Damit steht er offenbar nicht alleine da; das emotionale, schnelle und radikal subjektive Präsentieren von Nachrichten scheint einen Nerv zu treffen. In den USA hat dieser neue Stil bereits einen eigenen Namen: New Sincerity.

Mundt erreicht neun Millionen vorwiegend junger Menschen im Monat. Solche Zahlen würden sich auch manche traditionellen TV-Macher für ihre Sendungen wünschen. Das durchschnittliche Zuschaueralter der öffentlich-rechtlichen Stationen liegt bei über 60.

Den Rest des Videodays verbringt Mundt damit, auf T-Shirts und Zetteln zu unterschreiben, die ihm seine Fans entgegenstrecken. In einem Videoclip wird er ihnen später mitteilen, wie "unfassbar motivierend" die Begegnungen gewesen seien – auch wenn sie ihn ans Ende der Halle gedrückt hätten und er fast keine Luft mehr bekommen habe.

So ähnlich ergeht es an diesem Tag den Zwillingsbrüdern "Die Lochis" (Comedy), den drei Jungs von "Apecrime" (Comedy), "Dr. Allwissend", der in seinen Videos mit Krawatte und blauer Brille alltagsphilosophiert, und "Freshtorge" (Comedy), dessen Eltern am Eingang Ost an einem Stand T-Shirts mit seinem Konterfei darauf verkaufen. Tausende Fans hat auch "Daaruum", eine dunkelhaarige, wunderschöne 24-Jährige, die in ihren Clips Schmink- und Modetipps gibt. Sie moderiert auch für den YouTube-Krimikanal Trigger.tv, wobei man sich darunter keinen klassischen TV-Sender, sondern eine Sammlung längerer Videos vorstellen muss, die thematisch zueinanderpassen. Produzent dieses YouTube-Kanals ist die Ufa, seit Jahrzehnten im Fernsehgeschäft und mit Serien wie Gute Zeiten, schlechte Zeiten erfolgreich. Die Ufa gehört wiederum zur RTL Group.

Aber die absoluten Stars des Videodays sind und bleiben Y-Titty. Der Andrang ihrer Fans ist so groß, dass Sicherheitskräfte die Autogrammstunde abbrechen. Ihre folgende Show in der Konzerthalle, bei der sie ihren Song Halt dein Maul vorstellen, begleiten zehntausend kreischende, mit Handykameras filmende Teenager.

Diese deutschen YouTube-Stars können von ihren Clips längst leben. Die Plattform stellt die Werke umsonst online und beteiligt die Macher an den Werbeeinnahmen; vor den Videos läuft Werbung, außerdem pflastert YouTube die eigene Internetseite mit Reklame, und manchmal, so wie kürzlich bei Y-Titty, taucht im Clip ein Erfrischungsgetränk auf. Product-Placement heißt das in der Fachsprache, und auch dafür fließt Geld. Besonders bei Kosmetik- und Mode-Formaten ist die Grenze zur Schleichwerbung fließend.

Welchen Anteil der Erlöse die Stars bekommen, weiß offiziell niemand – YouTube lässt sich das Schweigen vertraglich zusichern. Insidern zufolge, sollen sie im Schnitt rund 1,50 Euro pro 1.000 Klicks bekommen. Stimmt das, hätte allein Y-Titty bisher rund 850.000 Euro eingenommen. Die deutsche YouTube-Vertreterin Mounira Latrache sagt nur so viel: "Tausende YouTuber weltweit verdienen mittlerweile sechsstellige Beträge im Jahr." Ein Dementi hört sich anders an.

Die Zahlen belegen, dass die Konzerne mit ihrer Reklame den Zuschauern folgen. Online-Videowerbung wuchs allein im vergangenen Jahr um 23 Prozent auf 240,2 Millionen Euro. In diesem Jahr soll sie auf etwa 280 Millionen Euro und im Jahr 2017 auf 500 Millionen Euro steigen.

Das klingt erst mal nach nicht viel, wenn man den Zahlen die vier Milliarden Euro gegenüberstellt, die in Fernsehwerbung fließen. Doch der Abstand schrumpft schnell und beschleunigt einen fundamentalen Wandel. Fernsehen wird bald nicht mehr der wichtigste Werbeträger sein. "Im Jahr 2014 werden die Online-Werbeinvestitionen jene in TV erstmals übertreffen – getrieben vor allem durch Bewegtbildwerbung im Netz", sagt Frank-Peter Lortz, Chef der Mediaagentur ZenithOptimedia. Onlinewerbung ist zielgerichteter. "Videospots im Netz sind so emotional wie im Fernsehen und außerdem noch interaktiv. Zudem können die Werbenden dort ganz gezielt junge Menschen erreichen", sagt Klaus Goldhammer, Gründer und Chef des Medienberatungsunternehmens Goldmedia. In den USA schreitet diese Entwicklung schneller voran, dort soll der Online-Bewegtbildwerbemarkt laut den Marktforschern von eMarketer in den kommenden vier Jahren von 2,9 Milliarden Dollar auf 9 Milliarden Dollar wachsen.

