Von Uchtelfangen nach Gießen sind es nur 180 Kilometer, aber für Jessica Schuler war es eine Reise in eine andere Welt. Vor drei Jahren zog sie aus dem 4.000-Einwohner-Dorf im Saarland nach Gießen, um zu studieren – als Erste in ihrer Familie. Ihr Vater ist Wachmann, die Mutter Bürokauffrau, beide haben einen Hauptschulabschluss. Jessica Schuler jedoch wollte Vorlesungen besuchen und Hausarbeiten schreiben in einem Fach, von dem ihre Eltern noch nie gehört hatten: Ökotrophologie, Ernährungswissenschaft.

Deutschland gehört zu den Ländern in Europa, in denen der Bildungsaufstieg am schwersten ist. Siebzig Prozent der Studenten in Deutschland haben Eltern, die ebenfalls studiert haben. Nur 17 Prozent der Studenten stammen aus Arbeiterfamilien. Insgesamt schaffen nur ein Fünftel aller Kinder einen besseren Abschluss als ihre Eltern.

Jessica Schuler sitzt im Regionalzug auf einem Platz am Gang, die Weinberge rauschen am Fenster vorbei. Neben ihr steht der rote Jack-Wolfskin-Rucksack, vollgepackt. Es sind Semesterferien. Für ein paar Wochen wird sie die Altbau-WG in der Studentenstadt gegen das weiße Reihenhaus im Saarland tauschen. Drei Stunden dauert die Fahrt von Gießen nach Uchtelfangen, von der Uni zu den Eltern, von der neuen in die alte Welt. Jessica Schuler ist 23 Jahre alt, sie trägt T-Shirt und Jeans und am Handgelenk ein Bändchen vom letzten Rock-am-Ring-Festival. Sie studiert mittlerweile im sechsten Semester und hat in den letzten drei Jahren nicht nur gelernt, wie man eine Hausarbeit schreibt oder aus welchen Inhaltsstoffen sich die unterschiedlichen Nahrungsmittel zusammensetzen. Im letzten Semester hat sie auch einen Französischkurs gemacht, "um später meine Jobchancen zu steigern", wie sie sagt.

Im ersten Semester noch belegte Jessica Schuler nur genau die Module, die im Beispielstundenplan im Studienführer aufgelistet waren. "Man hätte auch mehr machen können oder auch andere Kurse", sagt sie – aber dass das überhaupt geht, dass sie eine Wahl hat, das wusste sie nicht. Jessica Schuler wusste vieles vor Beginn ihres Studiums nicht. Bei ihr zu Hause am Abendbrottisch konnten die Eltern nie von ihrer eigenen Studentenzeit schwärmen, und auch sonst hatte ihr keiner so genau erzählt, wie ein Studium abläuft. Natürlich hatte sie sich informiert, Bücher gelesen und im Internet recherchiert, aber alles nur theoretisch, wie es dann tatsächlich zugeht an der Uni, so richtig konnte sie sich das nach dem Abitur nicht vorstellen. In den ersten eineinhalb Jahren kämpfte sie sich alleine durch. Dann, im vierten Semester, wurde ihr alles zu viel. Sie war frustriert: Manchmal lernte sie wochenlang für eine Klausur und bekam dann nur eine Drei. Die Dozenten standen vorne und interessierten sich nicht dafür, ob sie den Stoff verstand. Sie hatte Angst, nicht mitzukommen, und Angst, nach dem Abschluss keinen Job zu finden.

Dann entdeckte sie beim Tag der offenen Tür an der Uni einen Stand von Arbeiterkind.de. Katja Urbatsch, eine Gießener Promotionsstudentin, hat die Initiative vor fünf Jahren gegründet – als "riesen Selbsthilfegruppe", wie sie sagt. Auch Urbatschs Eltern haben nicht studiert. Studenten aus nicht akademischen Familien können sich bei Arbeiterkind.de über Stipendien und Karrierechancen informieren, sich Rat von Mentoren aus höheren Semestern holen und sich beim Stammtisch kennenlernen. Mittlerweile gibt es in ganz Deutschland Anlaufstellen. Urbatsch weiß, dass Studenten der ersten Generation oft die Vorbilder in den Familien fehlen, an denen sie sich orientieren können. Eltern, die nicht selber studiert haben, könnten oft nicht weiterhelfen, wenn es um Fragen rund ums Studium oder die berufliche Zukunft gehe. Und häufig seien die Zweifel der Studenten an ihren Fähigkeiten deutlich größer als bei Studenten aus Akademikerfamilien. Jessica Schuler bekam in der vierten Klasse eine Empfehlung für die Realschule. Ihre Freundin, die dieselben Noten hatte wie sie, wurde aufs Gymnasium geschickt. Der Unterschied: Die Eltern der Freundin waren Akademiker. Schulers Eltern beschwerten sich nicht. "Sie dachten, die Lehrerin müsste es ja wissen."

Katja Urbatsch beobachtet solche Ungerechtigkeiten häufig. Lehrer hätten oft niedrigere Erwartungen an Schüler aus Nichtakademikerhaushalten – oft nicht aus böser Absicht, sondern weil sie die Kinder nicht überfordern wollten. "Nichtakademikerkinder geraten oft in eine negative Spirale. Auch die Eltern trauen ihnen nicht viel zu, weil sie dem Kind nicht mehr zutrauen können als sich selber. Es ist ja unheimlich schwer, zu sagen: Mein Kind kann mehr als ich."