Tief unten im Bauch, sagt sie, fängt es an, ein leichtes Stechen erst, dann kriecht es hinauf, füllt den Mund mit Bitterkeit. Am schlimmsten sei das Hämmern im Kopf. Nicht ohnmächtig werden, nur schlafen, denkt sie dann. Wenn sie auf Essen wartet, summt Ratio Kuntah ein Lied.

Es ist ein staubiger Sommermorgen im Distrikt Kajiado, Kenia, als Ratio Kuntah auf einer schmalen Holzbank auf Hilfe hofft. Sie wischt ihrer Tochter Joy die Fliegen aus dem Gesicht. Wie immer hat sie nach dem Aufstehen einen Becher Tee getrunken, dann hat sie Joy zu Fuß über Trampelpfade und Schlaglochpisten getragen, quer durch die baumlose Ödnis, anderthalb Stunden lang, bis in das Wartezimmer dieser kleinen Gesundheitsstation.

Joy sitzt auf ihrem Schoß und atmet flach. Immer wieder kippt ihr schwacher Körper zur Seite. Sie ist 13 Monate alt, aber sie kann immer noch nicht sitzen.

"Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll", sagt Ratio Kuntah.

Sie ist 19 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann, einem Viehhirten, in einer Hütte aus Kuhdung, die von ein paar Ästen zusammengehalten wird. Joy ist ihr einziges Kind, doch seit Monaten reicht ihre Muttermilch nicht aus, seit Monaten nimmt Joy nicht richtig zu.

"Geht es Ihrer Tochter besser?", fragt die junge Frau im Kittel, als Ratio Kuntah das karge Untersuchungszimmer betritt, an der Wand nur eine Pritsche.

Ratio Kuntah schüttelt den Kopf.

Als sie das erste Mal hier war, vor sechs Monaten, da bewegte Joy sich kaum, ihr Bauch war geschwollen wie ein Ballon.

Die junge Frau, die sich Healthmanager nennt, Gesundheitsmanagerin, legt jetzt ein kleines Maßband um Joys Oberarm. 12,5 Zentimeter. Die schwarzen Zahlen sind an dieser Stelle gelb unterlegt. "Besorgniserregend unterernährt", bedeutet das.

Die Gesundheitsmanagerin weiß, was das heißt. Seit drei Jahren vermisst sie im Kajiado-Distrikt nahe der Hauptstadt Nairobi die Not. Sie kenne Fünfjährige, die nur zehn Kilogramm wiegen, sagt sie. Vierjährige, die weder richtig stehen noch laufen können. Doch geholt werden vom Hunger meist nur die Säuglinge. Erst lässt die Blutarmut ihnen die Haare ausfallen, dann hören sie auf zu wachsen, ihre Augen trüben sich. Irgendwann bekommen sie Durchfall, verweigern die Nahrung. Dann geht ihr Blick ins Leere.

Jedes 13. Kind in Kenia stirbt noch vor seinem fünften Geburtstag. Mehr als jedes vierte bleibt infolge von Nährstoffmangel sein Leben lang körperlich und geistig zurück.

Ratio Kuntah zieht ihre Tochter wieder an. Die Gesundheitsmanagerin drückt ihr das ersehnte Alupäckchen in die Hand, darin ein salziges Nährstoffpulver, das sie Joy in den Brei rühren soll. Vitamin A und Jod, Eisen und Proteine. Ratio Kuntah lächelt verlegen. Jeden Tag betet sie dafür, dass ihre Tochter einmal laufen lernt.

Und sie betet, dass die Preise nicht weiter steigen.

Ratio Kuntah und ihr Mann besitzen eine Kuh, drei Schafe und vier Ziegen, sie leben vom Verkauf ihrer Milch, doch seit Monaten reicht ihr Geld nur noch für zwei kleine Mahlzeiten am Tag: eine mittags und eine vor dem Schlafengehen, ein dünner Brei aus Maismehl und Wasser, manchmal mit etwas Zucker, Bohnen oder Milch verrührt. Ugali nennen die Kenianer diesen Maisbrei, ihr Hauptnahrungsmittel. Er schmeckt nach nichts, doch im Magen quillt er und stillt das Hungergefühl.

Die dreiköpfige Familie lebt von etwa 800 kenianischen Schilling pro Woche, rund sieben Euro. Früher konnten sie sich manchmal Fleisch leisten, sie konnten Maisvorräte anlegen, sagt Ratio Kuntah, doch heute ist alles zu teuer. Heute bezahlen sie 130 Schilling für ein Paket Maismehl, das vor einem Jahr 90 Schilling kostete. Ihr Mann ist hilflos: Er hat genauso viel Geld wie früher, aber er kann seine Familie kaum noch ernähren.

Ratio Kuntahs Tochter Joy muss nicht hungern, weil es zu wenig Essen in Kajiado gäbe. Die Marktstände sind gut gefüllt, mit Mais in jeder erdenklichen Form, Obst und Gemüse, Fleisch, Reis und Brot. Nicht nur in Kenia, überall auf der Welt sind die Regale in den Geschäften voll, doch Millionen Menschen geraten in Not – weil die Weltmarktpreise für Getreide inzwischen schwanken wie ein Aktienkurs; weil Essen immer teurer wird.

Die Preise für Grundnahrungsmittel haben sich nach Berechnung der Welternährungsorganisation FAO in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Viele Einkommen aber stiegen nicht mit. Eine Milliarde Menschen auf der Welt, jeder siebte, lebt noch immer von weniger als einem Euro pro Tag. Bis zu 80 Prozent ihres Geldes geben diese Menschen für Essen aus. Das macht sie verletzlich. Schon leichte Preisschwankungen entscheiden darüber, ob sie satt werden oder nicht.

Wenn man also verstehen will, warum Ratio Kuntahs Tochter Joy hungert, muss man fragen, warum die Preise steigen.

Ratio Kuntah besitzt keinen Fernseher, sie war noch nie im Internet. Sie weiß nicht, dass sie in ihrem Dorfladen nicht nur für ihr Maismehl zahlt, sondern auch für den hohen Benzinpreis und die zunehmenden Dürren in Nordamerika. Sie ahnt nicht, dass der Preis für ihren Mais von Genfer Getreidespekulanten beeinflusst wird und von deutschen Energiepolitikern, von Großbauern in Brasilien und ihrer eigenen geldhungrigen Regierung.

Mit den Preisen stieg die Kurve des Hungers

Sie weiß nicht, dass 13.000 Kilometer entfernt von Kajiado, auf dem Börsenparkett in Chicago, täglich eine Zahl über die Großmonitore flimmert, die vorhersagen könnte, wie viel sie in den nächsten Monaten essen wird: der Weltmarktpreis für Mais. Das Chicago Board of Trade ist die weltweit wichtigste Börse für Getreide. Zwar beeinflussen auch lokale Faktoren, wie viel Ratio Kuntah für den Mais bezahlt. Aber der Preis, der in Chicago ausgehandelt wird, wirkt wie ein Wegweiser. An ihm orientieren sich die Märkte in der ganzen Welt.

Am 18. Juli, dem Tag, als Ratio Kuntah das Nährstoffpaket für ihre Tochter Joy in Empfang nimmt, liegt der Preis für eine Tonne Mais in Chicago bei 277,95 Dollar.

Knapp neun Jahre zuvor, im Herbst 2004, kostete eine Tonne Mais noch 93 Dollar. Innerhalb von nur zwei Jahren kletterte der Preis auf 160 Dollar. Im Januar 2008 durchbrach er die 200-Dollar-Marke, schoss in nur sechs Monaten auf 287 Dollar, dann stürzte er ab, um im August 2011 schließlich auf 310 Dollar zu steigen. Seitdem schwankt der Preis für eine Tonne Mais um die 270 Dollar und liegt damit rund dreimal so hoch wie noch vor zehn Jahren.

Damals, zur Jahrtausendwende, erklärten die Regierungschefs der Vereinten Nationen auf dem sogenannten Millenniumsgipfel den Kampf gegen Hunger zum wichtigsten Ziel der Menschheit. Lange Zeit schien die Welt auf einem guten Weg, doch mit den Preisen stieg im Jahr 2005 plötzlich auch die Kurve des Hungers wieder an: Im Jahr 2000 hungerten knapp 800 Millionen Menschen, heute sind es 842 Millionen, wie die FAO vergangene Woche bekannt gab.

Alle sechs Sekunden stirbt auf der Welt ein Kind an den Folgen von Unterernährung, errechnete die FAO. Jedes Jahr trifft es rund neun Millionen Menschen, 25.000 jeden Tag. Ihr Leiden produziert keine Bilder fürs Fernsehen. Es ist eine neue, alltägliche Not inmitten des Überflusses. Die vorhandene Nahrung, sagen Wissenschaftler, reichte problemlos aus, um die doppelte Weltbevölkerung zu versorgen.

Als Ende der sechziger Jahre die Kinder in der nigerianischen Provinz Biafra verendeten, hatte zuvor ein Bürgerkrieg das Land verheert. Als in den achtziger Jahren die Äthiopier verhungerten, war dies die Folge einer Jahrhundertdürre. Menschen aus aller Welt nahmen Anteil und spendeten. Der Hunger von heute vermehrt sich still, er wächst mit den Getreidepreisen.

In den Tagen, als Ratio Kuntah in Kajiado zu der kleinen Gesundheitsstation läuft, fräsen sich im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso Mähdrescher durch die endlosen Maisfelder. Wie flüssiges Gold rauschen Milliarden Körner aus ihren Rohren auf die Ladeflächen der Anhänger. Es ist Erntezeit. Der Mato Grosso, fast doppelt so groß wie Kenia, ist die Kornkammer Brasiliens. Südlich des Amazonas fällt der Regen zuverlässig, es ist gleichbleibend warm. Mehr Mais als Brasilien produzieren nur die USA und China.

Blairo Maggi lächelt.

"Mais", sagt er, "bedeutet Leben. Mais ist ein Brennstoff für den Frieden."

Dieses Jahr wird er eine Rekordernte einfahren.

Maggi, ein schwerer Mann von 57 Jahren, ist einer der größten Produzenten des Mato Grosso. Seine Ländereien erstrecken sich über eine Fläche, die so groß ist wie Berlin und Bremen zusammen. Mit dem Anbau von Mais und Soja erwirtschaftete er 2011 einen Umsatz von 2,2 Milliarden Dollar. Das Magazin Forbes setzte ihn auf die Liste der hundert einflussreichsten Menschen der Welt.

Seit 2011 vertritt Maggi die Interessen des Mato Grosso als Senator in der Hauptstadt Brasília. An einem heißen Morgen sitzt er in seinem Büro an einem runden Tisch und zieht einen Briefumschlag aus der Anzugtasche. Der weiße Umschlag, sagt er, das war der Mato Grosso vor 40 Jahren, ein leerer, kaum besiedelter Flecken Erde. Maggis Vater hatte dort in den siebziger Jahren eine Parzelle Land gepachtet, ein paar Hektar nur, auf denen er Soja zog. Maggi folgte seinem Vater. Er ließ so viel Regenwald abholzen, dass Greenpeace ihm eine "Goldene Kettensäge" verlieh.

Maggi nimmt jetzt einen Stift und zeichnet ein wirres Netz auf seinen Umschlag. Es soll die Transportwege darstellen, die er als Politiker geschaffen hat. Exportkorridore, nennt er sie.

"4570 Kilometer Straße", sagt Maggi. "Aber wir brauchen mehr."

