Meine Reise durch Caprivi begann mit einer verwirrenden Entschleunigung. Ich kam aus einem gehetzten Alltag, hatte zwei Kurzflüge und einen Langstreckenflug gebraucht, um anzukommen, war vom Flughafen zum Fluss Linyanti gefahren, auf ein Hausboot gestiegen – und plötzlich verlangsamte sich die Welt. Und schwieg. Fischer glitten lautlos auf Einbäumen vorbei, ein Weißkopfadler segelte durch die Luft, selbst das Wasser floss so ruhig, dass keine Strömung auszumachen war. Am linken Ufer lag Namibia, am rechten Botswana. Ich sah Sumpfwiesen und Buschland, mein Auge fand Weite und rundum Horizonte. Doch die Stille war in meinem Kopf ein dröhnendes Geräusch und die Schönheit der Landschaft fast ein Schmerz. Erst als es Abend wurde und im Gegenlicht der untergehenden Sonne Elefanten über Inseln zogen, am Ufer Löwen brüllten, hörte ich auf, mich wie zu hart ausgebremst zu fühlen. Ich bestellte den obligatorischen Gin Tonic zum Sonnenuntergang und freute mich über meine Ankunft.

Ich war nach Caprivi im Osten Namibias gekommen, weil die Landschaft seit Kurzem das Herzstück des größten Schutzgebiets der Welt bildet, des Kavango-Zambesi-Transfrontier-Nationalparks, kurz Kaza. 2012 hat man ihn eröffnet, 36 Naturparks wurden darin integriert, mit Millionen von Tieren. Seine Fläche, groß wie Schweden, erstreckt sich über die Grenzen von fünf Ländern: Angola, Sambia, Botswana, Simbabwe und Namibia. Dass die Region Caprivi im Mittelpunkt des Kaza liegt, erklärt sich aus der Geschichte: Als Namibia noch Deutsch-Südwestafrika hieß, sicherten sich die deutschen Kolonialherren in einem Vertrag mit den Briten 1890 einen Zugang zum Fluss Sambesi im Osten. Dieser "Zipfel", benannt nach dem Reichskanzler Leo von Caprivi, ragt heute wie eine geografische Entgleisung aus dem rechteckigen Staatsgebiet von Namibia und quetscht sich als langer, schmaler Streifen zwischen die Nachbarländer.

Ich kannte einen Teil des Kaza-Gebiets bereits von einer Reise nach Simbabwe. Dort ist die Umsetzung des Parkkonzepts enttäuschend, die Regierung schert sich nicht um Naturschutz, schert sich ja kaum um die Menschen. Wilderei ist ein tägliches Problem, der Elefantenbestand ist zu groß für die Parks und zerstört die Vegetation. Wenn ich sehen wolle, wie ein Land die Kaza-Idee erfolgreich umsetze, sagte mir ein Wildhüter im simbabwischen Hwange-Park, dann sollte ich in den subtropischen Teil von Namibia, in die Wasserwelt von Caprivi, reisen. Die Region sei nicht nur das geografische Zentrum, sondern mit seinem Naturschutzkonzept auch Vorreiter für die Ziele, die man mit dem Projekt erreichen wolle.

Caprivi kann man kaum zu Land bereisen. Das Gebiet ist ein Labyrinth aus Flüssen: dem Linyanti, Okawango, Sambesi und Kwando. Immer tiefer windet man sich mit immer kleineren Booten hinein in die Landschaft, erst auf den breiten Strömen, dann auf den schmalen Nebenarmen, die durch Schilf und Seerosen mäandern. Der Himmel, der sich darüberzieht: ein blau flatternder Schleier über einer verwunschenen Welt.

In den meisten afrikanischen Ländern bedeutet Safari ein Geruckel und Gezockel im Jeep über holperige Sandwege. Hier ist es eine fließende Bewegung. Dass dieses Dahingleiten auf den Wassern auch eine viel größere Nähe zur Wildnis bringt, spüre ich gleich am ersten Abend. Das Hausboot hat an einer kleinen Insel mitten im Linyanti festgemacht, und als die Elefanten Fluss und Insel überqueren, tun sie es direkt neben dem Boot. Auch die Löwen, die dort trinken, mustern uns ungerührt. Anders als bei Jeep-Safaris sind wir keine Störenfriede in der Natur, sondern ein Teil von ihr. Und die Begegnung mit den Tieren ist keine punktuelle, am Wasserloch zur Abendzeit oder im Morgengrauen. Hier sieht man sie den ganzen Tag, am Ufer stehend, badend in den Flüssen.