Zwei Tage bevor Orlando Cruz sich selbst zum Weltmeister machen will, hat er Bauchschmerzen vor Hunger. In Jeans und Pullover liegt er unter der Bettdecke und versucht, nicht zu denken. Vor dem Fenster blinken die Lichter von Las Vegas, dort draußen hängen die Plakate, die seinen Kampf ankündigen.

Cruz hat das Licht heruntergedreht und sein Hotelzimmer auf 27 Grad aufgeheizt. Es ist Abend, und Cruz hat seit dem Morgen nichts gegessen außer einer Banane. Wie ein Kranker liegt er im Bett, schaut Telenovelas, spielt Handyspiele. Er muss das halbe Kilo ausschwitzen, das er zu viel wiegt. Cruz redet von Burgern, von Nudeln, von Donuts, von Milchkaffee bei Starbucks mit viel Zucker. Morgen Mittag wird er gewogen. Wenn die Waage mehr als 57 Kilo zeigt, darf er nicht kämpfen.

Neben ihm, im freien Nachbarbett, liegt das Outfit, das er im Ring tragen wird: ein regenbogenfarbenes Röckchen und rosa Boxhandschuhe. Auf dem Boden stehen Lederschuhe mit Glitzersteinen. Für die After-Show-Party.

Das Türschloss summt. Sein Trainer kommt herein, Oberkörper frei, schweres goldenes Kreuz um den Hals. "Orlandito!", brüllt er, "wenn du diesen Kampf gewinnst, wirst du so reich und berühmt wie die Klitschko-Brüder!"

Der Trainer reibt Daumen und Zeigefinger aneinander. Cruz schaut nicht hin, er starrt auf sein Telefon. Es klingelt, sein Freund aus Puerto Rico ist dran. "Ich bin hungrig", sagt Cruz auf Spanisch ins Handy, "hungrig auf diesen WM-Titel."

Ein Jahr ist vergangen, seit Orlando Cruz der Welt gesagt hat: "Ich bin ein stolzer, schwuler Mann." Nie zuvor hatte sich ein aktiver Profiboxer geoutet. Jetzt ist es Donnerstag, der 10. Oktober 2013, und in 48 Stunden wird Cruz um den Weltmeistertitel im Federgewicht des WBO-Boxverbandes kämpfen. "Dieser Kampf wird eine Schlacht", sagt er. Eine Schlacht gegen eine homophobe Gesellschaft. Wenn Cruz gewinnt, wird er Geschichte schreiben – als erster schwuler Weltmeister.

Rocky Balboa, die Klitschko-Brüder, Mike Tyson – fast alle Boxweltmeister entsprechen dem Klischee eines Machos, eines echten Mannes; ob in der Realität oder im Film. Schwul zu sein bedeutet in der Boxwelt, schwach zu sein. Wenn Cruz im Ring steht, geht es um mehr als nur um Sport. Cruz – genannt "El Fenómeno", das Phänomen – macht das Boxen politisch, wie einst Muhammad Ali, der immer auch für die Rechte der Schwarzen kämpfte oder gegen den Krieg in Vietnam. Wenn Cruz in die Arena läuft, dann bricht er ein Tabu im Profisport: schwul zu sein – und trotzdem stark.

Einen Tag vor seinem Kampf betritt Cruz die Theaterbühne des Wynn-Hotels in Las Vegas. Hunderte Menschen sind zum öffentlichen Wiegen gekommen, sie stehen in den Gängen und auf den Fluren, der Raum ist überfüllt, auch der alte Tyson schaut zu.

"Buuuuuh!", ruft das Publikum, als Cruz vor die Waage tritt. Er zieht seine lilafarbene Jogginghose aus, der Trainer streift ihm den Pullover vom Oberkörper.

Cruz ist jetzt fast nackt, man sieht seinen Körper aus Muskeln und bunten Blumentattoos. Er trägt ein knappes Unterhöschen in den Farben des Regenbogens. Aus den Buhrufen wird Gelächter. Cruz steigt auf die Waage. "56,7 Kilogramm!", ruft der Moderator, 300 Gramm leichter, als er sein dürfte. Jubelnd reißt Cruz die Arme in die Luft.

Sein Gegner wird gewogen, Orlando Salido aus Mexiko, "57,0 Kilogramm!", die Menge applaudiert. Nach dem Wiegen stellen sich die beiden Boxer voreinander, so dicht, dass ihre Zehenspitzen sich fast berühren. Sie sind gleich alt, 32 Jahre, doch Salido hat mehr als doppelt so viele Profikämpfe absolviert.

Cruz ist wendig, er gilt als geschickter Verteidiger, aber er misst nur 1,63 Meter. Salido ist einen halben Kopf größer, sein Aufwärtshaken ist berüchtigt. Er ist stärker als alle Gegner, gegen die Cruz bisher gekämpft hat.

Fast eine Minute lang stehen die Boxer da und schauen sich an. Cruz formt seine Augen zu Schlitzen, die Kameras der Fotografen knattern, es klingt, als fliege ein Helikopter durch den Raum.

Nach dem Wiegen stopft sich Cruz zwei Donuts in den Mund und geht anschließend essen: Spaghetti mit Parmesan, dazu literweise Limonade.

Neun Monate ist es her, dass Cruz und Salido sich das erste Mal begegneten, bei einer Pressekonferenz im Madison Square Garden in New York. Salido war dort als amtierender Weltmeister im Federgewicht, am Abend sollte er seinen Titel verteidigen. Cruz wollte sich den Kampf anschauen, für den Fall, dass er in ein paar Monaten selbst gegen Salido kämpfen würde.

Die Pressekonferenz damals war eine Art Branchentreffen. Boxer, Trainer, Promoter standen beisammen und redeten von nackten Frauen in Europa, von Ferraris und deutschen Autobahnen. Ein paar Schönheiten mit falschen Brüsten liefen im Bikini herum und verteilten Werbegeschenke. Cruz trug eine Gucci-Sonnenbrille, eine Stoffhose in Bordeaux und Schuhe aus rotem Wildleder. Es war das erste Mal seit seinem Outing, dass er sich der Boxwelt zeigte.

In einer Ecke standen zwei alte Männer, der eine war in den siebziger Jahren ein bekannter Boxer gewesen. Jetzt sagte er: "Niemals wäre ich mit einem Schwulen in den Ring gestiegen, er kämpft doch auch wie einer."

Am anderen Ende des Raumes stand Orlando Cruz und posierte für Fotos mit Orlando Salido. Auf die Fragen der Journalisten, ob er sich akzeptiert fühle, sagte Cruz: "Alle unterstützen mich. Ich fühle mich frei." Ein paar Schritte weiter stand sein Trainer und unterhielt sich mit einem jungen Mann, der sich auf einen Gehstock stützte, auch er ein ehemaliger Boxer. Cruz konnte nicht hören, worüber sie sprachen. Als der Trainer die Journalistin von der ZEIT vorstellte, sagte er: "Sie ist wegen unseres Entchens hier", und wackelte mit dem Hintern. Ente ist in Puerto Rico das Wort für "Schwuchtel". Der Trainer und der ehemalige Boxer lachten und klopften sich auf die Schultern.