Krise, welche Krise? Nimmt man die Stimmung in Deutschland ernst, dann gibt es wenig Anlass, sich über Europa noch große Sorgen zu machen. Die dramatischen Wochen, als man mit dem Schlimmsten rechnen musste, liegen lange zurück. Die Finanzmärkte haben sich beruhigt. Die Konstruktionsfehler der Währungsunion scheinen entschärft, Ratspräsident Herman Van Rompuy kann vor der UN-Vollversammlung in New York unwidersprochen behaupten, die "existenzielle Bedrohung des Euro" sei "vorbei" – und er ist nicht der Einzige .

Wir halten das für grundfalsch. Es gibt keinen Anlass, sich erleichtert zurückzulehnen. Im Gegenteil, die Seelenruhe, die große Teile der deutschen Öffentlichkeit in Sachen Euro-Krise ergriffen hat, ist nicht nur grundlos: Sie ist gefährlich. Keine der Krisen, aus denen sich die Euro-Krise zusammensetzt, ist auch nur annähernd gelöst – weder die Banken- noch die Staatsschulden-, noch die Wettbewerbsfähigkeitskrise. Das Staatsschuldenproblem eskaliert weiter. Die mit faulen Krediten vollgesogenen Banken lähmen die Privatwirtschaft. In den Krisenländern wird eine ganze Generation ihrer Lebenschancen beraubt. Die Ränder des politischen Spektrums dieser Staaten radikalisieren sich. Die Bereitschaft, in der Euro-Zone gemeinsame Lösungen zu finden, sinkt rapide.

Wir – elf deutsche Ökonomen, Juristen und Politologen – wollen uns mit der Aussicht, weiter auf Zeit zu spielen und mit immer größerem Einsatz darauf zu wetten, dass die Krise irgendwann vorübergeht, nicht abfinden. Der Patient ist krank, und um ihn zu heilen, reicht es nicht aus, sein Fieber zu senken und auf seine Selbstheilungskräfte zu vertrauen. Wir haben es mit strukturellen Problemen zu tun, und die verlangen nach strukturellen Lösungen. Auch wenn dies im Moment nicht populär ist: Wir sind überzeugt, dass die Währungsunion weitere Integrationsschritte braucht, insbesondere eine handlungsfähige europäische Wirtschaftsregierung.

Wir sprechen dabei als Deutsche, aber auch als Unionsbürger, die mit den Unionsbürgern anderer Länder in einem Gemeinwesen verbunden sind. Das ist kein Widerspruch: Es liegt im deutschen Eigeninteresse, selbst die politische Initiative zu ergreifen, statt den Kopf in den Sand zu stecken und jeden konstruktiven Vorschlag als Versuch abzutun, uns das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Das Prinzip des "No-Bailout", dass also kein Staat einen anderen vor der Pleite rettet, war richtig. Aber solange es nur unter Inkaufnahme unabsehbarer Schäden durchgesetzt werden kann, werden weder Schuldner noch Gläubiger der Behauptung, dass die Staaten zur Eigenverantwortung verpflichtet sind, wirklich Glauben schenken. Die Architektur der Euro-Zone kann somit erst dann glaubwürdig und stabil sein, wenn sie solche Kollateralschäden von vornherein vermeidet. Das bedeutet mehr Integration, wie wir in den folgenden vier Handlungsfeldern zeigen.