Tief unten im Bauch, sagt sie, fängt es an, ein leichtes Stechen erst, dann kriecht es hinauf, füllt den Mund mit Bitterkeit. Am schlimmsten sei das Hämmern im Kopf. Nicht ohnmächtig werden, nur schlafen, denkt sie dann. Wenn sie auf Essen wartet, summt Ratio Kuntah ein Lied.

Es ist ein staubiger Sommermorgen im Distrikt Kajiado, Kenia, als Ratio Kuntah auf einer schmalen Holzbank auf Hilfe hofft. Sie wischt ihrer Tochter Joy die Fliegen aus dem Gesicht. Wie immer hat sie nach dem Aufstehen einen Becher Tee getrunken, dann hat sie Joy zu Fuß über Trampelpfade und Schlaglochpisten getragen, quer durch die baumlose Ödnis, anderthalb Stunden lang, bis in das Wartezimmer dieser kleinen Gesundheitsstation.

Joy sitzt auf ihrem Schoß und atmet flach. Immer wieder kippt ihr schwacher Körper zur Seite. Sie ist 13 Monate alt, aber sie kann immer noch nicht sitzen.

"Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll", sagt Ratio Kuntah.

Sie ist 19 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann, einem Viehhirten, in einer Hütte aus Kuhdung, die von ein paar Ästen zusammengehalten wird. Joy ist ihr einziges Kind, doch seit Monaten reicht ihre Muttermilch nicht aus, seit Monaten nimmt Joy nicht richtig zu.

"Geht es Ihrer Tochter besser?", fragt die junge Frau im Kittel, als Ratio Kuntah das karge Untersuchungszimmer betritt, an der Wand nur eine Pritsche.

Ratio Kuntah schüttelt den Kopf.

Als sie das erste Mal hier war, vor sechs Monaten, da bewegte Joy sich kaum, ihr Bauch war geschwollen wie ein Ballon.

Die junge Frau, die sich Healthmanager nennt, Gesundheitsmanagerin, legt jetzt ein kleines Maßband um Joys Oberarm. 12,5 Zentimeter. Die schwarzen Zahlen sind an dieser Stelle gelb unterlegt. "Besorgniserregend unterernährt", bedeutet das.

Die Gesundheitsmanagerin weiß, was das heißt. Seit drei Jahren vermisst sie im Kajiado-Distrikt nahe der Hauptstadt Nairobi die Not. Sie kenne Fünfjährige, die nur zehn Kilogramm wiegen, sagt sie. Vierjährige, die weder richtig stehen noch laufen können. Doch geholt werden vom Hunger meist nur die Säuglinge. Erst lässt die Blutarmut ihnen die Haare ausfallen, dann hören sie auf zu wachsen, ihre Augen trüben sich. Irgendwann bekommen sie Durchfall, verweigern die Nahrung. Dann geht ihr Blick ins Leere.

Jedes 13. Kind in Kenia stirbt noch vor seinem fünften Geburtstag. Mehr als jedes vierte bleibt infolge von Nährstoffmangel sein Leben lang körperlich und geistig zurück.

Ratio Kuntah zieht ihre Tochter wieder an. Die Gesundheitsmanagerin drückt ihr das ersehnte Alupäckchen in die Hand, darin ein salziges Nährstoffpulver, das sie Joy in den Brei rühren soll. Vitamin A und Jod, Eisen und Proteine. Ratio Kuntah lächelt verlegen. Jeden Tag betet sie dafür, dass ihre Tochter einmal laufen lernt.

Und sie betet, dass die Preise nicht weiter steigen.

Ratio Kuntah und ihr Mann besitzen eine Kuh, drei Schafe und vier Ziegen, sie leben vom Verkauf ihrer Milch, doch seit Monaten reicht ihr Geld nur noch für zwei kleine Mahlzeiten am Tag: eine mittags und eine vor dem Schlafengehen, ein dünner Brei aus Maismehl und Wasser, manchmal mit etwas Zucker, Bohnen oder Milch verrührt. Ugali nennen die Kenianer diesen Maisbrei, ihr Hauptnahrungsmittel. Er schmeckt nach nichts, doch im Magen quillt er und stillt das Hungergefühl.

Die dreiköpfige Familie lebt von etwa 800 kenianischen Schilling pro Woche, rund sieben Euro. Früher konnten sie sich manchmal Fleisch leisten, sie konnten Maisvorräte anlegen, sagt Ratio Kuntah, doch heute ist alles zu teuer. Heute bezahlen sie 130 Schilling für ein Paket Maismehl, das vor einem Jahr 90 Schilling kostete. Ihr Mann ist hilflos: Er hat genauso viel Geld wie früher, aber er kann seine Familie kaum noch ernähren.

Ratio Kuntahs Tochter Joy muss nicht hungern, weil es zu wenig Essen in Kajiado gäbe. Die Marktstände sind gut gefüllt, mit Mais in jeder erdenklichen Form, Obst und Gemüse, Fleisch, Reis und Brot. Nicht nur in Kenia, überall auf der Welt sind die Regale in den Geschäften voll, doch Millionen Menschen geraten in Not – weil die Weltmarktpreise für Getreide inzwischen schwanken wie ein Aktienkurs; weil Essen immer teurer wird.

Die Preise für Grundnahrungsmittel haben sich nach Berechnung der Welternährungsorganisation FAO in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Viele Einkommen aber stiegen nicht mit. Eine Milliarde Menschen auf der Welt, jeder siebte, lebt noch immer von weniger als einem Euro pro Tag. Bis zu 80 Prozent ihres Geldes geben diese Menschen für Essen aus. Das macht sie verletzlich. Schon leichte Preisschwankungen entscheiden darüber, ob sie satt werden oder nicht.

Wenn man also verstehen will, warum Ratio Kuntahs Tochter Joy hungert, muss man fragen, warum die Preise steigen.

Ratio Kuntah besitzt keinen Fernseher, sie war noch nie im Internet. Sie weiß nicht, dass sie in ihrem Dorfladen nicht nur für ihr Maismehl zahlt, sondern auch für den hohen Benzinpreis und die zunehmenden Dürren in Nordamerika. Sie ahnt nicht, dass der Preis für ihren Mais von Genfer Getreidespekulanten beeinflusst wird und von deutschen Energiepolitikern, von Großbauern in Brasilien und ihrer eigenen geldhungrigen Regierung.