Aus der Küche über dem Antiquariat The Bookshop schallt Gelächter. Eine ausgelassene Gesellschaft sitzt dort auf antiken Kirchenstühlen um einen Tisch. Shaun Bythell, Buchhändler und Gastgeber, füllt Gläser mit Wein und Suppenteller mit Hühnerbrühe, reicht Käse und Haferkekse. Es ist halb zehn, der Vorabend des Wigtown Book Festival.

Wigtown, eine abgelegene Kleinststadt im schottischen Galloway an der Mündung der Bladnoch in die Bucht des Solway Firth, hat tausend Einwohner und zwölf Buchläden. Am letzten Septemberwochenende jedes Jahres beginnt das zehntägige Fest, bei dem sich alles um Romane und Gedichte dreht, um Autoren, Kritiker und Leute, die wichtig sind oder sich wichtig nehmen.

Schritte auf der Treppe kündigen den nächsten Gast an. Stuart Kelly, Literaturkritiker und Juror des berühmten Booker-Preises, schleppt seinen Koffer die schmalen Stufen in den ersten Stock hinauf, makellos angetan mit einem feinem Dreiteiler aus Border Tweed und einer eleganten Stoffkappe über dem scharf geschnittenen, transpirierenden Gesicht. Es dauert nicht lange, bis er aus dem Stegreif Passagen aus Gedichten W. H. Audens rezitiert. Als er auf eine Zigarette in das Balkonzimmer verschwindet, sieht man seinen Schritten die Wirkung des großzügig ausgeschenkten Weins an.

Später diskutiert er mit Adrian Turpin, dem Direktor des Buchfests, das intellektuelle Leben der Nation. Die Stimmen der anderen werden lauter, der Festivaldirektor wird stiller. Sein von zerzaustem Haar umrahmter Kopf sinkt tiefer auf den Tisch. Um ein Uhr nachts tritt Shaun Bythell, der Buchhändler, den Rückzug ins Bett an. Ab jetzt hält seine Freundin, die Amerikanerin Jessica Fox, die Aufsicht über das schottische Bacchanal.

Fünf Jahre ist es her, dass Jessica zum ersten Mal in diese Küche gestolpert kam, todmüde nach einem langen Flug von Los Angeles. Dort hatte die damals 26-Jährige als Medienberaterin der Weltraumbehörde Nasa gearbeitet. Trotz der steilen Karriere fühlte sie sich unerfüllt. Sie hatte einen wiederkehrenden Tagtraum, in dem sie sich als ein in einen dicken Pullover eingepacktes Mädchen sah, das mit hochgezogenen Knien hinter dem hölzernen Kassentisch eines Antiquariats an der stürmisch-kalten Küste Schottlands hockte. Der Laden in diesem Traum roch feucht und stickig, vor ihr dampfte eine Tasse Tee. Die Tür ging auf, eine Messingglocke schlug an...