Die Delphi Lodge an der irischen Westküste wäre ein wunderbarer Schauplatz für einen Mord in traditioneller angelsächsischer Manier: ein einsam gelegenes Herrenhaus am See – Fin Lough –, im Hintergrund vom Nebel umwallte Berge. Geweißelte Steine markieren die Auffahrt zwischen Bäumen und ledrigem Rhododendron. Hortensien und Fuchsien umbuschen die rote Haustür. Wilder Wein wächst die Mauern hoch. Im Laub lehnen Kescher und Angelruten, die bis über die Fensterbänke im ersten Stock spitzen. Der Rasen zwischen Haus und See liegt ausgebreitet wie ein grünes Fell. Drei Männer in einem Boot. Leiser Ruderschlag, keine Stimmen, kein Handyempfang. Es riecht nach Holzrauch. So weit alles friedlich.

Die Delphi Lodge wurde 1830 für den 2. Marquis von Sligo erbaut, zweigeschossig, klassisch elegant. Der Marquis, ein großer Plünderer des antiken Griechenlands, nannte sein Domizil nach dem heiligen Ort am Fuß des Parnass. Hier also Delphi in Connemara, weltlich bis unheilig, ohne Orakel, aber durchaus nicht ohne Rätsel. In das Haus am See lud der Marquis seine Freunde zum Jagen, Fliegenfischen und Feiern ein. So sollte es bleiben. "Wir sind kein Hotel", heißt es in der Broschüre, die auf dem Bett liegt, "und wollen es auch gar nicht sein." Es gibt nicht einmal Zimmerschlüssel. Und keinen Fernsehapparat. Die Lodge gehört einem Syndikat von Stammgästen und ist "in erster Linie ein privates Landhaus. Wir hoffen, dass Sie sich in der Atmosphäre häuslicher Geselligkeit wohlfühlen und sich als unseren persönlichen Gast betrachten." Gleichwohl muss man am Ende für sein Frühstück, seinen Whiskey und sein Federbett bezahlen.

Hier könnte das kriminalistische Geschehen einsetzen. Denn wo der Marquis seine Gäste nach sportlichen, geistreichen oder partykompatiblen Gesichtspunkten auswählte und Damen der trinkfesten, schwadronierenden Männergesellschaft vermutlich fernblieben, kehren nun Menschen ganz unterschiedlicher Interessen ein, von denen man nicht weiß, was sie verbindet.

In einer Gesellschaft, in der es nicht mehr um die Größe erbeuteter Tiere oder antiker Säulen geht, macht sich das Trennende bemerkbar, wenn sie mit sanftem Druck zusammengeschoben wird: um halb acht im Salon zum Aperitif, um acht nebenan zum Dinner um die lange Table d’Hôte. Man lobt die Austern, die gebratene Wachtel und die ausgezeichnete Lammschulter in Rosmarinsauce. Nach dem Dessert begeben sich alle zurück an den Kamin im Salon, wo der Kaffee zu hausgemachten Schokoladentrüffeln gereicht wird.

Dort sinken sie in die Plüschsofas und wagen nicht, sofort wieder aufzuspringen: der Banker aus London neben den Gewerkschafter aus Toronto; die Dame, die schon bei Tisch die Umstände eines Freundes im Upper-Class-Akzent heraustrompetete ("Frau weg, Kinder weg, jetzt auch noch das Haus") neben die beiden Teenager, die sich stumm die Pulloverärmel über die Handrücken ziehen, der unbeirrt heitere Amerikaner, der etwas mit Ölförderung zu tun hat, vis-à-vis dem älteren Ehepaar aus Hampshire, das sich kalt lächelnd gegenseitig demontiert.

Sex und Fliegenfischer

Sie hatte den ganzen Tag in der Bibliothek auf ihn gewartet, zuerst am Fenster, mit Blick auf Fin Lough; hatte Tee und Scones bestellt und in der Zeitung geblättert. Danach stand sie vor dem Kamin und betrachtete den ausgestopften Rekordlachs im Glaskasten, den Nigel Saxby-Soffe am 26. August 1986 gefangen hatte, 19 Pfund und 10 Unzen schwer, also gut achteinhalb Kilo. Ein Klotz im Feuer spuckte Funken.

Der Tee wurde kalt, während sie mit schräg gelegtem Kopf die Bücherregale durchmusterte: Betrachtungen über die Schönheit des Angelns – Künstliche Fliegen binden für Anfänger – Sex und Fliegenfischer – Das endgültige Kompendium gigantischer Lachse (2 Bände). Schließlich hatte sie sich, mit den Füßen über der Lehne zu einem Nickerchen auf das rote Sofa gebettet. Vor den Fenstern war eine wasserdicht verpackte Gestalt mit Angelrute vorbeigeschlappt. Er hatte nichts gefangen. Dafür war er eine Beute der Mücken geworden.

Wenn es dann still geworden ist im Haus und das Kaminfeuer verglommen, nur noch das blaue Licht aus der Küche in den Flur scheint und man das Fenster neben dem Bett hochschiebt um ins Regengeflüster hinaus zu lauschen, könnten der Dame aus der Bibliothek die Nerven durchgegangen sein, und der Gatte wird am nächsten Morgen, mit einer Angelschnur um den Hals und einer handgebundenen Lachsfliege der Sorte Donner und Blitz, auf dem Kachelboden des Rod Room gefunden.

So gehen die Gedankenspiele an einem trüben Tag, wenn in der Bibliothek die Teelöffelchen auf den Untertassen klimpern und ein Mann hinter der Irish Times zu seiner Frau sagt: "Da hat ein Typ in Derry stundenlang seine Freundin im Auto eingesperrt. Kannst du dir das vorstellen? Der hat doch einen Knall."