Der Suchmaschinenriese Google lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass er mit seiner Konzerntochter YouTube den Löwenanteil dieses wachsenden Marktes abgreifen will. Zwar haben die großen Fernsehsender hierzulande erkannt, dass sie auch im Netz präsent sein müssen, um die Jungen zu erreichen. Sie tun das mit werbefinanzierten oder kostenpflichtigen Angeboten. RTL etwa hat die Online-Mediathek RTL Now aufgebaut; MyVideo und Maxdome gehören zu ProSiebenSat.1. Aber ihre Reichweiten liegen weit hinter dem Marktführer YouTube, auf dessen Plattform sich weltweit eine Milliarde Nutzer jeden Monat sechs Milliarden Stunden Videos ansehen. Deshalb haben viele Sender auch angefangen, die Plattform zu umarmen: Die ARD sendet einige ihrer Inhalte dort, ebenso wie das ZDF, ProSieben – und sogar der Bezahlsender Sky zeigt Bundesliga-Highlights kostenfrei.

Damit die alten TV-Unternehmen nicht durch die Hintertür wieder zu Marktführern im Online-Werbemarkt werden, investiert YouTube viel Geld, um die Laien zu professionalisieren und neue Inhalte zu fördern.

Seit sechs Jahren veranstaltet der Konzern regelmäßig Talentwettbewerbe und lässt die Gewinner in Schnitt-, Licht- und Videotechniken schulen. So soll die Qualität der Angebote steigen – und mit ihr die Klickzahlen. In den Aufbau von 160 YouTube-Kanälen investierte der Konzern 74 Millionen Euro. Zu ihnen zählen der Krimikanal Trigger.tv ebenso wie ein Motorsport- und ein Fitnesskanal. Werbekunden erreichen dort leichter bestimmte Zielgruppen und investieren deshalb höhere Summen.

Aber auch ohne das Zutun der Plattform professionalisiert sich die Webvideo-Welt: YouTuber schließen sich zu Netzwerken zusammen, teilen sich Produktionsräume und verweisen aufeinander. Wenn die Videos von Y-Titty, LeFloid und Daaruum die neuen Sendungen sind, stellen diese Netzwerke die neuen Fernsehsender dar.

Das größte europäische Netzwerk, gewissermaßen das RTL der neuen Welt, heißt Mediakraft, und Christoph Krachten ist dessen Chef. In seinem Büro lehnt ein gerahmtes Poster an der Wand, das ihn als Superman hinter einer goldenen 50 zeigt, schmeichelhaft jung ist er darauf dargestellt, der graue Vollbart fehlt, die Muskeln zeichnen sich auf dem blauen Kostüm ab; er hat das Bild dieses Jahr zu seinem 50. Geburtstag bekommen. "Mich nennen alle den YouTube-Daddy", sagt Krachten, und unter dem karierten Hemd wölbt sich der Bauch. Er ist es, der den Videoday erdacht und organisiert hat.

Es ist Sonntag, Köln strahlt in herbstlichem Sonnenlicht, aber Krachten verbringt den Vormittag in der Firmenzentrale am Barbarossaplatz. 600 YouTuber gehören seinem Netzwerk an, das macht 700 Kanäle und 200 Millionen Klicks – jeden Monat. Über drei Stockwerke verteilt liegen Schnittplätze, Studios und Büros.

Krachten hat 30 Jahre lang für beinahe alle deutschen Fernsehsender gearbeitet, und was er sagt, klingt wie ein Abgesang auf die alte Welt. "Ich habe den Untergang des klassischen Fernsehens erlebt: Wie begonnen wurde, Sendungen totzuformatieren – aus Angst, sie könnten floppen", sagt er. "YouTube-Produktionen sind dagegen billiger, und keiner muss auf die Entscheidungen eines Vorgesetzten warten. Jeder macht einfach, was er will", sagt Krachten. "Auf gewisse Weise ist YouTube professioneller als Fernsehen – im Sinne von: beweglicher, innovativer."

Auch die braune Couch, auf der Phil, TC und OG von Y-Titty während des Gesprächs über das Fernsehen der Zukunft sitzen, steht seit einigen Monaten nicht mehr in ihrer Kölner Wohngemeinschaft, sondern in den Studios von Mediakraft. Man sieht den Videos an, dass aus den Laien, die sie anfangs gedreht haben, so etwas wie Profis geworden sind: Der Ton in den Videos ist gut, das Bild scharf, die Farben stark, nichts wackelt.

"Wir planen, bald auch längere Sachen zu machen, Sketche, zwischen denen wir etwas erzählen, also mit einer Art Zwischenmoderation. Das könnte dann so eine halbe Stunde gehen", sagt Phil. Beinahe wie in einer richtigen Fernsehsendung also. Sie würden das bloß nicht so sagen. Denn "wie Fernsehen", das ist in der Welt, in der sie Stars sind, ein Schimpfwort.