DIE ZEIT: Frau Rammstedt, als Deutschland-Chefin der Piaac-Studie haben Sie untersucht, was Erwachsene können. Verraten Sie uns, wo Sie eine Bildungslücke haben?

Beatrice Rammstedt: Bildungslücke ist der falsche Ausdruck, aber obwohl ich mit der technologischen Revolution aufgewachsen bin, ist es manchmal schwer, mit der Entwicklung bei den neuen Medien Schritt zu halten. Plötzlich ist Twitter da, es gibt Clouds, soziale Medien ... Da kann man schnell abgehängt werden.

ZEIT: Sie arbeiten seit fünf Jahren an der Piaac-Studie (Programme for the International Assessment of Adult Competencies). Hat Sie noch ein Ergebnis überrascht?

Rammstedt: Mich hat doch überrascht, wie viele Parallelen es zur Pisa-Studie gibt ...

ZEIT: ... der bekannten Schulstudie, bei der die Kompetenzen der 15-Jährigen gemessen werden.

Rammstedt: Ja, dort ist der Einfluss der Schule natürlich noch sehr groß. Im Erwachsenenalter hätte man ja noch viele Möglichkeiten, etwas zu verändern. Und doch ist das Muster bei den 16- bis 65-Jährigen, die wir getestet haben, ähnlich wie bei Pisa: Deutschland landet beim Lesen und in der Mathematik im Mittelfeld, und es gibt eine große Bevölkerungsgruppe, die nur das unterste Kompetenzniveau erreicht.

ZEIT: Bestätigt sich hier das Sprichwort "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr"?

Rammstedt: Das wäre übertrieben. Sicher ist es so, dass bis zum Ende der Schulzeit das Fundament für die Entwicklung von Kompetenzen gelegt wird. Aber unsere Studie zeigt auch, dass mit jedem anschließenden Bildungszertifikat Kompetenzen dazugewonnen werden, etwa mit der Berufsausbildung nach dem Hauptschulabschluss oder mit dem Hochschulstudium nach dem Abitur.

ZEIT: In Deutschland wird darum gestritten, ob wir am System der dualen Berufsausbildung festhalten sollten oder stärker auf die Akademisierung der Ausbildung bauen sollten. Haben Sie dazu etwas herausgefunden?

Rammstedt: Ja, wir haben herausgefunden, dass keines der beiden Ausbildungssysteme dem anderen überlegen ist in Hinblick auf die Kompetenzentwicklung der Bevölkerung. Wir haben dazu Länder mit rein allgemeinbildenden Ausbildungssystemen mit solchen verglichen, die neben der akademischen eine berufliche Ausbildung haben – und keinen Unterschied festgestellt.

ZEIT: Können Sie die vielerorts zu hörende Klage unterstützen, dass der Nachwuchs nichts mehr könne, die Alten also überlegen seien?

Rammstedt: Nein, zum Glück nicht. Im Gegenteil: Die Jüngeren sind mit ihren Fähigkeiten – in Deutschland wie in den anderen Teilnehmerländern – den älteren Jahrgängen deutlich überlegen. Kulturpessimisten müssen wir also enttäuschen. Es gibt sogar noch eine ausgesprochen positive Nachricht.

ZEIT: Und die wäre?

Rammstedt: Die jüngste von uns getestete Altersgruppe, die der 16- bis 24-Jährigen, also die "Post-Pisa-Generation", zeigt im internationalen Vergleich bessere Leistungen als die gesamte getestete Gruppe. In dieser jüngsten Gruppe unterscheidet sich zum Beispiel die Lesekompetenz nicht mehr signifikant vom internationalen Mittel.

ZEIT: Der Pisa-Schock des Jahres 2001 hat also gewirkt?

Rammstedt: Das kann man nicht mit Sicherheit sagen. Aber zumindest sind die Leistungen danach gestiegen.

ZEIT: Gibt es Ergebnisse, die uns Sorgen bereiten sollten?

Rammstedt: Ja, ähnlich wie bei der Pisa-Studie hat Deutschland insbesondere Schwächen im unteren Leistungsbereich. Das zeigt sich auch in den Bildungsunterschieden: Mehr als die Hälfte aller Personen, die maximal den Hauptschulabschluss haben, verfügt nur über sehr geringe Grundkompetenzen. Diese Menschen haben Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz zu finden, und sind für qualifizierte Berufe ungeeignet. Wie in einem Teufelskreis haben sie also Probleme, ihre Kompetenzen im späteren Leben weiterzuentwickeln. Darüber hinaus finden wir – ebenfalls ähnlich wie bei Pisa –, dass selbst bei den Erwachsenen die Kompetenzen noch sehr stark vom Bildungsstand ihrer Eltern abhängen.

ZEIT: Ziehen die Einwanderer Deutschland nach unten?

Rammstedt: Die Kompetenzen derjenigen, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, sind erwartungsgemäß schlechter als die der deutschen Muttersprachler. Da ist Deutschland im internationalen Vergleich aber unauffällig. Und wenn man nur Personen betrachtet, deren Muttersprache die Testsprache – also in unserem Falle Deutsch – ist, fallen die Ergebnisse noch genauso aus. Zum Beispiel weisen auch deutsche Muttersprachler im internationalen Vergleich eine leicht niedrigere Lesekompetenz auf.

ZEIT: Messen Sie eigentlich das Richtige? Sollte man nicht besser testen, ob die Menschen Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können, sozial kompetent sind und eine Fremdsprache beherrschen?

Rammstedt: Wir testen Schlüsselkompetenzen, die ja genau diese Fähigkeiten unterstützen. Und keiner wird bestreiten, dass es zur Bewältigung des Lebens sinnvoll ist, lesen zu können, Alltagsmathematik zu beherrschen und Computergrundkenntnisse zu haben.