Wenn man in diesen Tagen mit Sozialdemokraten spricht, dann erzählen sie von einer Welt, in der die SPD bereits Teil einer Großen Koalition ist. In dieser Welt ermahnen Unternehmer die SPD, doch dafür zu sorgen, dass sich Südeuropäer weiterhin deutsche Produkte leisten können. Verkehrsvereine wünschen von den Genossen höhere Zuschüsse für Straßen und Schienen, Universitäten mehr Geld für die Forschung, Gewerkschaften drängen auf gesetzlichen Mindestlohn.

In dieser Welt wollen die Bürger eine gute Regierung und interessieren sich weniger dafür, was gut oder schlecht ist für die SPD. In der SPD indessen, so stellen einige Genossen selbstkritisch fest, sei es umgekehrt: Kaum jemand interessiere sich für eine gute Regierung – ganz viele sorgen sich um Wohl und Wehe der Partei.

Die SPD steht in dieser Woche an der Schwelle zur erneuten Juniorpartnerschaft in einem schwarz-roten Bündnis. Zwei Sondierungsrunden mit CDU und CSU liegen hinter ihr, eine dritte ist für diesen Donnerstag geplant. An dieser Schwelle führt die SPD einen doppelten Kampf, einen, wenn man so will, in der Außenwelt, einen in der Innenwelt. In der Außenwelt kämpft sie mit der Union um die Bedingungen für ein Bündnis, um die Kernpunkte einer Großen Koalition. Und in der Innenwelt mit sich selbst um die Frage, ob sie diese Schwelle überhaupt übertreten darf – ein Kampf, in dem die reine Binnenlogik herrscht. Diese Doppelstrategie führt dazu, dass am kommenden Sonntag, wenn ein SPD-Konvent über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen entscheiden soll, vieles miteinander im Wettstreit liegen wird: Kopf und Bauch, Vernunft und Gefühl. Und dass bei aller Ratio auf der Wegstrecke am Ende das Irrationale triumphieren könnte, per SPD-Mitgliederentscheid.

Nach zwei Gesprächsrunden steht die SPD mit weniger da, als sie gedacht hatte. Vor allem der Unions-Widerstand beim Mindestlohn überrascht die Unterhändler um Parteichef Sigmar Gabriel. Die Unionsseite weiß, so spekulierten die Genossen, dass eine Große Koalition gegen den Widerwillen der SPD-Basis durchgesetzt werden muss. Also wird sie, so ging die Spekulation weiter, bei dem symbolisch bedeutsamen Mindestlohn einlenken, damit Gabriel dem SPD-Konvent eine Trophäe zeigen kann. Die 230 Delegierten würden dann den Weg frei machen für richtige Koalitionsverhandlungen. Gefangen in ihrer Binnenwahrnehmung, in der sich alles um die SPD und ihre aktuelle Befindlichkeit dreht, übersahen die sozialdemokratischen Sondierer das Offenbare: Die SPD kam bei der Bundestagswahl auf 25,7 Prozent – die Union auf 41,5. Warum sollte der Sieger in Sondierungen nicht als der Stärkere agieren?

Die Dominanz der Innen- über die Außenwelt hat dazu geführt, dass sich im kollektiven Gedächtnis der SPD eine Reihe falscher Erzählungen festgesetzt hat. Die erste Erzählung ist die von der Agenda 2010 als dem Ursprung allen Parteiübels der jüngeren Vergangenheit. Die Außenwelt preist die Agenda-Politik der rot-grünen Bundesregierung als wesentlich dafür, dass Deutschland stärker aus Finanz-, Wirtschafts- und Euro-Krise hervorgegangen ist, als es hineinging. In der SPD-Binnenwelt gilt sie hingegen als Abstiegsbeschleuniger, als unverzeihbarer Bruch mit Tradition und dem höchsten SPD-Gut, der sozialen Gerechtigkeit.

Eine zweite falsche Erzählung prägt die aktuelle Debatte um Sinn und Unsinn einer großen Koalition: Es ist die Erzählung von Angela Merkel als Schwarzer Witwe. Aber nicht Merkel hat nacheinander ihre Partner, zuerst SPD, dann FDP, gemeuchelt – das haben die schon selbst besorgt.

Das Gegenargument heißt 4 – 19 – 67. All jene in der SPD, die, wie etwa der designierte Parteivize Thorsten Schäfer-Gümbel, das Gejammer über das Sozen-Unglück Große Koalition nicht mehr hören können, reden jetzt von diesen 4 – 19 – 67. Vier Vorsitzende hat die SPD zwischen 2005 und 2009 verschlissen. Vor der Wahl geißelte sie damals die von der Union angekündigte Erhöhung der Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte als "Merkelsteuer" – und setzte nach der Wahl eine Anhebung von 16 auf 19 Prozent durch. Eine Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre stand in keinem SPD-Programm. In der Regierung verstand sie es, ein ungeliebtes CDU-Renten-Projekt zur verhassten eigenen Sache zu machen. Hier liegen die Gründe für den Absturz auf die 23 Prozent: bei den eigenen Fehlern.