Das Getreidegeschäft in Brasilien boomt. Angetrieben von einer weltweit steigenden Nachfrage, hat sich die Produktion von Mais in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Agrarmultis wie Bunge, Cargill oder ADM bewirtschaften heute im Mato Grosso riesige, computerüberwachte Felder. Wie Maggi besitzen sie eigene Lkw- und Frachtschiffflotten, eigene Häfen, Mühlen und Verladestationen.

"Es war wie ein Flächenbrand"

Für Unternehmer wie Maggi ist Mais die perfekte Pflanze: Er ist eine sogenannte Flex-Crop, ein flexibel verwendbares Getreide: Mais ist essbar, man kann ihn an Tiere verfüttern, er lässt sich aber auch als Treibstoff in Tanks füllen. Maggi kann ihn auf verschiedenen Absatzmärkten anbieten.

Mais, sagt Maggi, ist ein sicheres Geschäft.

Obwohl sich die Mähdrescher noch durch die Felder schieben, hat er seine Ernte längst verkauft. Etwa jede dritte Tonne Mais liefert Maggi über die Börse in Chicago nach China, wo das Korn zu Mastfutter verarbeitet wird. Die neue chinesische Mittelschicht möchte leben wie die Europäer, das heißt vor allem, sie will Fleisch essen. In den vergangenen 30 Jahren ist in China der durchschnittliche Fleischkonsum von 20 auf 58 Kilo gestiegen. In kurzer Zeit hat allein die Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken knapp 2.000 Filialen eröffnet. Ein Ende dieser Entwicklung, die auch Schwellenländer wie Brasilien oder Indien erfasst hat, ist nicht in Sicht. Bis 2050, schätzt die FAO, wird sich der Bedarf an Hühnern, Schweinen und Rindern weltweit verdoppeln.

Für Blairo Maggi sind das gute Aussichten: In jedem Kilo Huhn stecken drei Kilo Getreide, in jedem Kilo Schwein rund vier, in jedem Kilo Rind etwa neun. Und nicht nur die Chinesen wollen seinen Mais.

Etwa zur selben Zeit, als Maggis Chinahandel Fahrt aufnahm, eröffneten ihm die Europäer ein neues vielversprechendes Geschäftsfeld. Europa träumte von einer Welt ohne Öl. Alarmiert vom Klimawandel, erließ die Europäische Union 2008 eine Richtlinie, die vorsah, dass künftig ein Mindestanteil Sprit aus pflanzlichem Anbau stammen sollte, 6,25 Prozent des gesamten Treibstoffs in Europa. In Deutschland sollten es sogar 20 Prozent sein. Um sich aus der Abhängigkeit von den arabischen Staaten zu befreien, beschlossen gleichzeitig die Amerikaner, all jene Bauern, die ihren Mais zu Kraftstoff verarbeiten, jährlich mit sechs Milliarden Dollar zu subventionieren. Es war der Beginn einer Biospritrallye, die sich noch einmal beschleunigte, als 2008 der Ölpreis außer Kontrolle geriet. 147 Dollar kostete damals ein Barrel, so viel wie nie zuvor. Mais, so schien es nun, war nicht nur klimaschonender als Öl. Mais war vor allem billiger.

Heute wird weltweit ein Achtel der globalen Maisernte von Autos verbrannt. Mehr als 500 Millionen Tonnen Mais verschwinden jedes Jahr als Mastfutter in Tiermägen, zwei Drittel der gesamten Jahresernte. Während die Welt immer mehr Mais produziert, kommt nur noch etwa jedes sechste Korn als Lebensmittel auf den Markt. Seit Jahren wächst die Nachfrage schneller als das Angebot. Die Konkurrenz von Teller, Tank und Tiermagen treibt den Preis.

Insgesamt 900 Millionen Menschen auf der Welt ernähren sich hauptsächlich von Mais. Wenn sich der Unternehmer Blairo Maggi über wachsende Gewinne freut, kann es gut sein, dass sie weniger zu essen haben.

Es ist eine erste Antwort auf die Frage, warum Ratio Kuntahs Tochter hungern muss. Ein Geschäftsmann wie Maggi fragt nicht, was seine Kunden mit dem Getreide machen. Er verkauft es dem, der am meisten dafür zahlt. Man kann Maggi deshalb keinen Vorwurf machen, er handelt rational, so wie alle Bauern auf der Welt. Er denkt nicht darüber nach, dass die Menge Mais, die für eine einzige Tankfüllung nötig ist, ein Kind wie Ratio Kuntahs Tochter ein halbes Jahr lang satt machen würde.

In einem weißen Zweckbau im Zentrum von Rom hat ein Mann die Katastrophe kommen sehen. Im Frühjahr 2008 blickte Josef Schmidhuber im Lagezentrum der FAO ungläubig auf seine Monitore. Schmidhuber, ein freundlicher Bayer mit grauen, sorgfältig gescheitelten Haaren, hat fast sein ganzes Arbeitsleben im Bauch dieser Behörde verbracht, aber so etwas hatte er noch nicht erlebt.

Erst meldete China, dass nach einem extremen Winter die Ernten wegbrachen. Die Äcker in Australien und der Ukraine vertrockneten, und plötzlich zog die weltweite Nachfrage nach Getreide so stark an, dass die Geschäfte an der Börse in Chicago vom Trab in den Galopp sprangen. Auf Schmidhubers Rechner verliefen die Preiskurven von Mais und Weizen jetzt senkrecht.

"Es war ein Flächenbrand", erinnert sich Schmidhuber. Seit einigen Jahren leitet er die Statistik-Abteilung der FAO in Rom. Mit hundert Mitarbeitern kartografiert er den weltweiten Hunger. Ernteergebnisse aus aller Welt laufen in seinem Büro zusammen, Import- und Exportstatistiken, Kalorienverbräuche, Hygienebedingungen. All diese Datensätze fließen in eine computeranimierte Weltkarte des Hungers, die Alarm schlägt, wenn die Lage irgendwo bedenklich wird. Steigt in einem Land die Zahl der Menschen ohne ausreichende Nahrung auf 25 Prozent der Bevölkerung, färbt es sich rot.

