Der Jammer war groß, als Österreichs Athleten vergangenes Jahr von den Olympischen Sommerspielen aus London heimkehrten. Zum ersten Mal seit 1964 hatten sie keine Medaille nach Hause gebracht. Doch auch die errungenen Titel der Vergangenheit, in deren Glanz sich Politiker und Funktionäre gerne sonnten, waren eher das Verdienst von Einzelkämpfern als das Ergebnis gezielter Sportförderung. Nur wenn ausufernde Bürokratie, Parallelstrukturen und der damit verbundene parteipolitische Filz olympisch wären, hätte Österreich seine Medaillen auch im Sommer sicher. Also wurde Peter Schröcksnadel, der Präsident des erfolgreichen Skiverbands ÖSV, zu Hilfe gerufen.

Im September diagnostizierte der Herr des Wintersports das heimische Dilemma: "Andere kleine Länder, Kroatien oder Ungarn, machen bei Sommerspielen immer Medaillen. Dabei haben die viel weniger Geld für den Sport als wir."

Schröcksnadels Rezept: noch mehr Geld für den heimischen Sport. Die Protagonisten alter Strukturen sind nicht bereit, das verkrustete System aufzubrechen, in dem sie es sich gemütlich eingerichtet haben. Statt die Architektur des athletischen Betriebs zu analysieren und olympiafit zu machen, wurde bloß dem barocken Sportdom ein neues Türmchen aufgesetzt.

Rio 2016 nennt sich der zwanzig Millionen Euro schwere Topf, mithilfe dessen Österreichs beste Sommersportler in Olympiasieger verwandelt werden sollen. Zusätzlich zu den 130 Millionen Euro, die jährlich auf Bundesebene für den gesamten Sport ausgeschüttet werden. "Ich rechne dadurch mit drei bis fünf Medaillen bei den Olympischen Sommerspielen in Rio", gibt sich Schröcksnadel optimistisch. 47 handverlesene Einzelsportler und sieben Nationalteams werden zu diesem Zweck mit Geld überschüttet. Die Mittel stammen aus dem Budget des Bundesministeriums für Landesverteidigung und Sport. Ein Dreierkomitee lotet aus, wer wie viel erhält. Der 72-jährige Schröcksnadel ist als Vierter im Bunde Chefentscheider des Gremiums.

Der Tiroler Alpenkaiser herrscht nicht nur über den erfolgreichsten Sportverband des Landes – den ÖSV. Ohne ihn geht im gesamten Wintersport nichts. Er dominiert ein Wirtschaftsimperium aus Skigebieten, Bergbahngesellschaften und Event-Organisationen. Und er trifft die Entscheidungen im Austria Ski Pool, in dem sich große Unternehmen einfinden, die mit den Ski-Idolen werben wollen. Jetzt hat diese Symbolfigur des funktionärskontrollierten Sports auch im bislang Schröcksnadel-freien Sommersport das große Sagen.

"Da wünsche ich ihm viel Glück bei der Expertise zu modernem Fünfkampf oder Rhythmischer Gymnastik", sagt der Generalsekretär des Radsportverbands, Rudolf Massak zum neuen Aufgabenbereich des Skipräsidenten. Ähnlich skeptisch ist Wolfgang Konrad, einst Weltklasse-Hindernisläufer und langjähriger Organisator des Vienna City Marathons: "Warum hat Österreich eigentlich bei den alpinen Skibewerben der Winterspiele 2010 nur noch 60 Prozent der Medaillen des Jahres 2006 gemacht, wenn Herr Schröcksnadel doch ach so kompetent ist?"

Peter Schröcksnadel ist für viele der Sport-Nikolo mit dem Füllsack

Andernorts wird Schröcksnadels Engagement positiv aufgenommen, er sei der "Wunderwuzzi" des Sommersports. Verbandspräsidenten und Sportler klatschen Beifall zu seiner Installierung als Sport-Nikolo mit dem Füllsack. Es gibt aber auch Sportler, die das anders sehen und trotzdem nichts sagen. "Kein Wunder, schließlich entscheidet der Mann darüber, ob und wie viel Geld ich bekomme", meint ein geförderter Olympiasportler. "Ich bin doch nicht blöd und kritisiere den."