Mehr als 300 Flüchtlinge sind vor der italienischen Insel Lampedusa ertrunken. Es ist vermutlich das größte Unglück in einer an Katastrophen reichen Geschichte. Seit 1990 sind mehr als 8.000 Flüchtlinge beim Versuch ertrunken, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen – das sind konservative Schätzungen. Flüchtlingsorganisationen sprechen von bis zu 25.000 Toten.

Was muss nun geschehen?

Die EU bewacht ihre Außengrenzen seit einigen Jahren immer intensiver. Das Mittelmeer ist zum Burggraben der Festung Europa geworden. Eine zentrale Rolle spielt dabei Frontex, die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der EU. Sie wurde 2004 gegründet. Frontex hilft den EU-Mitgliedern bei ihrer Grenzüberwachung. Sie setzt hochmoderne Schiffe, Helikopter und bald auch Drohnen ein, um Flüchtlingsboote aufzuspüren. Auch die Anrainerstaaten der EU – dazu gehören die nordafrikanischen Länder – unterstützt die EU beim Sichern der Grenzen. Algerien etwa will mit Technik des Konzerns EADS seine Grenzen per Radar überwachen und illegale Migration unterbinden. Die libysche Küstenwache wird von Italien und Malta unterstützt. Im Juni 2013 startete zudem eine EU-Mission, um die Grenze in Libyen zu sichern.

Italien hat mit Ägypten und Tunesien Rückübernahmeabkommen geschlossen; Bürger aus diesen Staaten werden nach der Ankunft in Italien meist umgehend abgeschoben. Am 7. Juni 2013 unterzeichneten die EU und Marokko eine "Mobilitätspartnerschaft", um Migranten an der Flucht zu hindern. Weitere solche Mobilitätspartnerschaften hat die EU mit Moldawien und Kapverden geschlossen. Immer mehr Beamte von Frontex patrouillieren entlang der Grenzen. Sie können mit ihren Schiffen allerdings auch helfen, wenn ein Boot mit Flüchtlingen in Not gerät.

Die EU setzt auf Abschreckung. Das wird besonders in Italien deutlich. Wer dort Flüchtlingen bei der "illegalen Einreise" hilft, riskiert eine Haftstrafe. An dem jetzt vor Lampedusa gekenterten Boot sollen drei Schiffe vorbeigefahren sein, ohne Ertrinkende aus dem Wasser zu ziehen.

Flucht entkriminalisieren und dem Schutz der Flüchtlinge Vorrang geben – das sind die beiden Grundprinzipien, an denen sich eine Reform orientieren muss. Viele Flüchtlingsorganisationen fordern ein effektives, solidarisches System auf europäischer Ebene. Bisher galt das "Drittstaatenprinzip". Demnach ist jener EU-Staat für den Flüchtling verantwortlich, den der Asylsuchende zuerst betritt. Dieses Prinzip ist vor zehn Jahren von den Innenministern der EU-Staaten in Dublin festgeschrieben worden und regelt das europäische Asylrecht. Vor allem Deutschland hat sich für dieses Dublin-II-Abkommen eingesetzt.

Länder wie Italien und Griechenland tragen in der Folge eine Hauptlast. Mehr als 90 Prozent der Flüchtlinge, die Europa erreichen, kommen in diesen Ländern an. Sizilien und Lampedusa sind gut zu erreichen. Und das Meer lässt sich kaum lückenlos überwachen. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind 3.648 Flüchtlinge auf Lampedusa gelandet.

Im Gegensatz zu Spanien, Griechenland und Malta sperren die italienischen Behörden die Flüchtlinge nur für relativ kurze Zeit in ein Aufnahmelager. Von Italien, so hoffen viele Flüchtlinge, können sie bald weiterreisen, nach Skandinavien, in die Schweiz oder nach Deutschland. Vor allem Schweden und Norwegen haben den Ruf, gegenüber Flüchtlingen offen zu sein. Tatsächlich lässt Italien viele Flüchtlinge Richtung Norden "ziehen" und handelt sich im Gegenzug Kritik ein, zum Beispiel aus Deutschland: "Lampedusa liegt in Italien!", sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich.