Schon zu Lebzeiten war er ein Mythos, der bestaussehende französische Schriftsteller aller Zeiten und einer der bedeutendsten Denker und Autoren seines Jahrhunderts. Man nannte ihn einen Moralisten, eine Ikone des unbestechlichen Intellektuellen, der die großen Menschheitsträume von der Transzendenz, von der Geschichtsutopie und von der Liebe wie Seifenblasen platzen ließ. Er hat grandiose, magische Sätze hinterlassen, die wie unverrückbare Felsbrocken in der Wort-Wüste des 20. Jahrhunderts herumstehen. An seinem Namen haftet ein bewunderndes Frösteln – und auch ein wenig Marmorstaub.

Zu seinem 100. Geburtstag ist es an der Zeit, den überwältigenden Mann, der aus der großen Kälte des vergangenen Jahrhunderts kam und zum Pariser Starintellektuellen wurde, wieder zu Albert Camus zu machen, der von einer Analphabetin am 7. November 1913 in Algerien auf dem nackten Lehmboden eines Weinguts bei Mondovi geboren wurde und am 4. Januar 1960 starb, als das Luxusauto seines Freundes Michel Gallimard auf dem Weg nach Paris sehr heftig und endgültig an einer Platane an der Route nationale Halt machte. Diesen Zeitgenossen unserer Desillusionen werden wir kaum in den Vitrinen der Ausstellungen finden, die sein Jahrestag hervorbringt. Deshalb mache ich mich auf eine Reise vom Mythos zum Menschen Camus, zu den besonderen Orten, den Menschen, den Häusern und den Landschaften, die sein Leben waren.

Fünf Zimmer, zweiter Stock rechts, Nordseite – seine letzte Pariser Adresse

Erste Station Paris, das liegt nahe. Paris war zu seiner Zeit die Welthauptstadt der Literatur. Alle waren in Paris, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Samuel Beckett, André Gide, André Breton, Marguerite Duras. Man kann sich dieses Paris bis heute nur in Schwarz-Weiß vorstellen, lange, schwere Wintermäntel, ernste Gesichter, Intellektuelle, die an den Caféhaustischen zusammenklumpen wie Rugbyspieler kurz vor dem Anpfiff. Paris hat Camus groß gemacht, das französische Theater, die französischen Schauspieler, der Journalismus, der Existenzialismus – nichts davon ist ohne Paris auch nur vorstellbar.

Noch immer leben hier ein paar seiner früheren Geliebten, uralte Weiblein heute, mit zittrigen Stimmen. Hier lebt sein 68-jähriger Sohn, Jean Camus, der allein im Appartement seiner Eltern wohnt in der Rue Madame, auf dem Sessel seines Vaters sitzt und raucht, auf dem Flügel seiner Mutter spielt und kaum noch aus dem Haus geht. Hier lebt sein Enkel, der Schriftsteller David Camus, der ihm so ähnlich ist. Hier geht sein alter Freund Roger Grenier, ein hellwacher 94 Jahre alter Mann, noch immer jeden Tag in sein Büro im Verlag Gallimard in der Rue Sébastien-Bottin.

Camus ist nicht hier. Er liegt auf dem Friedhof in Lourmarin in Südfrankreich. Als Sarkozy noch Präsident war, wollte er Camus unbedingt nach Paris holen, ins Pantheon, an die Seite von Voltaire, Rousseau und Malraux. Weg von den kleinen Leuten und ihren Plastikrosen und Porzellanvergissmeinnicht auf den ärmlichen Gräbern des Dorffriedhofes. Der Sohn Jean Camus war dagegen. Er ist sicher, Paris ist der falsche Ort für seinen Vater, im Leben wie im Tod.

Man kann nicht sagen, dass Camus Paris gehasst hat. Dennoch hat er 1945 geschrieben: "Ich bereue die stumpfsinnigen und schwarzen Jahre, die ich in Paris verbracht habe." Er war sein Leben lang der "Fremde" in Paris. Das Glück, von dem in seinen Romanen, Essays und Theaterstücken unaufhörlich die Rede ist, hatte er verloren, als er mit 27 Jahren nach Paris kam – diese "einzig benutzbare Wüste", wie er die Stadt genannt hat.

Zu allen denkbaren Tages- und Nachtzeiten habe ich schon vor dem Haus in der Rue Madame gestanden, in dem er, als er endlich ein erfolgreicher Autor war und Die Pest sich im Sommer 1947 innerhalb weniger Wochen hunderttausend Mal verkauft hatte, die große Etagenwohnung erworben hat, die sein Sohn bis heute bewohnt. Fünf Zimmer, zweiter Stock rechts, Nordseite. Die letzte Adresse des Mannes, der mit 24 Jahren geschrieben hat, er wolle sich selber am "Grunde des Weltalls" finden.

Wie ist Camus ausgerechnet auf diese dunkle Wohnung verfallen, in die wirklich niemals ein Sonnenstrahl fällt? Was war sie? Abstellwohnung für Frau und Kinder? Für Francine, mit der er seit 1940 unglücklich verheiratet war, und für Jean und Catherine, die Zwillinge, die 1945 zur Welt kamen, obwohl er seiner Geliebten, der Schauspielerin Maria Casarès, versprochen hatte, dass er seine algerische Ehefrau nur mehr "wie eine Schwester" lieben würde? Hier im dunklen zweiten Stock hat Francine am Ende dieser Ehe – in deren Verlauf sie einmal aus dem Fenster der Klinik sprang, in der sie ruhiggestellt werden sollte – den Telefonhörer abgenommen und erfahren, dass ihr Mann an einem Baum zerschellt ist.