Roter Rambo, das Krokodil – Ralf Stegner hat sich die beherzte Frontalattacke so sehr zum Markenzeichen gemacht, dass er seine Spitznamen mit Stolz trägt. Der SPD-Vorsitzende in Schleswig-Holstein, eine Galionsfigur der Parteilinken, ist als Generalsekretär auserkoren, sollte Andrea Nahles demnächst ein Ministeramt übernehmen.

Ausgerechnet der Hardliner Stegner wird von Parteichef Sigmar Gabriel in diesen Tagen mit einem Spezialauftrag vor die Kameras der Republik geschickt: Er gibt den Säusel-Sozi. "Es geht uns nicht um Steuererhöhungen, sondern um Inhalte", flötet er in Mikrofone. "Steuererhöhungen als Selbstzweck wären grober Unsinn." Dass ein Überzeugungstäter wie Stegner, ein Befürworter rot-rot-grüner Bündnisse, das größte Hindernis für Verhandlungen der SPD mit der Union abräumt, sendet eine doppelte Botschaft an die skeptische Basis: Wenn die Linke sie mitträgt, ist eine Große Koalition nicht so schlimm. Und: Wartet doch mal ab, was am Ende herauskommt.

Steuern erhöhen oder nicht? Braucht der Staat mehr Geld, um die Zukunft des Landes zu sichern, oder nimmt er schon genug ein? Das war im Wahlkampf eines der wenigen Themen, bei denen Unterschiede zwischen den Lagern sichtbar wurden. Über nichts haben Schwarz-Gelb und Rot-Grün leidenschaftlicher gestritten. Es ging ums Geld – aber auch darum, in welcher Gesellschaft die Deutschen leben wollen.

Am Disput um Steuererhöhungen entscheidet sich in diesen Tagen auch, welche Regierung das Land bekommt – und ob es in absehbarer Zeit überhaupt eine bekommt. An diesem Donnerstag treffen sich Union und Grüne zu ihrer ersten Sondierungsrunde, am kommenden Montag Union und Sozialdemokraten zu ihrer zweiten. Und ausgerechnet vor diesem Termin scheinen der SPD die Steuererhöhungen nicht mehr so wichtig. Taktiert sie noch, oder kapituliert sie schon?

Im Wahlkampf haben die Genossen mit dem Thema Steuererhöhungen zwei Ziele verfolgt. Einerseits wollten sie ehrlich sein. Sie forderten nicht nur mehr Geld für die Bildung, den Erhalt von Straßen und Schienen, für eine bessere Ausstattung der Kommunen und für den Abbau der Schulden, sondern legten auch offen, wo dieses Geld herkommen soll. Andererseits ging es im Hinblick auf die Steuererhöhungen um Gerechtigkeit, um das Thema also, mit dem die eigenen Anhänger am besten zu mobilisieren sind. Das ist gelungen, erweist sich jetzt aber als Problem: Denn die Parteibasis lässt sich nicht so leicht wieder beruhigen.

Dabei wusste Gabriel von Anfang an, dass die SPD die Einladung der Kanzlerin zu Sondierungsgesprächen nicht würde ablehnen können, ohne sich selbst zu schaden. Er musste die Frontstellung durchbrechen, um Verhandlungen möglich zu machen. Eine Große Koalition gilt ihm und den meisten anderen in der engeren Parteiführung als das kleinste dreier Übel: Bei einem schwarz-grünen Bündnis droht der SPD der Verlust ihres strategischen Partners, bei Neuwahlen ein neuer historischer Tiefstwert. Also schickte Gabriel den roten Rambo Stegner los, um zu signalisieren, dass die SPD zu Kompromissen bereit ist.

Jetzt ist die Union am Zug – und damit vor allem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Er wäre in den Koalitionsverhandlungen für das Thema Finanzen zuständig, er müsste Reformen umsetzen, wenn er Finanzminister bleibt. Diese Woche hat Schäuble eigens eine Reise zum Jahrestreffen des Internationalen Währungsfonds in Washington verschoben, um an den Sondierungsgesprächen teilnehmen zu können.

Einen Tag nach der Wahl hat Schäuble im Interview mit der ZEIT angedeutet, dass die Union beim Thema Steuern zu Kompromissen bereit sei. Die Empörung in der Union war so groß, dass die Kanzlerin sich zu einem Machtwort gezwungen sah. Keine Steuererhöhungen!