahlkampf schon so wie wir, mit denen rede ich oft. Und auch Beppe Grillo in Italien hat es so gemacht wie Obama. Nicht ganz so ausgeklügelt, aber schon ganz gut. Den hat ein Bekannter von mir beraten.