Camus und die Frauen. Ein schwieriges Kapitel in seinem Leben, nicht das beste. "Außer in der Liebe ist die Frau langweilig" – leider gibt es diesen schrecklichen Satz in seinen Tagebüchern. Dennoch war sein Leben voller Frauen, meist Schauspielerinnen, Künstlerinnen, Journalistinnen, in die er sich in großer Zahl, nun ja, verliebt hat. In seinen Werken sind sie Statistinnen, animierte Requisiten wie die Stenotypistin, mit der der "Fremde" nach der Beerdigung seiner Mutter erst ins Kino und dann ins Bett geht. Camus liebt es, noch die entlegensten Körperteile des Mannes zu beschreiben, die Ränder der Ohren, die Fußgelenke, die sehnigen Schultern, die Brauen, die Lippen, den Hals. Der Körper ist die härteste Währung in seinem Universum. Er ist sein Evangelium. Doch in der Beschreibung des weiblichen Körpers ist er ein Analphabet. Von einer Mutter heißt es, sie sei "ein unförmiges Tier". An jungen Frauen beeindrucken ihn die "teilnahmslosen Mienen" und die "natürliche Einfalt".

Man muss den großen Moralisten nicht moralisieren, aber wahr ist: Er war ein großer Frauenverbraucher, einer, der sich selber und alle um sich herum verbrannte. Erste Heirat mit 21 Jahren, da war er noch ein junger tuberkulosekranker Dandy in Algier, der nicht jedem die Hand gab. Die Anzüge bezahlte die Schwiegermutter, eine reiche Ärztin, das junge Ehepaar residierte oben auf den Hügeln überm Mittelmeer, im Beverly Hills von Algier. Damals trat er für ein paar Monate in die kommunistische Partei ein, imitierte in seinen Liebesbriefen kläglich die weißdornblütenbestreute Sprache der Schicht, in die er gerade hinaufgeheiratet hatte, und schrieb salbungsvolle Artikel in der Studentenzeitschrift seines Mentors Jean Grenier. Mit 23 war er schon wieder geschieden, lebte in einer Wohngemeinschaft mit jungen Frauen aus den wohlhabenden Kolonistenfamilien in einer alten Villa in der Oberstadt von Algier. Dort schrieb er seine ersten Erzählungen, die von seinen Jahren in der Unterstadt handeln, von seiner Jugend ohne fließend Wasser, ohne Strom, ohne Bücher, ohne Radio, ohne Worte – in einem langen, jahrtausendealten Schweigen, das nur ab und zu von den Peitschenhieben unterbrochen wurde, die ihm die Großmutter mit dem Ochsenziemer verpasste. Es gab – abgesehen von den ersten Monaten in Paris, als er gerade an einem Jahrhundertroman schrieb, der 1942 unter dem Titel Der Fremde veröffentlicht wurde – keine Zeit in seinem Leben, in der er nicht mehrere Geliebte gleichzeitig hatte. Wirklich geliebt hat er jedoch ausschließlich seine Mutter, eine autistisch veranlagte Schweigerin, die keine Gefühle zeigte. In ihr Schweigen hinein hat er sein Werk entworfen. Sie war der Maßstab, den er an die Welt anlegte.

Ein Leben als Sohn – Jean Camus lebt bis heute in der Wohnung des Vaters

Eines Tages drücke ich dann endlich auf den Klingelknopf in der Pariser Rue Madame, auf dem seit über sechzig Jahren der Name Camus steht. Jean Camus konnte sich lange nicht entscheiden, ob er mich treffen oder lieber nicht treffen wollte. Viele Male hat er mir am Telefon zu- und bald darauf wieder abgesagt. Es gehe ihm schlecht, er sei nächste Woche sicherlich schon tot, er habe einen überraschenden Arzttermin, er sei müde. Als ich ihm endlich im dunklen Flur der Wohnung seiner Eltern gegenüberstehe, strahlt er. Genauso habe er sich die Besucherin vorgestellt. Das Treffen, das eben noch undenkbar war, täte ihm nun gut.

Die Camus-Zwillinge haben die Zerrissenheit ihres Vaters unter sich aufgeteilt. Der Vater, der sich zwischen den hochinteressanten Traurigkeiten einer intellektuellen Existenz in Paris und dem gleichmütigen Glück des einfachen Lebens am Mittelmeer nie entscheiden konnte, hat seinen Kindern die Wohnung in der Rue Madame und ein Landhaus in der Provence hinterlassen. Jean Camus hat die Pariser Wohnung und die intellektuell-melancholische Seite des Vaters übernommen. Catherine Camus wohnt in dem großen Dorfhaus in Lourmarin. Jedes der Kinder lebt eines der beiden unversöhnlichen Leben des Vaters für sich zu Ende. Seit Jahren haben die Zwillinge kein Wort mehr miteinander gesprochen.

In der Pariser Rue Madame ist die Vergangenheit noch nicht vergangen

Im Klavierzimmer in der Rue Madame ist seit einem halben Jahrhundert die Zeit stehen geblieben. Camus scheint gerade erst aus dem Raum gegangen zu sein, und seither ist hier außer vielen Zigarettenpackungen nichts Entscheidendes mehr dazugekommen. Auf Francines altem Flügel steht ein Foto von Robert Gallimard, dem Neffen des Verlagsgründers Gaston Gallimard, der im Juni dieses Jahres gestorben ist und jahrelang der Lebensgefährte der Tochter Catherine Camus in Lourmarin war. Im Bücherschrank stehen noch immer die Bücher des Vaters. Einzig die Briefe und Manuskripte Camus’, die bis vor Kurzem hier noch überall herumlagen, werden inzwischen in der Bibliothèque Méjanes in Aix-en-Provence von einer beeindruckend auskunftsunwilligen Mitarbeiterin des selbstbewussten französischen Verwaltungsapparats betreut.

Jean sitzt der Besucherin auf einem der zerschlissenen sandfarbenen Sessel seiner Dornröschenwohnung gegenüber und spricht so leise, als habe er jede Erinnerung an die in menschlicher Gesellschaft übliche Gesprächslautstärke verloren. Auf dem Balkon dieses Zimmers wurden die berühmten Fotos seiner Eltern gemacht. Camus mit Pfeife im Mund, Francine mit hochgeschlossener weißer Bluse. Auf der Straße drei geparkte Autos. Das war 1952.

Gestern, erzählt Jean, habe er sechzehn Stunden lang an seinem Tagebuch geschrieben. Eine halbe Seite sei dabei herausgekommen. Dann spricht er beinahe in einem Atemzug von Kant, von C. G. Jung, von Pascal, von Trotzki, von Freud, von Liszt, Chopin und Schubert. Er kann ganze Passagen aus dem Werk seines Vaters auswendig vortragen. Er rezitiert die Wutrede, die Meursault, der Fremde, dem Priester im Gefängnis hält, als er schon zum Tode verurteilt ist und auf die Hinrichtung wartet. Die ist eine der berührendsten Szenen im Fremden. Der Mörder Meursault, der sich gerade noch maßlos empört hat über die haltlosen und kindischen Versprechen, mit denen das Christentum die Herzen vernebelt, öffnet sich für "die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt" – als sei das Absurde ein Gott, der sich von Zeit zu Zeit in seiner erhabenen Sinnlosigkeit offenbare.