Kenia schaltete auf Rot, als im Frühjahr 2008 der Preis für Maismehl in Nairobi in die Höhe schoss. Thailand schaltete auf Rot, als dort der Reis plötzlich das Doppelte kostete. Somalia schaltete auf Rot, als sich der Preis für Weizen innerhalb kurzer Zeit verdreifachte. In Äthiopien kauten die Menschen jetzt Wurzeln, Hunderttausende Tunesier und Ägypter demonstrierten gegen die Not. In Haiti, wo Mütter ihre Kinder mit Schlamm fütterten, stürzte die Regierung. Am Ende dieses Jahres blickte Schmidhuber auf 33 rote Länder. Die Zahl der Hungernden war binnen weniger Monate um 119 Millionen angewachsen. Für mehr als eine Milliarde Menschen, hieß das, waren die Grundnahrungsmittel plötzlich nicht mehr bezahlbar.

Immer wieder klingelte jetzt in Schmidhubers Büro das Telefon. Deutsche Regierungsbeamte wollten wissen, was da los war, Journalisten suchten nach Erklärungen. Warum stiegen die Preise auf einmal sprunghaft an?

Es ist vor allem eine Kurve, die Schmidhuber Sorgen macht, der Verlauf der sogenannten stocks to use. Stocks to use bezeichnet das, was weltweit an Vorräten in den Getreidelagern liegt und jederzeit mobilisiert werden kann, um auf Ernteausfälle zu reagieren. Noch in den achtziger Jahren verfügte die Welt über gewaltige Reserven. Die afrikanischen und asiatischen Länder horteten für den Krisenfall. In Europa türmten sich nicht nur Butterberge, sondern auch Berge aus Mais und Weizen.

Diese Berge waren gut und schlecht zugleich. Gut, weil sie dabei halfen, die Versorgung zu sichern und plötzliche Preissprünge abzufedern. Schlecht, weil viele Tonnen überschüssigen Getreides auf die Märkte flossen und die Existenz von Millionen Bauern bedrohten.

Preisschwankungen so gefährlich wie Massenvernichtungswaffen

In den neunziger Jahren geriet die Getreidelagerung in die Kritik. Der Kalte Krieg war vorbei, und im Jahrzehnt des euphorischen Freihandels beschlossen die Politiker der Industriestaaten einen neuen Kurs: Regierungen sollten nicht länger Getreidereserven horten. Der freie Markt, so glaubte man, schaffe ein Gleichgewicht, das durch staatliche Eingriffe nur gestört würde. Der Internationale Währungsfonds (IWF) drängte selbst Entwicklungsländer wie Äthiopien oder Niger, ihre Vorratslager aufzulösen.

Doch weil die Ernten im neuen Jahrtausend wieder schlechter ausfielen, weil der Ansturm auf Fleisch und Biosprit einsetzte, wurde das Getreide knapp. Ein Jahr nach dem anderen verbrauchte die Welt mehr Mais, als sie produzierte, und im Frühjahr 2008, kurz bevor die Krise ausbrach, waren die Lager so leer, dass die globalen Maisreserven noch für gerade einmal acht Wochen reichten.

"Plötzlich waren wir verwundbar", sagt Schmidhuber.

Es war etwas Neues, etwas, das die Politiker nicht bedacht hatten, als sie die menschliche Versorgung den Fliehkräften der Märkte aussetzten. Die vollen Lager hatten dafür gesorgt, dass das Angebot stabil blieb, sie hatten den Preis in Schach gehalten. Sobald heute in irgendeinem Winkel der Welt eine Dürre auftritt, eine Überschwemmung, ein politischer Konflikt, brechen die Märkte in Hektik aus, gibt es Panikkäufe, schießt der Preis nach oben.

Als im Sommer 2011 eine Dürre große Teile der amerikanischen Ernte vernichtete, verdoppelte sich in Kenia der Preis für Mais erneut innerhalb kurzer Zeit. Wieder einmal rollten die Lastwagen des World Food Programme, des Hilfswerks der Vereinten Nationen, durch Kajiado, wo auch Ratio Kuntah in einer Schlange auf ihre Maisration wartete. Während in Kenias Nachbarland Somalia rund 260.000 Menschen starben, weil die Helfer sie im Bürgerkrieg nicht erreichten, war Ratio Kuntah eine von 99 Millionen weltweit, die nur durch Nahrungsmittelspenden überlebten.

Als die Nothelfer nach ein paar Wochen wieder abzogen, blieb das zurück, was Schmidhuber "versteckten Hunger" nennt. Südlich der Sahara sind es der FAO zufolge allein 33 Millionen Kinder, die unter akutem Nährstoffmangel leiden, die chronische Krankheiten ausbilden und deren Nerven- und Immunsystem sich nie voll entwickeln wird. Ihre Gehirne weisen im Erwachsenenalter weniger Zellen auf als die Gehirne normal ernährter Menschen.

Auf Schmidhubers Karte ist Afrika südlich der Sahara fast ein einziger roter Fleck. Weltweit ist die Lage in 25 Staaten alarmierend, in 37 weiteren zumindest kritisch, und es sieht nicht so aus, als werde sich daran etwas ändern.

Modellrechnungen zeigen, dass sich der Preis von Mais, Weizen und Reis bis Mitte des Jahrhunderts noch einmal verdoppeln könnte. Die Weltbevölkerung wird schneller wachsen als die Fläche der bewirtschafteten Äcker, die Städte breiten sich aus, gleichzeitig fressen sich wegen des Klimawandels die Wüsten vor. Alles deutet darauf hin, dass es künftig noch mehr Dürren, mehr Stürme, mehr Überschwemmungen geben wird.

