Am 7. Februar 1969 veröffentlichte die ZEIT einen denkwürdigen Beitrag des bekannten Psychologen Helmut Kentler, in dem er für eine Liberalisierung der Sexualerziehung eintrat. Auf den ersten Blick folgt seine Argumentation einem sehr vertrauten Muster. Erstens: Die Nationalsozialisten hätten die Triebe und die Sexualität des Menschen unterdrückt. ("Es sollte uns zu denken geben, daß Adolf Eichmann – nach allem, was wir über ihn wissen – in seiner Jugend ganz den Anforderungen entsprach, die unsere Sittengesetze und unser Jugendschutz an die Leistungsfähigkeit junger Menschen zur Askese stellen. Er war ein in sexueller Hinsicht ›sauberer deutscher Junge‹.") Zweitens: Die Nachkriegszeit habe die repressive Sexualmoral der Nazis fortgeführt. Drittens: Erst wenn die Sexualität befreit werde, emanzipiere man sich auch von ihrer "Verapparatung".

Kentlers Position war bald Mainstream: Die sexuelle Befreiung galt als antifaschistisches Projekt. Man konnte sich auf Wilhelm Reich berufen und mit freier Liebe das deformierte Bewusstsein sowohl der Nazizeit als auch der Nachkriegsjahre bekämpfen. Im herrschaftsfreien – und idealerweise der Kleinfamilie ausgelagerten – Liebesspiel sollte bereits eine Ahnung kommenden sozialistischen Glücks erstrahlen.

Kentler aber wurde im Beitrag der ZEIT auf eigentümliche Weise konkret, wie eine Liberalisierung der Sexualmoral genau vonstattengehen soll. Empört fragte er sich, warum ein Kind seinen Vater, wenn es ihn einmal nackt erblickt, nur wie ein "griechisches Standbild" kennenlernen dürfe, also erst, wenn dessen "morgendliche Erektion abgeklungen ist". Nichts werde den Kindern "von den Empfindungen und Gefühlen, von der Bewegtheit und Lust der Eltern" gesagt: "verschwiegen wird ihnen, daß das Glied eine andere Gestalt hatte als morgens, wenn das Kind dem Vater im Badezimmer zusieht". Hier deutet sich an, was Kentler in späteren Äußerungen und Schriften (auch wiederum unter anderem in der ZEIT) noch prägnanter formulieren sollte: Der angenommene Zusammenhang von Triebunterdrückung und faschistischer Ideologie könne womöglich erst dann beseitigt werden, wenn auch einvernehmliche sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern erlaubt seien. Kentler ging von "eher positiven Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung" des Kindes aus.

Auch ein "Kursbuch" von 1969 feierte sexuelle Handlungen mit Kindern

Helmut Kentler (1928 bis 2008) war nicht trotz, sondern wegen seiner "liberalen" Positionen renommiert. Er arbeitete als Jugendbildungsreferent, war Hochschullehrer für Sonderpädagogik, Gerichtsgutachter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung und saß im Beirat der Humanistischen Union. Kurzum: Aufgrund seines Ansehens war er, wie der Politikwissenschaftler Franz Walter, der derzeit den Pädophilie-Verstrickungen der Grünen nachgeht, anmerkt, eine "Schlüsselfigur", ein wichtiger Gewährsmann für die päderastisch Veranlagten. Erst kürzlich ist durch einen Artikel in der taz daran erinnert worden, dass Kentler Anfang der siebziger Jahre während einer Tätigkeit bei einem Westberliner Jugendprojekt dafür gesorgt hatte, Straßenkinder in WGs mit Männern unterzubringen, die wegen sexuellen Missbrauchs vorbestraft waren. Die Emma hatte bereits 1993 darüber berichtet. Die taz ("verdienstvoller Streiter für eine erlaubende Sexualmoral") und die liberale Humanistische Union ("Ein Leuchtturm unseres Beirats") feierten ihn in ihren Nachrufen.

Die Pädophilieskandale bei den Grünen und in experimentierfreudigen Kinderläden haben eine gewisse Ratlosigkeit hinterlassen. Man verweist auf eine andere Zeit und fragt sich, warum jetzt erst über Pädophilie im linken und linksliberalen Milieu diskutiert wird. Dass Helmut Kentler in der ZEIT den "autoritären Charakter" Eichmanns vorschiebt, um für eine "liberale" Sexualerziehung einzutreten, gibt einen klaren Hinweis. Dass noch vor wenigen Jahrzehnten Pädophilie in politischen Debatten und Forschungsbeiträgen salonfähig werden konnte, liegt offenkundig auch an der bundesdeutschen Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Die Befreiung der Sexualität, was immer man genau darunter verstand, wurde als aktiver Widerstand gegen den Untertanengeist aufgefasst.

In dieses von vornherein als edel deklarierte Projekt konnten unversehens auch pädophile Positionen eingespeist werden. Sie standen schließlich unter dem moralischen Schutzschirm des Antifaschismus – was bis zu einem gewissen Grad auch erklärt, weshalb es seinerzeit zu keiner sonderlich heftigen Empörung in der Öffentlichkeit kam. Im grellen Kontrast zu Eichmann erscheint jeder Päderast als Unschuldslamm. Anders gesagt: Die Pädophilengruppen nutzten auf geschickte Weise die bewusstseinsdialektischen Annahmen fortschrittlicher Linker aus, um sich als ohnmächtige Opfer des verkrusteten Zeitgeistes zu deklarieren. Nicht sie hatten ein Problem mit der Sexualität, sondern die totalitäre Gesellschaft als solche.

Nun gab es natürlich den Nationalsozialismus einerseits, und es gab den Diskurs über den Nationalsozialismus in der deutschen Nachkriegszeit andererseits. Die sexuellen Repressionstheorien werden erst seit jüngerer Zeit eingehender kritisiert. Die amerikanische Historikerin Dagmar Herzog hat vor acht Jahren mit ihrem in Fachkreisen Aufsehen erregenden Buch Die Politisierung der Lust (Siedler Verlag) aufgezeigt, wie das NS-Regime zwar einerseits Sittenstrenge und traditionelle Mütterlichkeit propagierte, andererseits aber sexuelle Befreiungs- und Emanzipationsprojekte anstrengte: Pornografisches gab es, unter dem Signum der jugendbewegten Natürlichkeit, durchaus. Das Regime erleichterte Scheidungen und Wiederheirat. Die Sexualmoral der Kirche wurde häufig verhöhnt, besonders prägnant im Schwarzen Korps, der auflagenstarken SS-Wochenzeitung, die ihre Seiten gerne mit nackten Frauen, die sich in den Dünen rekelten, illustrierte.

Die als jüdisch gebrandmarkte Großstadtkultur (Schminke, Homosexualität, "Rassenschande" und so weiter) sollte durch "natürliche", "arische", aber durchaus promiskuitive Erotik ersetzt werden. Bigamie für die männliche Rassenelite wurde als Zukunftsprojekt von Himmler ausdrücklich befürwortet. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs unterbreitete er auch den reproduktionspragmatischen Vorschlag: "Über die Grenzen vielleicht sonst notwendiger bürgerlicher Gesetze und Gewohnheiten hinaus wird es auch außerhalb der deutschen Ehe für deutsche Frauen (...) eine hohe Aufgabe sein können, nicht aus Leichtsinn, sondern in tiefstem sittlichen Ernst Mütter der Kinder ins Feld ziehender Soldaten zu werden."