Wer eine ganze Autobahn für sich haben will, muss nach Portugal fahren. Auf der Ponte Vasco da Gama, einer der spektakulärsten Brücken des Kontinents, fließt noch normaler Verkehr, aber hinter Lissabon leert sich die breite Piste. Nach einer Stunde biegt der letzte Lastwagen ab, und man ist allein in den Hügeln des Alentejo. Windige Westernlandschaft, verlassene Nelkenrevolutionsprovinz: Hier begann in den Siebzigern der Aufbruch der Bauern aus der Diktatur in eine freie, gerechte Zukunft. Heute ackern nur noch die ganz Tapferen, die Verrückten auf den kargen Feldern. Sie sollen jetzt die Zeche zahlen für Portugals wirtschaftlichen Niedergang.

Denn wer nichts hat, dem wird genommen. So sieht es aus im ärmsten Land Westeuropas, wo die Jugendarbeitslosigkeit 42,1 Prozent beträgt, aber ein überdimensionierter Beamtenapparat vom Staat verteidigt wird. Wo die regierenden Liberalkonservativen die kleinen Bauern kaputtregulieren, aber große ausländische Immobilienkäufer mit Visa hofieren. Wo nur 290.000 von fast einer Million Arbeitslosen auch Arbeitslosengeld beziehen, aber multinationale Firmen mit Sitz in Portugal allein zwischen 2009 und 2011 satte zwei Milliarden Euro Gewinn in die steuergünstigen Niederlande brachten. Wo die Kommunen pleite sind, aber noch mehr darben sollen, wenn im Jahr 2018 die Grunderwerbsteuer abgeschafft wird.

Solcher Wahnsinn hat Methode: Weil die Troika aus EU, EZB und IWF dem Land unerfüllbare Sparregeln auferlegt hat, kujoniert die Regierung die kleinen und kleinsten Unternehmer mit ebenso unerfüllbaren Sparregeln. Wer das nicht glaubt, muss nur einmal auf einen der ärmlichen Märkte gehen, wo das Kilo schöner Pfirsiche 1,20 Euro kostet, und fragen, wohin denn der Bauer, der hier seit Jahrzehnten seinen Obststand hatte, verschwunden sei. Antwort: Der Staat schreibt jetzt ab einem bestimmten, lächerlich geringen Umsatz eine computerisierte Kasse vor – wegen der Steuerbelege. Der Bauer aber konnte sich die Computerkasse weder leisten noch sie bedienen. Deshalb ist er nun weg. Die Bäuerin am Stand nebenan ist noch da. Aber nur deshalb, weil sie so erbärmlich wenig einnimmt, dass sie vom Computerzwang befreit ist.

Überwachen und strafen: Auf diese Weise haben die portugiesischen Staatsbankrotteure jetzt tatsächlich ihre Staatseinnahmen erhöht. Sie besserten ihren Haushalt auf, indem sie kleine Haushalte ruinierten. Aber dieser Trick funktioniert nur einmal. Wenn ein Bauernhof tot ist, ist er tot.

Und dann? Gerade haben die Parteien der Lissabonner Mitte-rechts-Koalition mit Ach und Krach die Kommunalwahlen überstanden, da kommt die nächste Schreckensbilanz: Das Haushaltsdefizit für 2013 wird statt der erhofften 5,5 Prozent mindestens 7 Prozent betragen. Portugal muss bald in Brüssel die nächsten Rettungsmilliarden erbetteln.

Die wirtschaftliche Freiheit der kleinen Leute brutal einzuschränken wird das Land nicht retten. Trotzdem fährt die Regierung mit ihrer Knebelpolitik fort. Die Steuerpolizei exekutiert jetzt zwei neue Gesetze für Flohmärkte, wo Rechnungen für jeden winzigen Betrag ausgestellt werden müssen, ob für einen 60-Cent-Kaffee oder einen 2-Euro-Pullover. Alle Kleinstverkäufer sind steuerpflichtig. Wer gegen die Gesetze verstößt, muss mit Strafen von 250 bis 3000 Euro rechnen. Der Effekt: Urplötzlich sind kleine alte Märkte verschwunden. Die Hoffnung: Große neue Märkte entstehen. Es ist eine irre Hoffnung. Denn man kann ein Land nicht retten, indem man die Bevölkerung fesselt und knebelt. Wer überleben will, muss sich bewegen, muss atmen können.