Als sich 2011 die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums in Davos treffen, zählen sie die Preisschwankungen bei den Nahrungsmitteln zu den größten Bedrohungen der Menschheit, auf einer Stufe mit Massenvernichtungswaffen in den Händen von Terroristen. Auch Konzerne wie Starbucks oder Barilla beklagen inzwischen die unberechenbaren Ausschläge der Preise.

"Die Extreme haben zugenommen. Allein mit Angebot und Nachfrage ist das nicht mehr zu erklären." Das sagt jemand, der den Markt kennt wie wenige andere.

An einem Sommerabend betritt er in Genf ein Studentencafé. Ein höflicher junger Mann mit weichem Händedruck. Nach einem langen Tag im Büro bestellt er ein Bier. Die Börsen in Amerika haben schon geschlossen, der Blackberry, sein wichtigstes Arbeitsgerät, liegt still auf dem Tisch.

Minütlich laufen dort sonst die Schlagzeilen der Branche ein, gesendet von Nachrichtendiensten wie Agrimoney, Commodities Now und Grainwiz. Der junge Mann folgt der IWF-Chefin Christine Lagarde und der FAO auf Twitter. Regnet es in Russland? Bewegt sich der Preis für das Barrel Rohöl? Er muss immer eine Information voraus sein, und oft, wenn Josef Schmidhuber sich sorgt, verzeichnet er gute Geschäfte.

"Höhere Nettogewinne aufgrund von US-Dürre", twittert er dann zum Beispiel. Oder: "Nachfrage in China wird Preissturm entfesseln."

Der junge Mann ist Rohstoff-Trader. Er möchte nicht, dass sein Name in der Zeitung erscheint, der internationale Konzern, für den er arbeitet, hat nicht einmal eine Pressestelle. Der Mann handelt mit Getreide, doch in seiner Firma gibt es kein Lager, keine Gabelstapler, keinen Dreck. In seiner Firma gibt es nur Computer. Die Schweiz hat keinen Tiefseehafen, das Getreide rollt dort weder über Straßen noch Schienen. Trotzdem wird jedes dritte Korn der Welt per Mausklick in Genfer Büros verschoben, in wenigen Stunden manchmal die Nahrung ganzer Städte.

Nicht nur die Finanzabteilungen der Rohstoffkonzerne, auch immer mehr Banken und Versicherungen setzen auf das lukrative Geschäft mit dem Getreide. Der Genfer See liegt wie eine Sichel zwischen den Ausläufern der Alpen. Am westlichen Ufer steht der Palast der Vereinten Nationen, im Süden, rund um die Rues Basses, versammeln sich die Banken, mehr als 130 Filialen, Genf ist die Stadt mit der höchsten Bankendichte der Welt.

Wie durch ein unsichtbares Band ist der Mann in dem Genfer Café durch die Börse in Chicago mit Ratio Kuntah und Blairo Maggi verbunden. Er schließt Wetten darauf ab, wie der Preis eines Rohstoffes sich entwickelt. Man könnte auch sagen: Er ist ein Spekulant.

Der junge Mann ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, sein Vater baut immer noch Mais an, und jedes Jahr zur Erntezeit pflügt er eine Woche lang mit dem Traktor über die Felder. Mit 22 hat er die Business-School in Paris abgeschlossen, seitdem ist er in der Schweiz zum Senior Analyst aufgestiegen. Seine Firma, die zu den größten ihrer Branche gehört, hat in den letzten Jahren Rekordgewinne erwirtschaftet, doch manchmal überkommen den jungen Mann Zweifel. "Es ist viel zu viel Geld im System", sagt er, "Geld, das dort nichts zu suchen hat."

Die Spekulation wirkt wie ein Verstärker

Als die Börse in Chicago 1848 von 82 Getreidehändlern am Ufer des Michigansees gegründet wurde, sollte sie vor allem einem Zweck dienen: Sie sollte den Bauern und Händlern helfen, ordentliche Preise zu erzielen und ihr Risiko zu minimieren.

Damals etablierten sich jene Verträge, die bis heute in aller Welt Standard sind für den Handel und die Spekulation mit Rohstoffen: die sogenannten Futures. Noch bevor es den Mais oder den Weizen tatsächlich gibt, wird dessen Lieferung zu einem bestimmten Preis und einem bestimmten Datum in der Zukunft vereinbart. Mit diesen Future-Verträgen können sich Getreidebauern vor Preisschwankungen schützen, das war der Gedanke. Sie können damit, theoretisch, auch im großen Stil Wetten abschließen auf steigende oder sinkende Preise, aber daran hat ein Getreidebauer kein Interesse.

Lange Zeit hatten die Broker an der Wall Street das Bauernparkett im Mittleren Westen belächelt. Doch im Jahr 2006, nachdem die amerikanische Regierung auch reinen Finanzunternehmen den Zugang zur Chicagoer Börse ermöglicht hatte, ergoss sich eine gigantische Kapitalflut auf die hier gehandelten Agrarprodukte. Banken, Hedgefonds und Versicherungen bewegten plötzlich viel mehr Geld als die echten Getreideunternehmen.

Noch im Jahr 2000 lag der Börsenumsatz in Chicago bei etwa zehn Milliarden Dollar, bei rund 80 Prozent der Geschäfte ging es um echten Getreidehandel. Im Mai 2008 war der Umsatz bereits auf 178 Milliarden Dollar gesprungen, aber die meisten Geschäfte waren jetzt reine Wetten.

Was als Instrument zur Absicherung der Bauern gedacht war, wurde zu einem Kasino für globale Kapitalanleger. Die Termingeschäfte dienten nicht mehr dem physischen Austausch von Produkten – sie waren jetzt eine neue Anlageklasse.

Banken aus aller Welt boten ihren Kunden sogenannte Rohstoff-Fonds an, die Futures auf mehrere Rohstoffe bündelten: Öl und Kupfer, Kaffee und Mais. Sie setzten darauf, dass der Preis dieser Produkte langfristig steigt. Die Anlageberater schwärmten von einer nie endenden Rallye – denn was ist sicherer, als dass die Weltbevölkerung wächst, die Ressourcen aber begrenzt sind? "Wussten Sie eigentlich, dass sich der Preis der Brezel in den letzten sieben Jahren verdoppelt hat?", schrieb die Volksbank Schwäbisch Hall-Crailsheim ihren Kunden. Die Deutsche Bank warb auf Brötchentüten für ihren neuen Agrarfonds: "Freuen Sie sich über steigende Preise?"

In Chicago investierten plötzlich Leute in Nahrungsmittel, die sich nie zuvor mit dem Getreidemarkt beschäftigt hatten. Millionen deutscher, französischer und amerikanischer Sparer, die für ihr Alter vorsorgen wollten. Die dem Herdentrieb folgten und deren Entscheidung nicht mehr auf dem Wissen über Ernteergebnisse fußte, sondern allein auf dem zu erwartenden Preisanstieg.

"Das kann einen Markt aus dem Gleichgewicht bringen", sagt der junge Mann in dem Genfer Café. All jene Käufer von Futures, die darauf hoffen, dass sie ihren Kontrakt in der Zukunft zu einem besseren Preis weiterverkaufen können, schaffen einen einseitigen Druck. Die ohnehin schon hohe Nachfrage nach Getreide wird durch eine zusätzliche, künstliche Nachfrage befeuert. Die Preise der Future-Verträge steigen immer weiter. Und die Preise, die tatsächlich für das Getreide gezahlt werden, orientieren sich an ihnen.

Die Spekulation, sagt der Mann in dem Café, sei nicht für die Preissprünge verantwortlich, doch sie wirke als Verstärker und vergrößere die Ausschläge.

In einem Bericht der Weltbank zur Hungerkrise des Jahres 2008 heißt es, die Rohstoff-Fonds hätten maßgeblich zum Preisanstieg beigetragen. Kurz zuvor war die amerikanische Immobilienblase geplatzt, Anleger weltweit hatten ihr Kapital umgeschichtet und mit ihren Milliarden Jagd auf die Rohstoffe gemacht. Getreide, Metalle, Rohöl – die Preise fast aller Naturprodukte begannen auf einmal parallel zu steigen, unabhängig von der jeweiligen Marktsituation.

"Sie wollen wissen, wie der Weizenpreis sich entwickeln wird? Gucken Sie, was Kupfer macht", spottete der Informationsdienst Agrimoney im Jahr 2011. "Angebot und Nachfrage spielen eine immer geringere Rolle für die Rohstoffpreise", bilanzierten die Analysten der Investmentbank Goldman Sachs.

Es sieht so aus, als entkoppelten sich die Preise für Getreide zunehmend von der Wirklichkeit. Betrachtet man die Geldmenge, die in die Rohstoff-Fonds fließt, und die durchschnittlichen Weltmarktpreise von Grundnahrungsmitteln, sieht man, dass beide seit zehn Jahren fast parallel steigen.

Früher war alles so einfach: Die Bauern produzierten, die Händler kauften, Angebot und Nachfrage regulierten den Preis. Der globalisierte Getreidemarkt der Gegenwart aber wirkt wie eine überkomplexe Maschine, die heiß gelaufen ist: Nicht nur das teure Öl und die wegbrechenden Maisvorräte treiben den Preis, sondern auch der Fleischhunger in China und die zunehmenden Dürren sowie der westliche Wunsch nach sauberer Energie und Börsengewinnen. Über Jahre haben die Regierungen darauf vertraut, dass der Markt sich zum Wohle aller selbst steuert, dass ihm etwas Vernünftiges innewohnt, Kräfte, die ihn regulieren.

Haben sie sich getäuscht? Müssten für den Nahrungsmittelmarkt vielleicht andere Kriterien gelten als, beispielsweise, für den Automarkt?

Oder ist es zu leicht, die Schuld nur bei den Märkten zu suchen? Warum, kann man fragen, gelingt es einem Land wie Kenia nicht, sich selbst zu versorgen?

Es ist ein Tag im August dieses Jahres, als der kenianische Bauer Maulidi Diwayu mit einem Laptop unter dem Arm aus seiner Strohhütte tritt. Der kleine Verschlag steht auf einem sattgrünen Maisfeld, mitten in einer der fruchtbarsten Gegenden Kenias. Diwayu lebt von diesem Feld. Er ist Mitte 50, ein Schlapphut schützt ihn gegen die brennende Sonne. Vor vielen Jahren hat Diwayu Umweltmanagement in Nairobi studiert, jetzt, sagt er, kämpfe er für die Zukunft der kenianischen Bauern. Für die Zukunft seiner Heimat.

Diwayus Heimat, das Tana-Delta, könnte so etwas sein wie der Mato Grosso Ostafrikas. Die dünn besiedelten Flächen, die sich nördlich der Hafenstadt Mombasa entlang des Tana River erstrecken, könnten ganz Kenia ernähren, sagte der spätere Präsident Mwai Kibaki in den siebziger Jahren. Heute ernährt das Delta nicht einmal seine eigenen Bewohner.

Diwayu hat die Rede von Kibaki damals im Radio gehört. Er sagt: "Kibaki hatte recht. Es darf nicht sein, dass hier Menschen hungern."

