Es gibt Ethnologen, die bei fremden Volksstämmen leben. Reporter, die inkognito für Drecksjobs anheuern. Experimentalarchäologen, die steinzeitliche Werkzeuge nachbauen. Sie alle sind Neugierige, die mit ungewöhnlichen Mitteln etwas herausfinden wollen. Etwas durch Ausprobieren kennenlernen möchten. Am besten von innen. Ähnlich ticken jene Neugierigen, die eine Handyfirma gegründet haben, um sich ein Bild von den Zuständen – und Missständen – in der globalen Elektronikindustrie zu machen.

Dies ist die Geschichte vom "Fairphone", dem fairen Handy. Einer Kampagne, die zum Start-up wurde und sich als Experiment versteht. Um als kleines gutes Vorbild die Branche umzukrempeln.

Überraschenderweise ist das bislang auch eine Erfolgsgeschichte: Im Frühsommer sammelten die Macher Onlinebestellungen für "ein ernsthaft cooles Smartphone, bei dem ethische Werte vorgehen". Menschen schossen Geld vor, damit dieses Telefon überhaupt gebaut werden konnte, das sie nun voraussichtlich kurz vor Weihnachten in der Post haben werden. Crowdsourcing heißt so ein kollektiver Vorschuss. Und er übertraf sein Ziel von 5.000 Bestellungen – die Schwelle, ab der eine Massenfertigung beginnen konnte.

Mobilfunk - Ein "faires" Smartphone für die Welt Das niederländische Unternehmen Fairphone will ein Smartphone aus wiederverwendbaren Materialien auf den Markt bringen. Es soll ohne Ausbeutung und nachhaltig produziert sein.

Die Finanzierung ist ungewöhnlich, das Selbstverständnis auch. "In dieser Firma geht es um mehr als um ein Produkt", sagt die Fairphone-Sprecherin Tessa Wernink, "für uns ist das ein Forschungsprojekt." Ein Geheimprojekt ist es nicht. Die Fairphoner bloggen über den Entwicklungsprozess, schildern Umwege und Lerneffekte. Detailliert stellten sie ihre Kalkulation online: Darin ist bis auf den letzten Euro aufgeschlüsselt, welcher Anteil vom Kaufpreis wohin geht.

Wernink sitzt an einem überlangen Schreibtisch in einem umgebauten Speicher unweit des Amsterdamer Hauptbahnhofs inmitten etwa eines Dutzends Mitarbeiter. Dazu noch Sean in London, Mulan in China – das ist die ganze Firma. Werden Handys nicht gemeinhin von Weltkonzernen hergestellt?

Dass die Kopfzahl einer Fußballmannschaft ausreicht, um selber ein Smartphone zu bauen, ist die erste Einsicht, die das Fairphone bereithält. Die Erklärung dafür ist das radikale Outsourcing, das die Elektronikindustrie über Jahrzehnte etabliert hat: Geplant und organisiert wird in Amsterdam, praktisch alles andere erledigen Dienstleister in Asien.

Jetzt im Herbst sind die ersten Exemplare im Hauptquartier in Holland eingetroffen. Das Fairphone ist nicht grün oder aus Jute, sieht weder nach Askese aus noch nach Öko-Chic. Es wirkt wie fast jedes Smartphone (wenige Knöpfe, großer Touchscreen, abgerundete Ecken), läuft mit dem Betriebssystem Android und kann, was ein durchschnittliches Neugerät heute eben können muss. Ganz so flach und rechenstark wie ein iPhone ist es zwar nicht, kostet aber auch nur rund halb so viel.

Lange ließe sich über technische Details, deren Vorzüge und Nachteile schreiben. Aber bei einem Telefon, das so gewöhnlich aussieht und so anders sein will, drängen sich andere Fragen auf: Was daran ist fair? Was will es besser machen? Was soll es bewirken?

In vier Aspekten unterscheidet sich das Fairphone von der Konkurrenz und wirft ein Licht auf die Missstände der Branche:

1. Die Arbeitsbedingungen. Es ist kein Geheimnis mehr, dass die Großen Dreck am Stecken haben – spätestens seit Suizide verzweifelter Fabrikarbeiter die Zustände beim Apple-Zulieferer Foxconn ins Licht der Weltöffentlichkeit gerückt haben. Ausbeutung am Fließband ist weder auf Apple-Geräte noch auf Fabriken in China beschränkt. Foxconn musste Verstöße in Fabriken eingestehen, in denen auch für Sony und Nokia produziert wurde. Samsung musste Ende vergangenen Jahres nach einer eigenen Überprüfung seiner Zulieferer "unzureichende" Arbeitsbedingungen eingestehen.