Grün-weiße Legende, so sehen wir uns wieder? Zur DDR-Zeit war Chemie Leipzigs Stadion eine Festung. Hier, im Arbeiterbezirk Leutzsch, trieb enthemmtes Proletariat seine Helden nach vorn, mit vieltausendfachem Schämie!-Gebrüll und dem staatsfeindlichen Schlachtruf: Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher! Verklungene Tage. Heute bröckeln im Alfred-Kunze-Sportpark die Traversen. Es gähnt die antike Tribüne. Den Norddamm beschmierte nächtliche Feindeshand mit JUDENCHEMIE, NSU und Davidsternen.

Aber der Ball rollt. Wenige Hundert Unentwegte verfolgen einen Landesliga-Kampf der Kulturen: Tradition gegen Kommerz, SG Sachsen gegen die zweite Mannschaft von RB Leipzig. Zwei Dutzend Gästefans krähen, ansonsten walten Bierruhe und Sonntagsfrieden. Kurz vor der Pause fällt das 0 : 3. Nun doch Erregung. Der Schiri! Du Blinder! Du Mateschitz-Knecht, dir steckt doch ’ne Red-Bull-Dose im Arsch! Tod und Hass dem RBL!

RB steht keineswegs, wie landesweit vermutet, für "RiesenBeschiss" oder gar das österreichische Getränkekombinat Red Bull. Nein, RasenBallsport Leipzig heißt der zugereiste Club, weil er – anders als Red Bull Salzburg – nach deutschem Vereinsrecht keinen Firmennamen tragen darf. Seit Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz vor fünf Jahren sein Raumschiff an der Pleiße landen ließ, gilt er, je nach Philosophie, als Retter oder Okkupant der Leipziger Fußballgeschichte. RB soll in die Bundesliga. Derzeit besteht das einheitsdeutsche Oberhaus ja nur aus Westvereinen.

Wusste Mateschitz, dass er Kampfgebiet besetzte? Seit Menschengedenken befehden sich zwei Leipziger Lager: Chemie und Lok. 1963 hatte der DDR-Fußballverband Leipzigs Spitzenkicker evaluiert. Die Besten spielten fortan beim SC Leipzig, nachmals 1. FC Lokomotive. Der "Rest von Leipzig" bildete die BSG Chemie. Sensation: Diese Truppe wurde Meister. Später ging es abwärts mit Chemie. Lok aber, staatlich befeuert, dampfte bergauf und 1987 gar nach Athen, ins Europapokal-Finale gegen Ajax Amsterdam.

Nach der Wende mutierte Lok zum VfB Leipzig, mit dem hochstaplerischen Zusatz: "Erster deutscher Fußballmeister 1903". 1992/93 war der VfB gar Erstligist, stürzte ab, fabrizierte zwei Insolvenzen und startete 2003 zum Jubel der Altfans in der 11. Liga wiederum als 1. FC Lok. Chemie, 1990 mit Chemie Böhlen zum FC Sachsen fusioniert, errang nie Höheres als Liga 3. 2009 war der Verein restlos pleite und wurde aufgelöst. Wundersamerweise erstand er doppelt neu, als SG Sachsen und als BSG Chemie. Beide reklamieren die grün-weiße Tradition. Hinzu kommt Politik. Chemie (7. Liga) gilt als links, die SG Sachsen (6. Liga) als indifferent. Lok (4. Liga) hat rechtsaußen Probleme. Und allen fehlt Geld – außer RB.

Wir suchen und finden einen alten Helden von Chemie. Doktor Bernd Bauchspieß ist fast 74 und praktiziert noch immer als Orthopäde. Dreimal war er Torschützenkönig der DDR, 1964 traf er vor 180.000 im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro. Der wuchtige Senior erzählt von gewaltigen Schlachten, von Unholden und Lichtgestalten des Ostsports, von den nächtlichen Meerschwein-Versuchen des Medizinstudenten Bauchspieß, die keineswegs seine Fitness mindern durften, denn Trainer Alfred Kunze dekretierte: Wer nicht alles gibt, gibt nichts.

Tempi passati. Bauchspieß zeigt einen Bild- Artikel vom 6. Dezember 2006, in dem er erklärte: "Red Bull ist unsere letzte Chance." Damals wollte Red Bull den FC Sachsen übernehmen, umbenennen, rot-weiß färben. Bauchspieß war dafür, die 1200 Vereinsmitglieder verhinderten den Deal. Red Bull zog zurück. Mateschitz unterstellt alles dem Erfolg, sagt Bauchspieß. Der mochte sich nicht mit Fans rumärgern, die ihre grün-weißen Fahnen und ihren Namen behalten wollten.

Vor den Toren Leipzigs fand Red Bull einen stressfreien Partner: den Fünftligisten Markranstädt. Die Fußballwelt kennt den Ort spätestens seit 1970, als der Markranstädter Rudi Glöckner das WM-Finale Brasilien–Italien pfiff und Pelé die Gelbe Karte zeigte. 2009 legte sich der SSV Markranstädt dank finanzieller Überzeugung mit Red Bull ins Bett und zeugte RasenBallsport. Nach einer Aufstiegssaison verzog man sich nach Leipzig, ins Zentralstadion, das seither "Red Bull Arena" heißen soll. Auch Stadioneigner Michael Kölmel ersehnte Spitzenfußball, um endlich seine Immobilie zu füllen. RB rekrutierte höherklassige Profis, blieb aber in der 4. Liga stecken. 2011 scheiterte man an Chemnitz. Der Osten jubelte. 2012 wurde man von Halle distanziert. Der Osten jauchzte. Endlich, 2013, erreichten die sogenannten roten Bullen Liga 3, nach zwei nervmordenden Qualifikationsduellen gegen die Sportfreunde Lotte.

Nicht nur das offizielle Leipzig war beglückt. Ausgehungert ist die alte Fußballstadt, dürstend nach gutem Sport, der Krawalle müde. 14.000 strömen zum Punktspiel, diesmal der ersten RB-Elf gegen Rot-Weiß Erfurt: Normalvolk, Familien mit Kindern, Kuttenfans, auch Renegaten. Früher bin ich bei Sachsen gewesen, sagt RB-Fan René Schneider, aber nach der Leutzscher Spaltung war das zukunftstechnisch sinnlos. Ohne Geld geht nüscht. Wo’s Geld herkommt, is’ egal.