Die Geldgier lähmte die Vernunft

Es war Anfang der achtziger Jahre, als die Politiker der reichen Länder eine Idee entwickelten, die nicht nur die Landwirtschaft Kenias grundlegend verändern sollte. Die Welt, dachten sie, könnte so etwas sein wie ein globaler Supermarkt, ein Ort, in dem die einen das herstellen, was die anderen benötigen. Es war die verlockende Vision einer globalen Arbeitsteilung: Alle würden profitieren, wenn Europa und die USA billiges Getreide in die Dritte Welt verschiffen, die wiederum das liefert, wonach sich die Kunden in der Ersten Welt sehnen, Genussmittel und Delikatessen wie Tabak, Kaffee oder Shrimps.

Die meisten armen Länder lebten damals von Subsistenzwirtschaft. Bauern produzierten für den eigenen Bedarf, ihre Überschüsse karrten sie auf die lokalen Märkte. Noch in den achtziger Jahren hatte Kenia kein grundsätzliches Problem, seine Bevölkerung zu versorgen; das Problem waren die Auslandsschulden. Sie lockten das Land in den globalen Supermarkt.

Der Internationale Währungsfonds drängte Kenia, sich künftig auf die Zucht von Rosen zu konzentrieren, um seine Schulden zu bedienen. Die Weltbank knüpfte die Vergabe von Krediten an die Bedingung, den einheimischen Maismarkt zu öffnen und Subventionen für die Bauern zu streichen. Auch die Entwicklungshilfe unterstützte jetzt zunehmend weniger den Anbau eigener Nahrungsmittel, sondern den Ausbau der jeweiligen Exportindustrie. Kenia, das war die Idee, sollte mit seinen Rosen harte Devisen verdienen – um mit diesem Geld auf dem Weltmarkt Mais zu kaufen.

Es war ein Projekt, das die kenianische Regierung bereitwillig umsetzte. Die einheimischen Eliten produzierten gern für den globalen Supermarkt. Vor allem sie profitierten von den ins Land fließenden Krediten und Entwicklungsgeldern. Bei der Landbevölkerung, bei Kleinbauern und Viehnomaden, kam wenig davon an. In der Hauptstadt haben sie keine Lobby.

Heute, 30 Jahre später, liefert Kenia jedes Jahr rund 100.000 Tonnen Rosen nach Europa, aber weil die Menge der selbst produzierten Nahrungsmittel nicht mehr ausreicht, muss das Land im Jahr etwa 900.000 Tonnen Weizen zu Weltmarktpreisen importieren, 400.000 Tonnen Reis und 600.000 Tonnen Mais.

Verkauften noch in den achtziger Jahren zwei von drei Entwicklungsländern mehr Grundnahrungsmittel, als sie kauften, sind sie inzwischen abhängig von Importen. Ein Land wie Haiti wendet heute etwa 80 Prozent seiner Staatseinnahmen für den Erwerb von Lebensmitteln auf, Ghana oder der Senegal müssen mehr als 70 Prozent ihres Reises importieren. Mit den Weltmarktpreisen aber sind auch die Ausgaben dieser Länder in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen. Die afrikanischen Staaten zahlten 2010 rund 24 Milliarden Dollar für den Kauf von Lebensmitteln, das entspricht rund 80 Prozent der gesamten Entwicklungshilfe, die der Kontinent pro Jahr erhält.

Die meisten afrikanischen Regierungen investierten unterdessen in städtische Zentren und vernachlässigten die ländliche Infrastruktur. Sie unterstützten die Großbauern, die Kleinbauern überließen sie ihrem Schicksal. Die Geldgier lähmte die Vernunft. Während die Menschen in Kenia 2009 hungerten, plünderten einige Minister die nationalen Vorräte und verkauften den Mais zu den horrenden Weltmarktpreisen.

Im Tana-Delta ruckelt der Wagen von Maulidi Diwayu jetzt über eine staubige Straße. Diwayu möchte in der Stadt ein paar Freunde treffen, mit denen er gemeinsam den Ausverkauf ihres Landes verhindern will. Sie kämpfen jetzt gegen die neueste Idee ihrer Regierung und der reichen Länder.

Irgendwann bremst Diwayu ab, kurbelt das Fenster herunter und zeigt auf ein großes Firmenschild. Bedford Biofuels steht darauf. "Das", sagt Diwayu, "sind unsere Gegner."

Im Jahr 2008 hat der kanadische Konzern 120.000 Hektar große Flächen entlang der Hauptstraße gepachtet. Mit der Provinzregierung schlossen die kanadischen Manager einen Vertrag, der ihnen erlaubt, hier 45 Jahre lang Jatropha anzubauen, eine Pflanze, aus der Biosprit gewonnen wird.

Weil afrikanische Kleinbauern ihre Felder oft wenig effizient bewirtschafteten, glauben IWF und Weltbank jetzt, sei es für die Ernährung ihrer Länder besser, wenn internationale Agrarkonzerne sie unterstützten. Mithilfe moderner Technologie könnten sie mehr aus den Böden herausholen.

"1,25 Dollar zahlen sie pro Hektar", sagt Diwayu, "das ist ein Witz! Hunderte von Viehhirten wollen sie vertreiben, die das Land als Weide nutzen, Tausende Familien, die auf den Feldern Ackerbau betreiben."

Es stehen viele Schilder im Tana-Delta, die darauf hinweisen, dass ein Feld seinen Besitzer gewechselt hat. Die Mumias Sugar Company will auf 20.000 Hektar Zuckerrohr für den Export anbauen. G4 Industries hat vor, auf 29.000 Hektar Kohl zu produzieren, um ihn auszuführen. Dem Staat Katar wurden 40.000 Hektar für den Anbau von Obst und Gemüse zugesprochen – bis dieser Deal nach Protesten zurückgezogen wurde.

Nicht nur im Tana-Delta, überall auf der Welt kaufen Investoren mit staatlicher Unterstützung Land auf. Schon jetzt besitzen sie in Afrika und Südostasien Flächen, die zehnmal so groß sind wie Großbritannien. Allein 2011 sind in Afrika 41 Millionen Hektar verleast, verkauft oder ohne Gegenleistung überschrieben worden.

Die Probleme sind erkannt – geschehen ist bislang wenig

Der Hedgefonds Pharos Financial Group lässt in Kenias Nachbarland Tansania auf 325.000 Hektar auch Exportschweine züchten. In Sierra Leone, dem ärmsten Land der Welt, kultiviert das schweizerische Unternehmen Addax Bioenergy auf 10.000 Hektar Zuckerrohr für den europäischen Treibstoffmarkt. In Simbabwe bauen chinesische Firmen auf 100.000 Hektar Reis an. In Liberia werden inzwischen so gut wie alle fruchtbaren Flächen von ausländischen Produzenten kultiviert.

Die Jagd auf das Land begann im Jahr 2008, kurz nach der Hungerkrise, als sich selbst manch wohlhabender Staat sorgte, die eigene Bevölkerung bald nicht mehr ernähren zu können. Gleichzeitig suchten in der Finanzkrise viele Investoren neue Anlageobjekte. Auf Messen in Genf oder New York trafen sich Hedgefondsmanager und träumten von sicheren Renditen.

Ihre Formel war denkbar einfach: Wenn künftig noch mehr Menschen essen müssen, wird der Boden noch knapper, wird Land im Wert steigen.

"Land ist wie Gold, nur besser", sagt der Finanzexperte Chris Mayer.

"Der Investor braucht nur einen schwachen Staat, der ihm keine Regeln aufzwingt", sagt der Hedgefondsmanager Philippe Heilberg.

Sie finden diese Staaten, überall. Äthiopien hat eigens eine staatliche Agentur geschaffen, die ausländischen Investoren Land vermittelt. Sierra Leone lockt mit günstigen Steuern, weil die Pacht frisches Geld in die Staatskasse spült. Die Weltbank unterstützt die Investments mit großzügigen Krediten. Der Landverkauf erhöhe die Produktivität und schaffe Arbeitsplätze, verspricht der IWF.

Kann es sein, dass die Welt die Fehler der Vergangenheit wiederholt? Und der Verkauf der Äcker wieder einmal nur die Eliten der armen Länder bereichert?

"Sie halten nicht, was sie versprechen", sagt Maulidi Diwayu. Eine Firma, die im Tana-Delta Reis anpflanzen wollte, versprach den Bau von Schulen, von Krankenhäusern, aber alles, was sie baute, war ein Deich, der die Weiden der Viehnomaden zerstörte. Tausende von Kleinbauern mussten dem Projekt weichen, heute arbeiten sie als schlecht bezahlte Tagelöhner auf den Feldern.

Das ist das Problem: Fast alle der neuartigen Landgeschäfte machen Erzeuger zu Kunden, zu Abhängigen, die zu Weltmarktpreisen einkaufen. Das Versprechen, mit frischem Kapital den Hunger aus der Welt zu schaffen, halten sie nicht. Zwei Drittel der ausländischen Agrarinvestoren produzieren nicht für Afrika, sondern für den Weltmarkt. Sie richten sich nicht nach den Bedürfnissen der Einheimischen, sie richten sich nach den Wünschen der Amerikaner, Europäer und Chinesen.

"Stattdessen", sagt Diwayu, "sollte man unseren Bauern helfen, mehr aus ihren Böden herauszuholen."

Auf seinem eigenen Acker erntet er ein Zehntel dessen, was ein amerikanischer Bauer auf einer Fläche dieser Größe ernten würde. Wie den meisten afrikanischen Kleinbauern mangelt es ihm an hochwertigem Saatgut, an Pflanzenschutz- und Düngemitteln.

Die Unterstützung kleiner Produzenten wie Diwayu könnte das globale Ernährungsproblem lösen, sagen Landwirtschaftsexperten weltweit. Man müsste außerdem in Bewässerungssysteme investieren, in Lagermöglichkeiten, in bessere Straßen. Damit die lokalen Märkte beliefert werden können und die Preise sinken. Dafür brauchte es noch nicht einmal mehr Entwicklungshilfe; die Hilfe brauchte nur eine neue Richtung.

"Zusätzlich", sagt Josef Schmidhuber, der Chefstatistiker von der FAO, "bräuchten wir wieder eine Weltreserve für Getreide."

"Wir müssen die Spekulation auf Nahrungsmittel begrenzen", fordern die Vertreter der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer. Eine entsprechende Regulierung wurde bereits 2010 vom amerikanischen Kongress in Auftrag gegeben, Brüssel arbeitet an Richtlinien. Eine Limitierung des Biokraftstoffes ist inzwischen einhelliger Konsens. Es ist merkwürdig: Die Probleme sind erkannt, nur geschehen ist bislang wenig.

Es ist spät in Kajiado, Kenia, eine Tagesreise entfernt vom Tana-Delta, als Ratio Kuntah den Besuch aus Deutschland in ihre Hütte bittet. Sie führt ihn erst in die Schlafecke, dann betritt sie den kleinen Raum, in dem sie sonst das Essen lagert. Der Raum ist leer.

Was sie sich für die Zukunft wünsche? "Drei weitere Kinder", sagt Ratio Kuntah. Gott möge helfen, sie zu ernähren.

Wer schuld sei an ihrer Misere? Ratio Kuntah überlegt nicht lange. "Unsere Regierung", sagt sie. Die Regierung müsse den Maispreis senken.

Die Regierungen der armen Länder aber deuten auf die reichen Länder. Die Regierungen der reichen Länder verweisen auf die Märkte, auf die Unternehmen und Investoren. Die Unternehmen und Investoren zeigen auf die Politik.

Ein bisschen ist es in dieser Geschichte wie bei dem Spiel mit dem Schwarzen Peter: Egal, mit wem man redet, die Schuld trägt immer ein anderer. Und so werden kurz vor Weihnachten wieder Hunderttausende Deutsche für Menschen wie Ratio Kuntah spenden.